Maoistische Gruppen treten in mehreren Städten offensiv auf

Mao mag Deutschland

In mehreren deutschen Städten treten maoistische Gruppen in jüngster Zeit offensiv auf. In Berlin betätigen sich Maoisten als ­selbsternannte Kiezmiliz.

Die Bilder gleichen sich: Meist männliche Jugendliche stehen zusammen, posieren mit einer roten Fahne oder einem Banner mit einem Aufdruck von Hammer und Sichel, die Fäuste geballt, die Gesichter verpixelt. So präsentieren sich maoistische Gruppen derzeit häufiger in den sozialen Medien.

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In den vergangenen Monaten sind vielerorts solche Gruppen entstanden, die offensiv auftreten. Sie alle eint ein gemeinsames Feind- und Weltbild: gegen Bourgeoisie und Imperialismus, für die Arbeiterklasse und das Volk, alles »auf klarer ideologischer Basis des Marxismus-Leninismus-Maoismus«. Erklärtes Ziel ist die »sozialistische Revolution«. Als romantische Projektionsfläche dienen die »kämpfenden Völker der Welt«, die Gruppen erklären sich beispielsweise solidarisch mit der »Neuen Volksarmee« auf den Philippinen, kurdischen Kämpfern in Afrin und selbstverständlich mit dem »Freiheitskampf in Palästina«.

Die Mitglieder dieser maoistischen Gruppen sehen sich gern als saubere Straßenkämpfer, körperlich gestählt und drogenfrei. »Die Faschisten trainieren, um dich zu ermorden. Trainierst du, um dich zu verteidigen?« fragt etwa der »JugendarbeiterInnenbund Münster«, der im Netz auch von einem gemeinsamen Kampfsporttraining mit dem »Jugendwiderstand« aus ­Berlin berichtet.

Doch die erworbenen Fähigkeiten dienen nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zum gezielten Angriff auf Andersdenkende. Gerade Mitglieder des Jugendwiderstands gingen in Berlin bereits des Öfteren gewaltsam gegen israelsolidarische Menschen vor – ganz nach der vom Jugendwiderstand ausgegebenen Parole, man solle nicht sich selbst mit Drogenkonsum, sondern »den Feind« zerstören. Auch die neueren Gruppen scheinen nicht vor Gewalt gegen Linke zurückzuschrecken, die »politisch keine Praxis außer Drogenkonsum in ihren versifften AZs« betrieben: Das »Revolutionäre Kollektiv Flensburg« schreibt dazu, dass es sich nicht von »innerlinker« Gewalt distanziere, die es auch als Gewalt gegen »Antikommunisten« bezeichnet.

Der Jugendwiderstand ist im linken Milieu weitgehend isoliert. Das Revolutionäre Kollektiv Flensburg hat jedoch keinerlei Berührungsängste und bezeichnet die Berliner Gruppe als »Bündnispartner« sowie deren Mitglieder als »Genossen«. Wie aus Berichten im Internet hervorgeht, besuchen sich die Organisationen gegenseitig zur »ideo­logischen Schulung«, machen beim gemeinsamen Wochenende an der Ostsee eine »Verschnaufpause vom tagtäglichen politischen Kampf« und unterstützen einander bei Veranstaltungen. Anfang September nahmen Vertreter maoistischer Gruppen zum Beispiel am von der »West Antifa Connection« ausgerichteten »Fight For Your Class Fest« im »linken Zentrum Hinterhof« in Düsseldorf teil, wo sie sich einen gemeinsamen Informationsstand teilten. Vor dem Treffen hatten einer Stellungnahme der West Antifa Connection zufolge andere linke Gruppen, die das Zentrum ebenfalls nutzen, die Veranstaltung kritisiert. Ein mittlerweile gelöschter »Diffamierungsartikel« auf Indymedia, »vermutlich aus der antideutschen Ecke«, habe zu Diskussionen und zur Ausladung eines Rappers geführt, der Grund sei eine »fehlende Distanzierung von seinen sexistischen Äußerungen«, heißt es in dem Statement. »Wir Kommunisten wissen, dass niemand mit dem nötigen politischen Bewusstsein auf die Welt kommt, sondern es vielmehr unsere Aufgabe ist, dieses zu aktivieren und zu bilden«, so die West Antifa Connection. Ähnliche Aussagen zum »proletarischen Feminismus« kommen auch vom Jugendwiderstand: Man breche nicht gleich den Kontakt zu Leuten ab, die mal »Fotze« sagen.

Das »Revolutionäre Kollektiv Flensburg« schreibt, dass es sich nicht von »innerlinker« Gewalt distanziere, die es auch als Gewalt gegen »Antikommunisten« bezeichnet.

Auch die Flensburger Maoisten sehen sich mit dem Vorwurf der Frauenverachtung konfrontiert. In einem offenen Brief wird das Kollektiv für »Machogebahren« und Aussprüche wie »Jetzt gibt es Schwanz, ihr Fotzen« kritisiert. Alle »linken und fortschrittlichen Kräfte« in Flensburg seien gefordert, deutlich Stellung gegen die Gruppe zu beziehen, heißt es weiter. Unterzeichnet haben den Brief unter anderem die »Antifaschistische Aktion Flensburg«, der in Flensburg ansässige Versand »Black Mosquito«, der Zusammenschluss »Wir sagen Moin« sowie mehrere örtliche Funktionäre der Linkspartei und sogar die DKP.

Die Maoisten traten in jüngster Zeit in verschiedenen Städten sehr offensiv auf. Nach eigener Schilderung nahmen Mitglieder der Gruppen West Antifa Connection, JugendarbeiterInnenbund, Jugendwiderstand und Revolutionäre Aktion Bochum im Juli an der Großdemonstration in Düsseldorf gegen das geplante Polizeigesetz in Nordrhein-Westfalen teil. Man sei »aus dem Block« geworfen worden und habe daraufhin einen eigenen Block gebildet, den »Spaltern« beziehungs­weise »der Spinnerbande« habe man aber »eine klare Ansage« gemacht, heißt es in einem Bericht der Maoisten. Auseinandersetzungen mit diesen gab es auch Mitte September auf einer ­Demonstration in Köthen, bei der Aussagen von Teilnehmern zufolge »Leute vom Jugendwiderstand« aus Berlin und Magdeburg forderten, eine israelische Fahne vom Lautsprecherwagen abzunehmen, und Ordner als »Schwuchteln« beleidigten.

Nach Berichten von Augenzeugen kam es zu Handgreiflichkeiten, die jedoch dank eingreifender Demonstranten schnell beendet wurden, woraufhin »der Jugendwiderstand frühzeitig abreiste«. Jüngst posierten Mitglieder der Gruppe als Antwort auf eine Bürgerwehrkampagne der NPD in einheitlicher Kleidung im U-Bahnhof Neukölln in Berlin und gingen eigenen Angaben zufolge selbst auf Streife. »Eine straff ­organisierte Arbeiterjugend kann ein paar der Aufgaben, die in einer anderen Gesellschaft und bei einer entwickelteren revolutionären Bewegung der Volksmiliz zufallen, übernehmen«, schrieb der Jugendwiderstand aus diesem Anlass. Zu diesen Aufgaben zähle das gewaltsame Vorgehen gegen »das patriarchale Schwein, das eine Frau belästigt«, den »besoffenen Rassisten«, Junkies, »respektlose besoffene Touris« und den »antideutsche Studenten«.

Wie sehr die »Revolutionäre« den ihnen verhassten »Nazischweinen« ­ähneln, zeigen nicht nur ihr Hang zu uniformiertem Auftreten, ihre Vor­liebe für Gewalt gegen politische Gegner und ihr politisches Soldatentum, sondern auch Aussagen von Hannah B., deren Wechsel von der Linkspartei »in das Lager der Revolution« der Jugend­widerstand frenetisch bejubelte. Die Wortwahl B.s in mittlerweile gelöschten Beiträgen auf Facebook lässt tief blicken: »Ich liebe meine Heimat«, und: »Wir lieben das deutsche Volk, die deutsche Nation.«