Platte Buch - »Text« von Dmitry Glukhovsky

Russia Today

Kolumne Von

Dmitry Glukhovsky ist mit seinen postapokalyptischen »Metro«-Romanen international bekannt geworden. Sein neuer Roman »Text« ist keine Science-Fiction, sondern ein literarischer Thriller, der im Moskau der Gegenwart spielt. Die Realität im heutigen Russland sei, so Glukhovsky, phantastisch genug.

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Ilja, gerade für das Linguistikstudium zugelassen, geht mit seiner Freundin in einem Club tanzen. Bei einer Razzia steckt ihm der Polizist Petja, der ihn später verhaften wird, Drogen zu. Sieben Jahre sitzt Ilja unschuldig im Straflager. Nach der Freilassung ist von seinem früheren Leben nichts mehr übrig. Die Perspektivlosigkeit einer ganzen Generation bildet den Hintergrund des Romans. Wer weiterkommen will, muss korrupt sein und andere denunzieren. Ilja wird zum zufälligen Opfer dieses Systems. Was für den einen ein Karriereschub war, hat dem anderen die Zukunft genommen. Voller Wut spürt Ilja Petja auf und ersticht ihn. Anschließend sucht er verzweifelt nach einer Möglichkeit, doch noch ein neues Leben zu beginnen. Sein einziger Bezugspunkt ist das iPhone, das er dem Toten entwendet hat. Er liest sich durch Chat-Verläufe mit Arbeitskollegen und besorgte E-Mails der Mutter, schaut sich Nacktfotos der Freundin an, versucht den Streit mit dem Vater zu verstehen und stößt auf ein verwirrendes Netz aus Drogengeschäften, Korruption und Geheimdienstkontakten. Erst will sich Ilja nur das Geld eines bevorstehenden Drogendeals schnappen, um das Land zu verlassen. Dann wird er aber immer tiefer in Petjas Geschichte hineingezogen und lebt, zumindest am Smartphone, dessen Leben stellvertretend für ihn weiter. Schnell wird klar, dass auch dem vermeintlichen Gewinner seine Machtposition wenig Glück gebracht hat.

In kurzen, scharfen Sätzen teilt Ilja seine Gedanken mit, während er sich durch ein trübes, kaltes Moskau bewegt. Im Hintergrund läuft das Propagandafernsehen, es herrscht eine zynische Hoffnungslosigkeit.

 

Dmitry Glukhovsky: Text. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. Europa-Verlag, München 2018, 368 Seiten, 19,90 Euro