Platte Buch - Fred Thomas klingt auf »Aftering« noch immer charmant

Freigesetzte Spitzfindigkeit

Im Video zu »Good Times Are Gone Again«, dem Hit von Fred Thomas’ neuntem Soloalbum, wird den Protagonistinnen reihenweise unwohl, bis sie kollabieren, während um sie herum alles seinen gewohnten Gang geht. »Bad things are happening now«, so lautet der frus­trierte Kommentar ob der autoritären Wende.

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Bleibt dieser Song musikalisch noch nah an Thomas’ vorheriger Diskographie dran, zeigt er sehr anschaulich, wie sich mit fortschreitendem Alter auch die Themen ändern. Thomas spielte in einem Dutzend Bands, am bekanntesten davon Saturday Looks Good to Me, deren orchestraler, von Phil Spector beeinflusster Big-Band-Sixties-Pop Genrekollegen wie Belle & Sebastian blass aussehen ließ.

Im Jahr 2018 klingt Thomas introvertierter, sein Sound beinhaltet nun neben Streichern auch Störgeräusche und droneartige Passagen, teils beigesteuert von John Olson von Wolf Eyes. Thomas lebt mittlerweile in Kanada, und neben der leicht abgespeckten Band hat sich noch etwas anderes spürbar verändert, nämlich in seinem Songwriting: Wie schon auf den beiden Vorgängern, hier aber noch konzentrierter, dominiert auf »Aftering« das Refle­xive. Die Melancholie wird nicht mehr romantisiert, sondern analysiert. Während bei Künstlern wie Mark Kozelek das Storytelling eher als anekdotisch-dokumentarischer stream of consciousness daherkommt, zerlegt Thomas die eigene kleine Welt in ihre Details, dennoch mit Blick auch aufs große Ganze. Songs wie »House Show, Late December« zeigen Depression in all ihren Ausprägungen, auf Tour in der Provinz wie auch in den eigenen vier Wänden, ohne in Selbstmitleid abzugleiten.

So erwachsen Fred Thomas geworden sein mag, seine Musik bewahrt sich ihren ureigenen Charme, und trotz der Reife klingt das Album teils sehr euphorisch. Das Altern mag einen klüger und spitzfindiger machen und setzt damit auch neue Energie frei. »Aftering« zeigt das anschaulich.