Der neue Teil von »Halloween« ist gutes Gruselkino

Er ist nicht totzukriegen

»Halloween« war der stilprägende Schocker des Kinojahres 1978. Vier Jahrzehnte später wird die furchteinflößende Titelmusik wieder in den Kinosälen erklingen: Ebenfalls »Halloween« heißt der neue Film schlicht, der einige verpatzte Sequels wieder gutmacht. Wird Jamie Lee Curtis alias Laurie Strode dem Killer Michael Myers endlich den Garaus machen?

Seit 40 Jahren stapft Michael Myers stumm durch amerikanische Provinzstädtchen. Sein Gesicht ist verdeckt von einer weißen Maske, in der Hand hält er ein Messer, ­bereit, sein blutiges Werk auszuführen. Myers stirbt einfach nicht, ­genauso wie die auf seiner Figur basierende Filmreihe »Halloween«, die mittlerweile elf Filme umfasst.

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Mit »Halloween« setzte der Regisseur John Carpenter 1978 neue Maßstäbe für das Horrorfilmgenre. Die danach kommenden Filme mussten sich wohl oder übel an dem Begründer des Slasher-Subgenres messen, in dem bevorzugt Teenager Opfer ­eines Killers werden. Der bislang letzte große Genrebeitrag war die »Scream«-Reihe mit vier Teilen, deren Regisseur Wes Craven, ebenfalls ein Pionier des Slashers, keine Möglichkeit ausließ, mit Referenzen auf »Halloween« um sich zu werfen. Im Grunde treiben all diese Filme ­Alfred Hitchcocks »Psycho« auf die Spitze. Die berühmte Szene, in der die Sekretärin Marion Crane, gespielt von Janet Leigh, unter der Dusche von Norman Bates (Anthony Perkins) erstochen wird, wird in den Slasherfilmen immer wieder neu inszeniert und kommt in Variationen nicht nur einmal, sondern gleich mehrere Male vor, frei nach dem Muster: junge, hilflose Opfer werden von einem Killer überrascht und ermordet. So funktionierte auch der erste Teil von »Halloween«, dessen deutscher Untertitel »Die Nacht des Grauens« lautete.

Schauplatz von Carpenters Film ist Haddonfield, ein Kaff im mittleren Westen der USA. Der sechsjährige Michael Myers beobachtet seine ältere Schwester beim Knutschen mit ihrem Freund und ersticht sie, nachdem sie, für den Zuschauer offensichtlich, Sex mit dem jungen Mann hatte. In der psychiatrischen Klinik, in die ­Michael daraufhin eingeliefert wird, kann er nicht zum Reden gebracht werden. Auch nach Jahren der ­The­rapie ist niemand zu ihm durchgedrungen. Sein Arzt, Dr. Sam Loomis (Donald Pleasence), sagt, in ­Myers’ kalten Augen funkele das pure Böse. Exakt 15 Jahre nach der Tat ­gelingt Myers die Flucht. Er kehrt zurück nach Haddonfield und tötet in der Halloweennacht mehrere Teenager – eine Babysitterin und ein ­Liebespärchen –, um dann Jagd auf die 17jährige Laurie Strode zu machen, die von Jamie Lee Curtis gespielt wird. Die weiß sich zu wehren, und nach ihrem zähem Überlebenskampf schießt Psychiater Loomis Myers nieder – doch später wird keine Leiche gefunden.

Der Film lässt viele Fragen offen, was eine seiner Stärken ist. Uneindeutig bleibt, was Myers ganz genau zu den Morden motivierte. Ist er krank, besessen, gelenkt von einer höheren Macht? Die vage Antwort wäre wohl, dass der stumme Mörder das abgrundtief Böse, das Monströse im Menschen in Reinform verkörpert. Die Folgefilme der »Halloween«-Reihe entdeckten hier Potential und erfanden immer haarsträubendere Geschichten: Myers Handeln wird mit einem keltischen Fluch erklärt, der ihn zum Opferritual am Feiertag zwinge. In einem anderen Teil hat er telepathische Fähigkeiten und ­leitet andere zum Töten an.

Der neue »Halloween«-Film lässt sich auf solche unseligen Mätzchen gar nicht erst ein, sondern knüpft ­direkt an die ursprüngliche Geschichte an. Zurück in Haddonfield, 40 Jahre nach den Ereignissen, die als Baby­sitter-Morde Schlagzeilen machten, nimmt ein Team aus Reportern das Jubiläum zum Anlass für einen Beitrag. Sie wollen Laurie Strode zum Treffen mit dem Serienkiller überreden. Doch die lehnt in einer ­Mischung aus Wut und Angst ab. Warum, merken die Reporter schnell selbst. Als Myers die Flucht aus der Psychiatrie gelingt, zählen sie zu ­seinen ersten Opfern. Laurie Strode jedoch ist nicht unvorbereitet. Sie hat sich schwer bewaffnet und ihr Haus zur Festung ausgebaut. Sie versucht, ihre Tochter und Enkelin zu schützen, die in ihrer Mutter und Großmutter immer die manisch-­panische, verschrobene Alte sahen. Nun sind sie, angesichts von Myers’ Präsenz, für Lauries Einsatz dankbar.

Gestalterisch hat Regisseur David Gordon Green (»Prince Avalanche«) den Plot gekonnt umgesetzt; John Carpenters Funktion als Produzent hatte sicher auch einen Anteil an dem gelungenen Film. Langsame Kamerafahrten, indirektes Zeigen durch Reflektionen auf Glas und das Aufblitzen von Details gleichen den ­Stilmitteln des Originals, sie sind nur leicht an derzeitige Sehgewohnheiten angepasst. Der Zoom auf einen Kürbis am Wegesrand ist zwingend, auch anderes weckt Erinnerungen und führt zum Schaudern. In einer kurzen Rückblende werden auch Originalszenen gezeigt. Der Wechsel zwischen Spannung, hervorgerufen durch undeutliche Bilder, bloße ­Andeutungen und dem plötzlich aufblitzenden Messer fällt hübsch nervenaufreibend aus.

Somit bittet der Film spät um Entschuldigung für die verkorksten ­Sequels, von denen die meisten trotzdem kommerziell erfolgreich waren. Allein der Originalfilm hatte satte 70 Millionen Dollar eingespielt, und das bei Produktionskosten von 320 000 US-Dollar. Gemessen an der Zahl von Nachahmern war »Halloween« erfolgreicher als »Star Wars« oder »Der weiße Hai«. Der Name für gute Gruselunterhaltung nutzt sich offensichtlich nur langsam ab.

Ganz unterschiedlich fielen die Bewertungen von »Halloween« aus. Frauenfeindlich nannte ihn die einen, weil er eine männliche Lust am ­Abstechen zeige. Das ist zu kurz gegriffen, denn die Frauen sind nie nur Opfer, sondern wehren sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Am Ende ist es – fast – immer eine Frau, die Myers beim Showdown zur Strecke bringt. ­Carpenter selbst sagte zu den Vorwürfen, die Pointe liege gerade darin, dass nicht die knutschend auf der Couch Liegende, sondern die sexuell Frustrierte den Killer am Ende besiegt und damit ihre gehemmte Lust im Akt der Selbstverteidigung mit phallischen Gegenständen auslebt.

Uneindeutig bleibt, was michael myers ganz genau zu den morden motivierte. Ist er krank, besessen, gelenkt von einer höheren macht?

Steckt nicht ein Element der Selbst­ermächtigung darin, dass sich die Frauen gegen den Killer verteidigen müssen? Durch die Konfrontation mit der harten Realität kämen sie erst zu sich selbst, wie einige Kommentatoren vulgärpsychologisch meinen. Tatsächlich liegt im neuen »Halloween« der Schwerpunkt noch mehr auf den starken Frauenfiguren, ­namentlich auf den Frauen der Familie Strode. Großartig ist Jamie Lee Curtis, die in der Rolle der Laurie Strode zurückkehrt, die ihr einst den Spitznamen »Scream Queen« einbrachte. In ihrer Rolle wechselt sie kontinuierlich zwischen rächender Tatkraft und Angstpsychose. Judy Greer (»Planet der Affen«, »Love and Other Drugs«) versteht es, die meiste Zeit als perfekte Vertreterin der Mittelklasse und fürsorgliche Mutter zu nerven, die im richtigen Moment doch den Abzug an der Pistole findet. Die bisher unbekannte Schauspielerin Andi Matichak serviert erst cool ­ihren Freund ab und stellt sich dann nach kurzer Kreischattacke ihren Ängsten. Michael Myers wird das erste Mal wieder von seinem Darsteller aus dem ersten Teil, Nick Castle, ver­körpert, aber dank Maske ist das eh nicht zu erkennen.

»Halloween« spiegelte auch seine Zeit. Die beim Liebesspiel mit ihrem heimlichen Freund ermordete Babysitterin war früher beliebtes Thema urbaner US-Legenden. Im neuen Film zeigt sich die gegenwärtige Angst vor der Gewissheit des Ungewissen. Viele Menschen erwarten die die nächste Wirtschaftskrise, immer mehr auch einen politischen Zusammenbruch. Man weiß nur nicht, wann die Katastrophe eintritt. Hier scheint sie durch den unerklärlich bösen Myers personifiziert zu werden. Es gilt also, vorbereitet zu sein. Auf Laurie ­Strodes Keller wären viele Prepper neidisch.

Aber in der Erwartung komplizierter Symbolik sollte man »Halloween« nicht ansehen, man würde so den Gänsehautspaß verpassen. Und lauert der wahre Horror nicht sowieso gleich um die Ecke? Ist das Monströse, das in Freunden oder Nachbarn schlummert, nicht schon unerklärlich genug? Die meisten Morde sind banal, wie die Alltagsgegenstände andeuten, die zu Myers’ Mordwerkzeugen werden. Hammer, Brech­eisen, Schraubenzieher. Und immer wieder ist es das altbewährte Küchenmesser, das zusticht.


Halloween (USA 2018). Darsteller: Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Andi Matichak. ­Regie: David Gordon Green. Start: 25. Oktober