Platte Buch - William Heinesen: »Hier wird getanzt!«

Erotik im Tran

Kolumne Von

Hierzulande ist William Heinesen noch immer unbekannt, auf den ­Färöer-Inseln, wo er 1900 geboren wurde und bis zu seinem Tod 1991 gelebt hat, ist er berühmt, aber auch verschrieen, weil er angeblich überaus gemeine Dinge über seine Nachbarn und Verwandten geschrieben hat. Dass ihm an keiner Stelle nachzuweisen war, dass er wirklich lebende Vorbilder benutzt hat, kam verschärfend hinzu: Seht ihr, heißt es, so raffiniert war der Kerl! Außerdem schrieb er auf Dänisch, was jedoch nicht seine Schuld war, zu seiner Zeit war Färöisch noch die verpönte Sprache der Armen und wurde selbst in der Schule nicht in schriftlicher Form gelehrt. Wie immer das mit den Nachbarn gewesen sein mag: In dem Band »Hier wird getanzt!« mit Erzählungen und biographischen Skizzen erweist Heinesen sich als scharfer Beobachter. ­Alles spielt im Zeitraum von 1850 bis 1920, als nach der Aufhebung des dänischen Handelsmonopols die bisher bitterarmen Inseln zu bescheidenem Wohlstand gelangten und sich der Welt öffnen konnten. Viele merkwürdige Traditionen allerdings wurden beibehalten. Die Erzählung »Don Juan vom Tranhaus« etwa wartet mit einer Menge Lokalkolorit und vergessenem Wissen auf. Das Herumwälzen im lauwarmen Tran zum Beispiel setzt beim Protagonisten jede Menge erotischer Energie frei – was dann die Frommen auf den Plan ruft, deren Prediger ihre Mitmenschen vom Sündigen abhalten wollen.

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Aber noch lieber streiten sie sich darüber, welches Tier in der Offenbarung mit »666« bezeichnet ist (man kommt aber überein, dass wohl doch nicht Karl Marx gemeint war). Und die Weisheit der Färöer ist absolut zitierenswert: »Sein Schicksal kennt keiner. Es lauert irgendwo, und plötzlich schlägt es seine Karnüffel in dich – wie Sanherib mit den roten Hahnenaugen.« Wer diese Erkenntnis in ihrer Gänze erfassen und zudem eine Menge über die Färöer lernen will, sollte das Buch lesen.

 

William Heinesen: Hier wird getanzt! Aus dem Dänischen von Inga Meincke und Christel Hildebrandt. Guggolz- Verlag, Berlin 2018, 349 Seiten, 24 Euro

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