Platte Buch - »Ein Spiegelbild im Wasser«: Erzählungen des isländischen Autors Halldór Laxness

Island in the Stream

Kolumne Von

Sämtliche Erzählungen des isländischen Autors Halldór Laxness in ­einem Band! Jede Menge Grund zur Freude also. Zudem sind die Erzählungen in dem Band »Ein Spiegelbild im Wasser« chronologisch angeordnet, so dass sich die Entwicklung des Dichters mitverfolgen lässt: vom 21jährigen, der sich noch für ein junges Genie hält, bis zum Literatur­nobelpreisträger, der sich mit einer gewissen Selbstironie betrachtet. In viele Geschichten flicht er autobiographische Erfahrungen ein. Anfangs drückt er gern ein bisschen auf die Tränendrüse, wie etwa bei der Geschichte eines geschundenen Hundes. Einige Erzählungen sind zu der Zeit entstanden, als Laxness sehr fromm und Katholik wurde, seine Religiosität scheint auch später durch, wirkt aber niemals missionarisch. Als seine tiefreligiöse Phase vorbei war, wurde er Sozialist, und auch das prägt seine Geschichten – Gerech­tigkeit und Solidarität werden gefordert, zugleich zeigt er, dass die meisten Menschen viel  zu sehr mit dem Überleben beschäftigt sind, als dass sie sich um so hohe Werte scheren könnten. Auch die langsame Ernüchterung angesichts der Entwicklung in der UdSSR schlägt sich in seinen Texten nieder. In den vierziger Jahren wächst seine Lust an sprachlichen Experimenten und phantastischen Geschichten – aber es sind die vierziger Jahre, also muss er sich mit dem Faschismus auseinandersetzen. Die Erzählung »Die Niederlage der ita­lienischen Luftflotte 1933 in Reykjavik« (geschrieben 1942) ist ein Höhepunkt dieser Sammlung. In den fünfziger Jahren hatte Laxness eine surrealistische Phase, danach schrieb er nur noch Romane. Aber auch so ist ein stattlicher Band mit Erzählungen zusammengekommen. Ob traurig, ergreifend, komisch oder spöttisch, Halldór Laxness zeigt in diesem Band seine meisterhafte Erzählkunst.

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Halldór Laxness: Ein Spiegelbild im Wasser. Sämtliche Erzählungen. Aus dem Isländischen übersetzt von Hubert Seelow. Steidl-Verlag, Göttingen 2018, 461 Seiten, 24 Euro

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