Girlpool singen auf ihrem neuen Album über persönliche Krisen

Größtmögliches Chaos

Das US-amerikanische Duo Girlpool verarbeitet auf seinem Album »What Chaos Is Imaginary« persönliche Krisen.

Girlpool sind eine feministische Band, schon ihr Name spielt damit: »The Girl Pool« ist nämlich der Titel eines Kapitels aus dem Science-Fiction-­Roman »Cat’s Cradle« des US-amerikanischen Schriftstellers Kurt Vonne­gut von 1963. Er beschreibt darin eine Welt, in der Frauen ein ein­geschränktes und bedeutungsloses Leben führen. Einem solchen widersetzten sich Girlpool von Beginn an: »I don’t really care about the clothes I wear / I don’t really care to brush my hair / I go to school everyday just to be made a housewife one day« hieß es in einem ihrer frühen Songs, »Slutmouth«. Gesellschaftlichen Normen zu widersprechen, die Unterdrückung von Frauen, die Diskriminierung sexueller Orientierungen und den Zwang von weiblicher Schönheitsideale abzulehnen, das haben sie sich bis heute bewahrt.
Girlpool besteht aus den zwei Mitgliedern Cleo Tucker und Harmony Tividad, die sich im November 2013 kennenlernten, als Harmony 18 und Cleo 17 Jahre alt waren und beide noch zur Schule gingen.

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Sie stammen aus Los Angeles. Damals spielten beide schon in verschiedenen Punkbands. Die Freundschaft, die aus einer Begegnung in der DIY-Location »The Smell« resultierte, führte bald zur künstlerischen Zusammenarbeit, auch wenn die beiden am Anfang gar nicht vorhatten, eine professionelle Band zu gründen: Doch nur drei Monate nach dem ersten Zusammentreffen veröffentlichten sie ihre erste EP, eine intensive und ziemlich raue Punkrock-Platte unter dem Titel »Girlpool«. Die Songs auf der EP wurden nur mit der elektrischen Gitarre und dem Bass eingespielt, auch ihr erstes Konzert bestritten sie ohne ­einen Schlagzeuger. In der lokalen Underground-Musikszene von Los Angeles waren sie schnell sehr gefragt.

Kommerzieller Erfolg war für die beiden schon damals nicht der Antrieb, um Musik zu machen. Von ­Anfang an waren die Texte des Duos sehr persönlich: Es ging um Themen wie die Reflexion eigener Privilegien, die Rebellion gegen ein bürgerliches Leben, aber auch um die Suche nach sexueller Freiheit. Sie wehrten sich subtil gegen die Vereinnahmung durch eine bestimmte ­Szene oder ein Genre, denn ihre Musik ließ und lässt sich nicht so einfach kategorisieren, auch wenn die Inspiration durch die Riot-Grrrl-­Bewegung unverkennbar ist.

»What Chaos Is Imaginary« spiegelt Einflüsse wie The Breeders und Pixies wider, erinnert in seiner Attitüde an den Anti-Folk der Moldy Peaches, aber auch an Synthiemusik der achtziger Jahre.

2015 erschien das erste Album »Before the World Was Big«, das von ihrer Kindheit an der US-amerikanischen Westküste und der Suche nach Identität erzählte. Die Kritiken waren durchweg positiv, was die beiden anspornte, weiterzumachen. Zwei Jahre später veröffentlichten Girlpool »Powerplant«. »What Chaos Is Imaginary« ist ihr drittes Studioalbum. Was bedeutet der kryptische Titel? »Es geht um die Formbarkeit unserer Realität, die auf unserer Beziehung mit uns selbst basiert und wie wir unsere persönlichen Erfahrungen mit der Außenwelt versöhnen«, sagt Harmony der Jungle World. Sie wollten mit dem Albumtitel aber auch ausdrücken, dass manche Menschen Privilegien innehaben, mit denen sie Chaos anrichten können, dass aber auf der anderen Seite auch Menschen existieren, denen gegen ihren Willen Chaos aufgezwungen wird.

Nicht nur musikalisch, vor allem im privaten Bereich hat sich bei den beiden viel getan. 2018 outete sich Cleo als Transgender. Er begann eine Hormontherapie, was seine Stimme tiefer werden ließ und seinen ­Gesang deutlich veränderte. Auf seiner Instagram-Seite dokumentiert er seine Transition von einem weiblichen zu einen männlichen Körper.

Harmony dagegen hatte während der Entstehungsphase des neuen ­Albums mit psychischen Problemen und einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen. Sie thematisierte diese schwere Zeit im Titeltrack »What Chaos Is Imaginary«, der ihr am wichtigsten auf dem Album ist: »Built yourself some boundaries just to kill a dream / Got your meds and your sky. You’ll plant the moon in someone’s eyes«, heißt es darin. »In dem Lied geht es darum, einen Weg für mich zu mir selbst zu finden, zu versuchen, wieder eine Beziehung mit der Welt aufzubauen, mit der Illusion von Sicherheit, und den Glaube daran wiederzugewinnen, dass ich mich um mich selbst kümmern kann«, beschreibt es die Musikerin.

Fühlt sie sich mittlerweile besser? »An manchen Tagen ja, an anderen nein«, sagt sie. »Ich versuche, Stille in der Meditation, in der Kunst und beim Songschreiben zu finden, aber manchmal klingelt die Welt trotzdem zu laut. Alles ist in Wahrheit ein Prozess. Die verletzten Teile in sich selbst zu akzeptieren und zu beruhigen ist etwas, an dem wir alle arbeiten müssen.« Was sie bedauert: »Das Stigma, das psychisches Unwohlsein in unser Welt umgibt, ist grundsätzlich toxisch.«

Der Entstehung der Platte waren lange Monate des Tourens voran­gegangen, die für beide anstrengend waren. Mittlerweile leben sie nicht mehr in derselben Stadt, aber dennoch so nah beieinander, um sich häufig genug zu sehen: Cleo wohnt in New York, Harmony in Philadelphia. Die räumliche Distanz hat sich auch auf den künstlerischen Prozess ausgewirkt: »Während dieser Zeit haben wir beide allein Musik geschrieben«, erzählt Cleo. »Die Dynamik, auf der unsere Zusammenarbeit basiert, ist sehr intim. Wir kennen uns ja, seit wir Teenager sind, und seitdem ­haben wir so viel zusammen beim Songschreiben entdeckt.«

»What Chaos Is Imaginary« ist ein gelungenes Album, das sich nicht aufdrängt, aber mit seinen eingängigen Songs und mit dem Reichtum an stilistischen Varianten überzeugt.

Die Herangehensweise ist experimenteller als bei früherem Material. »Die Platte wagt sich an verschiedene Sounds heran«, sagt Cleo und erklärt, wieso es so lange gedauert hat, einige der Songs zu veröffentlichen: »Viele der Lieder haben wir schon vor einiger Zeit geschrieben, einige sogar vor vier bis sechs Jahren. Musik zu schreiben ist für uns kein linearer Prozess.«

»What Chaos Is Imaginary« spiegelt Einflüsse wie The Breeders und ­Pixies wider, erinnert in seiner Attitüde passagenweise an den Anti-Folk der Moldy Peaches und Kimya Dawson, aber auch an Synthiemusik aus den Achtzigern. Der US-amerikanische Songwriter Elliott Smith ist nach wie vor ein wichtiger Einfluss für Girlpool, immer wieder haben sie ihre Bewunderung für sein Schaffen ausgedrückt.

Das Schlagzeug ist prägnanter als auf den vorherigen Alben, die roughe und improvisiert wirkende Produk­tion ist den DIY-Wurzeln der Band geschuldet, die Songtexte sind abstrakter und poetischer als früher, klingen weniger wie ein Tagebuch. Girlpool beherrschen die Kunst der Ballade, die auch mal abrupt in ein lärmendes Soundgewitter ausbrechen kann, wie im melodischen »Hire«, einer in seiner entrückten Melancholie besten Momente des ­Albums: »Will I make the matinée with my newest life and be that bright time / Advertise what makes you crazy so I can second guess my ­focus, are you gonna hire me?« Songs wie »Stale Device« oder »Where You Sink« klingen dagegen nach lässigem Neunziger-Jahre-Shoegaze, bereichern dieses Genre aber, anstatt die alten Rezepte nur zu kopieren.

 

Girlpool: What Chaos Is Imaginary (Anti-Records)