Anhänger des Fußballvereins BSG Chemie Leipzig wurden zum Ziel umfangreicher staatlicher Abhörmaßnahmen

Vom Fan zum Staatsfeind

Im Kampf gegen radikale Linke überwachte die sächsische Justiz Fußballfans. Anhänger des Vereins Chemie Leipzig wurden Opfer eines Abhörskandals – und suchen nun die Öffentlichkeit.

Ohne die schwarze Fahne bestreiten die Fans von Chemie Leipzig kein Spiel mehr. »129 Freunde« steht darauf, Untertitel »just ultras – just fans«. So auch am Samstag, als der Fünftligist gegen den VFC Plauen spielte. Die Stimmung war gut im Alfred-Kunze-Sportpark, wo der Verein zu Hause ist (siehe auch die Sportseiten in dieser Ausgabe). Kaum rollte der Ball, legten die Ultras los. Während der Partie gab es bis auf die Halbzeitpause keine Minute Ruhe im Block. So weit, so normal.

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Nur Fans? Mit der Kampagne »129 Freun­de« will die Gruppe auf einen Abhörskandal aufmerksam machen, der in seinem Ausmaß für den deutschen Fußball einzigartig sein dürfte. Die Zahl 129 bezieht sich auf den Paragraphen des Strafgesetzbuchs, der die »Bildung krimineller Vereinigungen« behandelt. So eine Vereinigung vermutete die Generalstaatsanwaltschaft Dresden im Milieu der ­Ul­tras von Chemie.

Für die Gründung einer solchen Vereinigung oder die Mitgliedschaft in ihr drohen fünf Jahre Freiheitsstrafe. Der Paragraph 129 ermöglicht geheimdienstliche Ermittlungsmethoden – auch massenhafte Überwachung. So ermittelte die sächsische Justiz in zwei Verfahren gegen insgesamt 24 Hauptverdächtige.

Waren es also schwerkriminelle Staatsfeinde, die da Samstag beim Spiel munter ihre Fahnen schwenkten? Was hecken sie aus, wenn sie choreographieren, Auswärtsfahrten organisieren oder Spenden sammeln, damit sich ihr geliebter Verein Flutlichtmasten leisten kann? Ihren Ausgang nahmen die Ermittlungen im Jahr 2012, als in Leipzig eine Gruppe aus der extremen Rechten von Vermummten angegriffen wurde. Nachdem sich solche Angriffe gehäuft hatten, vermutete die Staats­anwaltschaft organisierte Kriminalität von links. Drei Personen wurden festgenommen. Unter Berufung auf den Paragraphen 129 weiteten die Behörden die Ermittlungen aus. Schließlich führte die Staatsanwaltschaft gegen 14 Per­sonen ein Verfahren. Es waren Menschen, die sich größtenteils gar nicht kannten und deren mutmaßliche kriminelle Verbindung zuweilen daraus bestand, dass sie in der gleichen Straße wohnten – oder eben gern zu Chemie-Spielen gingen.

Wegen des skandalösen Umfangs der Überwachung suchen die Fans die Öffentlichkeit und haben die Kampagne »129 Freunde« ins Leben gerufen – für Ultras ein ungewöhnlicher Schritt. Kontakte zu Behörden und Medien sind sonst eher verpönt.

Dass sie überwacht worden waren, wurde ihnen nach Einstellung des Verfahrens mitgeteilt. Nicht nur Fans, auch deren Geschäftspartner, Verwandte, selbst Berufsgeheimnisträger wie Journalisten, Ärzte und Sozialar­beiter erhielten als sogenannte Drittbetroffene Post von der Generalstaatsanwaltschaft. Die fast 900 Betroffenen konnten Akteneinsicht verlangen. ­Allein zu einem Beschluss fielen knapp 30 000 Seiten protokollierte Telekommunikation an. Einige Fans mussten ihren Bekannten und Angehörigen ­erklären, dass sie Spruchbänder malen und keine Bomben legen.

Kein Verdacht bestätigte sich, alle Verfahren wurden eingestellt. Die Staats­anwaltschaft wertet das als Erfolg. Leon* kauft ihr diese Darstellung nicht ab. Er war Betroffener dieses ersten Verfahrens und wurde nach eigenen Angaben gründlich durchleuchtet. Die rigorose Vorgehensweise und der Umfang der Ermittlungen sind für ihn auch ein Zeichen von Hilflosigkeit: »Es gibt in Leipzig eine diverse und florierende Szene. Gleichzeitig existiert ein hoher Ermittlungsdruck und die Aufklärungsrate von politischen Straftaten ist gering«, sagte er der Jungle World.

Es scheint, als würden die Ermittler in Leipzig ein linkes Phantom jagen. 2014 wurde ein ähnliches Verfahren gegen eine sogenannte Antifa-Sportgruppe ergebnislos beendet. Das alternative Zentrum »Conne Island« war vor Jahren ebenfalls von einem Lauschangriff betroffen – rechtswidrig, wie das Dresdner Verwaltungsgericht kürzlich bestätigte.

Warum Chemie? »Unter Ultras gibt es eine typisch jugendkulturelle, informelle Organisationsstruktur, die für Außenstehende manchmal ein bisschen konspirativ wirkt«, sagt Leon. »Man will nicht, dass die gegnerischen Fans und die Polizei mitkriegen, wie man zum Spiel anreist. So etwas finden Ermittler natürlich interessant.« Leon räumt ein, dass unter Ultras »nicht immer alles rechtskonform« zugehe. Das betreffe zum Beispiel die verbotene Pyrotechnik, die sich die Fans nicht nehmen lassen wollen. Schon gar nicht bei Chemie, dem Leipziger Traditionsverein, der von Fans neugegründet wurde. Obgleich Reibereien mit der Staatsgewalt bei den meisten Ultragruppen vorkommen – wie eine Terrororganisation beschattet wurde bislang noch keine.

Nicht einmal solche Fanvereinigungen, bei denen Gewalt zum Selbstverständnis gehört: Gegen Mitglieder der offen neonazistischen Hooligan-Gruppe »Faust des Ostens«, die unter den Anhängern des Zweitligisten Dynamo Dresden aktiv ist, läuft seit fünf Jahren ein Verfahren. Im Juni 2018 wurde die Anklage zugelassen, einen Monat vor der Verjährung. Trotz belegter Überschneidungen von »Faust des Ostens« mit Pegida, Legida und der rechtsterroristischen Gruppe Freital scheint die Justiz hier keinen allzu dringenden Handlungsbedarf zu sehen.

»Das ist ein Spezifikum dieses Landes«, sagt Leon. Wegen des skandalösen Umfangs der Überwachung suchen die Fans die Öffentlichkeit und haben die Kampagne »129 Freunde« ins Leben gerufen – für Ultras ein ungewöhnlicher Schritt. Kontakte zu Behörden und Medien sind sonst eher verpönt. Unterstützung erhalten sie vom Fanprojekt, einem gemeinnützigen Träger, der sich unter anderem in der Gewaltprävention bei jugendlichen Fußballfans engagiert.

Die Fanszene von Chemie ist für ihr Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus bekannt. Für ein Projekt mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen erhielten Ultras und Verein 2014 den sächsischen Demokratieförderpreis. »Wir sind eigentlich, bei aller Ultra-Spezifik, eine ziemlich öffentliche und transparente Truppe«, sagt Leon. Umso absurder findet er die Überwachung. Die Räume des Fanprojekts wurden im Rahmen der Ermittlungen observiert. Eine von Land und Stiftungen ausgezeichnete soziale Initiative mit Fußballbezug – beschattet wie ein Staatsfeind? In Sachsen offenbar kein Widerspruch.

Vom Unmut der Ultras war beim Spiel gegen Plauen wenig zu spüren. Wie gewohnt feuerten die »Chemiker« ihre Mannschaft an. Wie so oft verliehen sie ihren politischen Positionen Ausdruck – diesmal mit einem Spruchband, auf dem sie ihre Solidarität mit den Protesten im Hambacher Forst kundtaten. Als in der 88. Minute überraschend das Siegtor für die BSG Chemie fiel, lagen sich die Ultras in den Armen. So weit, so normal. Nicht dass ein anderes Ergebnis ihre Begeisterung für den Verein jemals hätte trüben können. Oder die sächsische Justiz.

* Name von der Redaktion geändert.

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