Hans Weingartners gefälliges Roadmovie »303«

Diskurs auf Süden

In Hans Weingartners Erstsemester-Roadmovie »303« blüht die Liebe auf, aber die ­Gesellschaftskritik verdorrt.

»Kapitalismuskritik kann man schlechter verpacken«, meinte ein Kollege im Flurgespräch nach der Filmvorführung und trifft die Sache damit ganz gut. Hans Weingartners Roadmovie »303« hat längst nicht die Relevanz, die man seinem Film »Die fetten Jahre sind vorbei« zubilligen musste, aber die Geschichte der beiden Studierenden Jule und Jan ist stimmig erzählt. »303« zeigt junge Erwachsene beim Sich-Verlieben in schönen Landschaften mit Transit-Kulissen wie Rastplätzen, Tankstellen und Hotels. Leider hat das Erstsemester-Roadmovie nicht den Mut, mehr zu wollen.

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»303« ist die Typenbezeichnung des Mercedes-Oldtimers, in dem weite Teile des Films spielen. Hinterm Steuer sitzt Jule (Mala Ende), die gerade durch die Bio-Klausur gerauscht ist. Sie konnte den Zitronensäurezyklus nicht erklären. Vielleicht konnte sich die junge Frau auch einfach nicht auf den Lehrstoff konzentrieren; sie ist ungeplant schwanger und weiß nicht, ob sie sich für oder gegen das Kind entscheiden soll. In ihrer Ratlosigkeit beschließt sie, ihren in Portugal lebenden Freund Alex aufzusuchen. Alex schreibt dort an seiner Doktorarbeit und weiß noch nichts von der Schwangerschaft. Kurz­entschlossen steigt sie ins Wohnmobil, um zu ihm nach Portugal zu fahren. Unterwegs gabelt sie den Politikwissenschaftsstudenten Jan (Anton Spieker) auf, der seinen in Spanien lebenden leiblichen Vater kennen­lernen möchte. Eigentlich wollte sie ihn bei nächster Gelegenheit wieder raussetzen, aber dann vertreibt Jan einen potentiellen Vergewaltiger und bietet sich als idealer Reisegefährte gen Atlantik an. Bald verstehen sich beide ausgesprochen gut, auch oder weil sie widerstreitende Weltbilder haben.

Jan ist davon überzeugt, dass der Mensch durch und durch egoistisch ist: Das sei zwar nicht gut, aber damit müsse man sich arrangieren, um durchzukommen. Jule hält dagegen, preist die Solidarität als Grundprinzip und beruft sich dabei gerne auf die Biologie. Dass sie Jan mitgenommen hat, ist für sie schon der Beweis für das Funktionieren einer auf Kooperation angelegten Ordnung. So geht es wie in einem dialogischen Stationendrama von der Systemimmanenz des Kapitalismus, dessen Vereinnahmungsstrategien und Konkurrenzprinzip, hin zur Gegenüberstellung von Neandertaler und Cro-Magnon-Menschen. Schon die Frühmenschen hätten über eine soziale und künstlerische Ader verfügt, wird argumentiert. Wie praktisch, dass die Höhle von Altamira mit ihren Wandmalereien auf der Strecke liegt. Die illustrieren wie von unsichtbarem Händchen geführt die Stimmigkeit von Jules Annahmen. Echter Streit kommt im Film allerdings nicht auf. Jan und Jule liefern sich einen spielerischen Schlagabtausch, der nicht abreißen will. Führt Monogamie ins Unglück und kann man sich aussuchen, in wen man sich verliebt? Die beiden durchqueren Frankreich und erreichen Spanien, ihre Gespräche werden nach und nach immer persönlicher. Und von Anfang ist klar, dass sich beide ineinander verlieben werden. Die auf aktuelle politische Fragen zugeschnittenen Dialoge wirken mitunter wie aus der »Lindenstraße« entnommen; doch insgesamt verbindet Weingartner nicht ungeschickt Coming of Age, Selbstfindung und unschuldige Erotik. Das Rezept hat er schon früher erprobt, allerdings agieren die beiden Hauptdarsteller so selbstverständlich, wie man dies selten im deutschen Kino sieht. Gerade auch in den intimen Momenten wirkt hier nichts peinlich, einstudiert oder gestelzt. Anton Spieker ist ein herrlicher, schlaksiger Naseweis, manchmal einfach nur ein großer Junge, der optimistisch in die Zukunft schaut. Mit derselben Leichtigkeit spielt Mala Emde, die mit leicht brüchiger Stimme und wässrigen Augen die großen Fragen des Erwachsenenlebens erörtert. Die Filmromanze ist gelungen, aber »303« will und soll mehr sein als ein »Anti-Tinder-Film«, wie Weingartner betont.

Die Gesellschaftskritik zeigt sich weder in den schönen Landschaftsbildern noch in den Dialogen. Was aufscheint, ist lediglich eine linksliberale Selbst­vergewisserung der miserablen Verfasstheit der Welt.

Die Gesellschaftskritik zeigt sich jedoch weder in den schönen Landschaftsbildern noch in den Dialogen. Was aufscheint, ist ledigliche eine linksliberale Selbstvergewisserung der miserablen Verfasstheit der Welt. Schon Weingartners Film »Die fetten Jahre sind vorbei« (2003), ein Erbauungswerk des gutbürgerlichen Gewissens, war ein großer Publikumserfolg. Dort brach ein Duo in die Häuser der Oberschicht ein, um die Wohlhabenden durch verrückte Möbel und an die Wände gesprühte Parolen zu erziehen. Eine amouröse Wendung später finden sie sich als Kidnapper wider. Wegen des Verständnisses ihres Opfers – ein Altachtundsechziger – für die Täter kommen sie schadlos aus der Geschichte raus. In »Die fetten Jahre sind vorbei« blitzte allerdings ein Funken revolutionären Aufbegehrens auf, auch wenn es sich letztlich um ziellose Rebellion handelte, die die Ästhetik zerstörter Villeninneneinrichtungen zelebrierte. In Weitgartners »Free Rainer – Dein Fernseher lügt« wird die einfache These von den massenverdummenden Medien ausgewalzt. Ein geläuterter Fernsehproduzent für Privatsender zieht gegen den Trash ins Feld und zettelt letztlich erfolglos eine Kulturrevolution zur geistigen Befreiung des Fernsehpublikums an. Das mit rasanter Action und pointierter Satire gefüllte Drama mokiert sich über die Unterhaltungsindustrie. Das geschieht allerdings mit den Mitteln derselben, was nicht so recht aufgehen kann.

Ähnlich verhält es sich mit »303«, wobei Weingartner der Ökonomie keine Beachtung schenkt. Jan zahlt hier und da, aber wollte er nicht gerade deshalb trampen, weil sein Stipendium geplatzt und er pleite ist? Und wenn Jule überlegt, ob sie das Kind haben will, geht es an keiner Stelle um ökonomische Fragen, sondern nur darum, ob sie sich mit der Mutterrolle anfreunden kann. Als sie sich entscheidet, das Kind zu bekommen, sagt sie zu ihrem frischgebackenen Gefährten: »Ja, ich werde Mama.« Und der arme Student freut sich. So führen zwei tolle Darsteller ein Pärchen vor, das unverkrampft und jung-naiv zueinander findet. Das Publikum kann sich zurücklehnen und sich am jungen Glück­­
mit vorläufigem Happy End erfreuen.

 

303 (Deutschland 2018). Buch und Regie Hans Weingartner, Darsteller: Anton Spieker, Mala Emde. Start: 19.Juli