Zu den marxschen Begriffen Proletariat und Lumpenproletariat

Verwest und faulig

Die marxschen Begriffe entstammen der Ideenwelt des 19. Jahrhunderts. In der Gegenwart haben sie die Gestalt von Untoten angenommen.

Marx ist lange begraben. Eigentlich ergäbe sich damit die Möglichkeit, sich seinem Begriffsarsenal nicht als fleißige Schülerinnen zu nähern, die sich dienstfertig vor ihrem »Vordenker« verbeugen, sondern mit der Taktlosigkeit der Grabräuberinnen sich zu greifen, was verwendbar scheint.

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Einer der größten und schillerndsten Begriffe aus diesem Arsenal ist der des Proletariats. Das Wort stinkt natürlich, es ist halb verwest. Eine klare Abgrenzung des Begriffs ist nicht möglich, weil dieser schon die Form verliert, von ­Insekten angefressen wurde und hier und da zu suppen begonnen hat. Die Verwesung, der Verlust von Form und Abgrenzbarkeit ist aber vielleicht ge­rade nötig, damit der Begriff wieder an­steckend und gefährlich wirken kann.

Sicher wäre es an dieser Stelle seriös, eine Definition anzubieten, die Sache zu umranden und in ihre Schranken zu weisen. Auszulesen: hier die ordentlichen Proletarier, dort die unrechtmäßigen Abkömmlinge, die Abweichlerinnen, Überschüssigen, Verwahrlosten, Kleinkriminellen, die oben verbürgerlichten oder unten verelendeten Gestalten. Im kommunistischen Manifest heißt es: »Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen.«

Nur fehlt im Manifest die entgegengesetzte Möglichkeit: dass das Lumpenproletariat bereits streikt und rebelliert, während sich das »richtige« Proletariat hat rekrutieren lassen. Solange die zwei Pole existieren, kann die Kompassnadel mal in die eine, mal in die andere Richtung ausschlagen. Mal nimmt diese, mal jene Gruppe die Rolle der Streikbrecherinnen respektive der Streikenden an, mal die der Ordnungskräfte, mal die der Revoluzzer.

Der Historiker Cedric J. Robinson beschreibt in »Black Marxism«, wie bereits im europäischen Mittelalter Aufstände durch Armeen niedergeschlagen wurden, die sich aus marginalisierten und migrantischen Bevölkerungsgruppen rekrutierten. In den USA wurden in Zeiten von Streiks und Aufständen die verschiedenen europäischen Einwanderinnen mal entlang religiöser, mal entlang nationaler Linien gegen­einander instrumentalisiert und schließlich wurde der Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung ­geschürt, um eine Solidarisierung aufgrund der gemeinsamen ökonomischen Interessen zu verhindern.

Vor diesem Hintergrund wäre das Proletariat weniger von seiner Identität, sondern vielmehr von seiner Spaltung her zu begreifen. Die Spaltung in Proletariat und Lumpenproletariat, Lohn­arbeiterinnen und Arbeitslose, Streikende und Streikbrecherinnen ist ihm nicht nachträglich, zufällig oder kulturell passiert. Das Proletariat ist immer schon gespalten. Die Spaltung ist das, was sein Entstehen und sein Fortbe­stehen ermöglicht, und damit auch das Fortbestehen des Kapitalismus. Die voneinander Gespaltenen lassen sich als Polizei und Armee gegen widerständige Bevölkerungsgruppen rekrutieren, als Ersatzarbeitskraft im Falle eines Streiks, als Vorarbeiterin und Aufseherin am Arbeitsplatz oder im ­Familienleben und als kranke, kriminelle oder terroristische Schreckgespenster, vor denen die herrschende Ordnung einen immer umfassenderen Schutz verspricht. Die Spaltung rassistisch, ­sexistisch oder kulturell zu begründen, sie für unvermeidlich, naturgegeben oder selbstverschuldet zu erklären, lenkt den Hass und die Angst, die dem Konkurrenzverhältnis und der spaltenden Ordnung gelten müssten, auf die ­jeweilige Konkurrentin um. Je mehr das Problem der Spaltung, Konkurrenz und Hierarchisierung als unergründliche, natürliche oder wesenhafte ­Gefahr des Anderen verschleiert wird, umso mehr wächst die Sehnsucht nach Überwachung, Einschließung, Ausgrenzung und Schutz durch autoritäre, professionelle, technisch über­legene Instanzen. Die Entwicklung endet nicht mit dem privaten Bunker. Das faulige Lumpenproletariat lauert nicht mehr nur außerhalb der Grenzen, vor den Fabriktoren, in Gestalt der Frau oder als befremdliche Nachbarin, sondern auch als Bedrohung von innen, als Burn-out, Konzentrationsschwäche, Be­ziehungsunfähigkeit, Lücke im Lebenslauf, fehlende Selbstdisziplin, mangelnder Sexappeal, Sucht oder gestörte Darmflora. Mit der Angst richtet sich auch der Disziplinierungs-, Über­wachungs- und Abgrenzungsapparat gegen die Subjekte selbst.

Das entgrenzte Proletariat, das überall herausgehalten werden soll, aber dennoch als langsam verwesendes durch die Zäune, Mauern und Körperöffnungen fließt, muss nicht unbedingt als eines gesehen werden, das schwächer wird, sondern auch als eines, das sich ausbreitet und ansteckend wirkt. Die Hoffnung be­stünde nicht darin, sich in Abgrenzungsarbeit zu erschöpfen, ­sondern mit Weckrufen und Beschwörungsformeln zu experimentieren.

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