»Obey«, Das neue Album von Exploded View, der Band von Annika Henderson

Aufhorchen statt gehorchen

Das neue Album von Exploded View, der Band von Annika Henderson, trägt den Titel »Obey«, befasst sich allerdings in melancholisch und schaurig klingenden Liedern mit dem Gegenteil des Gehorchens.

Eigentlich wollte sie einen Dokumentarfilm drehen, doch am Ende hatte sie eine Band. Als die Musikerin Annika Henderson 2014 wegen einer vagen Filmidee einen Trip nach Mexiko-Stadt plante, war ihr Reisedrang zwar groß, doch das Budget gering. Um den Flug zu finanzieren, besorgte sie sich einen Auftritt bei einem Festival. Ein geschickter Schachzug. Da galt es nur noch, den personellen Notstand zu beheben. Wo pragmatisches Kalkül das Finanzielle regelte, löste die Vermittlung eines Freundes die musikalische Backup-Misere. Henderson wurde mit drei in Mexiko-Stadt beheimateten Musikern und Produzenten bekannt gemacht: Martin Thulin, Hugo Quezada und Amon Melgarejo. Nicht nur das Kennenlernen, sondern auch das gemeinsame Herantasten ans Material ging zunächst online vonstatten. Vor der ersten Liveshow verblieb dem Quartett dann eine Woche Zeit im Proberaum. Und das genügte.

Mit »Obey« verknüpfe die Musikerin Anika Überlegungen zum widerständigen Subjekt, etwa welche Konsequenzen sich aus Normverweigerung und Repressionsabwehr ergeben.

2010 war die studierte Journalistin erstmals unter dem Bandnamen »Anika« als Sängerin in Erscheinung getreten. Mit Geoff Barrows Band Beak entstand das Album »Anika«. Neben zwei eigenen Songs (»No One’s There« und »Officer Officer«), waren auf der Platte auch Coverversionen anzutreffen, etwa von Yoko Onos »Yang Yang«, Bob Dylans »Masters of War«, Twinkles »Terry« und Ray Davies’ »I Go to Sleep«. Die Interpretationen besagter Pop- und Folkperlen der sechziger beziehungsweise siebziger Jahre waren aber keine zahmen Huldigungen. Die Adaptionen zeugten vielmehr von einem gewissen Gleichmut. Das musikalische Vermächtnis wurde mit all dem konfrontiert, was Minimal Wave, Krautrock und Dub zu bieten haben. Die instrumentelle sowie gesangliche Eigenwilligkeit, mit der das Ausgangsmaterial bearbeitet wurde, brachten eine Ahnung davon zu Gehör, dass die Stücke schon einige Jahre auf dem Buckel hatten. Strukturelemente der Originale die aufgrund damaliger Produktionsgepflogenheiten minder ausgeprägt waren, erhielten in deren Neuauflage ihre ganz eigene Aufmerksamkeit. Insofern ist den Musikern eine beachtliche Neufiguration und »Nachreife« (Walter Benjamin) der Originale geglückt.

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Kurz nach Veröffentlichung ihres ersten Albums zog Henderson nach Berlin, wo sie durch rege Betriebsamkeit auffiel. Davon zeugen nicht nur die Kollaborationen mit Obi Blanche, Lionel Williams, Tyler Pope, Yann Tiersen oder T-Raumschmiere, sondern auch das Spielen unzähliger DJ-Sets, zahlreiche Lesungen und die Produktion einer eigenen Sendung auf Berlin Community Radio. Maximale Auslastung also, die ihren Tribut forderte. Mit der Zeit, so Henderson in einem Interview, habe das Musikmachen an Reiz verloren. Sie fühlte sich ausgezehrt, uninspiriert – nichts ging mehr. Und trotz all der Netzwerkerei mangelte es ihr an einer Band, um an neuen Songs zu arbeiten. Als der Überdruss in lähmende Frustration zu kippen drohte, entschied sich Henderson zur Flucht nach vorn. Sie verließ das von ihr ausgeschöpfte Berlin und begab sich nach Mexiko-Stadt.

Die dort aus der Not entstandene Kollaboration gebar eine Befreiung: Im Zusammenspiel mit den drei Musikern kehrten die Hingabe zur Musik wie auch Hendersons Selbstvertrauen zurück. Plötzlich hatte sie mit Exploded View eine Band, die trotz kontinentaler Distanz stabil und produktiv war. Aus dieser Fernbeziehung gingen bis dato zwei Platten hervor: das Debütalbum »Exploded View« (2016) sowie die EP »Summer Came Early« (2017).

Mit ihrem Erstling stellten sich Exploded View einer technischen Beschränkung: Aufgenommen wurde mit einem TASCAM 388, einem Achtspurrekorder, ergänzt durch Live-Aufnahmen. Daher rührt der ungestüme, poltrig-brüchige Sound des Albums, hervorgebracht mit Bass, Gitarre, Schlagzeug sowie Syntheziser. Die wunderbar prägnanten Melodien gehen aber nicht unter, denn Henderson bleibt bei aller Wuchtigkeit immer noch genug Spielraum, um gesanglich dagegenzuhalten.

Ihr neues Album »Obey« haben Exploded View zu dritt aufgenommen, Amon Melgarejo war wohl anderweitig beschäftigt. Was beim ersten Hören der insgesamt zehn Stücke sofort auffällt, sind die Ausdifferenzierung sowie das Zusammenspiel der Fertigkeiten und das verstärkte Interesse an Komposition. Martin Thulin, der sich auf dem Debüt erstmals am Schlagzeug versucht hatte, hat Zutrauen in sein Können gewonnen. Hugo Quezada blüht in seiner Rolle als Moog-Maestro völlig auf: Was er mit dem Synthesizer als Klangerlebnis erzeugt, taugt als Score für mindestens einen bildprächtigen Langspielfilm.

Die von ihm erzeugte Atmosphäre wird gleich im Opener »Lullaby« wirksam. Da knarrt und knarzt der Synthesizer bedrohlich, als öffne oder schließe sich ein Sarkophag. Die gezupften Saiten der Akustikgitarre klingen anfangs eher nach Arpeggios, bis sie schließlich in trocken angeschlagene Akkorde übergehen. Dazu Hendersons Stimme, eher artikulatorisch, pointilliert dahingetupft wirkend – wortloses Umkreisen einer Melodie –, während vereinzelt das Klappern einer Kastagnette die Grabesstimmung konterkariert. Ziemlich schaurig also, wäre da nicht das Giggeln der Band am Ende der Aufnahme. Dennoch bleibt die Assoziation, in schauderhafte Gefilde gelockt zu werden, zumal mit Blick auf Hendersons Kommentar zum inhaltlichen Schwerpunkt des Albums. Mit »Obey« verknüpfe sie Überlegungen zum widerständigen Subjekt, etwa welche Konsequenzen sich für es aus Normverweigerung und Repressionsabwehr ergeben, oder wie mit dem geschichtlichen wie auch familiären Erbe umzugehen sei.

Im zweiten Song der Platte, »Open Road«, entwirft Henderson zu elegisch anmutendem Psychedelic Rock ein Szenario, in dem das Subjekt jeglichem Zusammenhang enthoben zu sein scheint. Zum flirrenden Spiel der Okinara und entlang eines mäandernden Bass-Riffs singt Henderson wehmutsvoll: »On the open land/on the open road/that’s where you felt/most at home/better alone/better alone/And no one can hurt you/and no one can sway you«. Einer kitschig-romantisierenden Vorstellung vom unbeschwerten Vagabundenleben arbeiten diese Zeilen nicht zu, wenngleich sie das solitäre Dasein besingen – ein von Einhegung und Einflüsterung befreites, das den Neuanfang wagt. Doch die Schwermut, die Gesang und Instrumentierung kennzeichnet, gibt dem Song Doppelbödigkeit. Denn die hier evozierte Vision des Aufbruchs hat für einige Menschen tödliche Folgen, wie derzeit für die übers Mittelmeer flüchtenden Menschen. Sie sind Opfer ökonomischer und nationalstaatlicher Interessen, die längst hätten aufgegeben werden müssen.

Die emphatische Aufforderung, emotionalen Ballast abzuwerfen, mit überkommenen (Verhaltens-)Mustern zu brechen, folgt prompt: Mit der Single »Dark Stains« präsentieren Exploded View einen technoiden Post-Punk-Knaller, der äußerst tanzflächentauglich ist. Dass es nicht einfach ist, dem Teufelskreis aus familiärer, sozialer und kultureller Prägung zu durchbrechen, davon weiß auch Henderson: »You’re in a constant battle/with yourself/fighting those ghosts of the past/but inheritance is no excuse/and you can break this/you can’t break this/you can break this«.

»Gone Tomorrow« wiederum ist in seinem Minimalismus ein Glanzstück. Synthesizer und Drumcomputer kommen hier äußerst sparsam zum Einsatz. Keine komplexen Melodien, keine trickreichen Effekte und keine ausgefuchste Rhythmik. Und dennoch entspinnt sich ein extraterrestrisches Klangnetz, in das sich Hendersons sanfter Gesang wunderbar einfügt: »Days they pass/time won’t turn backwards – and/don’t miss your chance/don’t be the coward/it’s no use thinking/what the others will say/Who cares if false friends/if false friends don’t stay«. Das Stück ist ein Appell, Empfindungen zu äußern, sie nicht zu unterdrücken und nicht zu verschweigen, etwa aus Furcht vor sozialer Ächtung. Sowohl die Lyrics als auch die Drums und die vom Synthesizer beigesteuerte simple Bassline werden nahezu mantraartig wiederholt. Diese ausgestellte Monotonie, dieser Loop, reflektiert auf feinsinnige Weise die sich täglich stellende Frage: »What would you do/if your love was gone tomorrow?«

Auch wenn »Gone Tomorrow« dazu ermutigt, sich seiner Gefühle nicht zu schämen, ist es kein launiges Aufmunterungslied, das ins Repertoire sogenannter Life-Coaches passen könnte. Denn wie fast alle Songs des Albums prägt auch diesen eine eigentümliche Melancholie. Um so mehr mag man sich ihnen jedoch anvertrauen: Sie vermitteln den Eindruck, einen aus Erfahrung Wissenden anzutreffen, aber keinen Besserwisser.

 

Exploded View: Obey (Sacred Bones)