Im Bündnis zum Internationalen Frauenkampftag gibt es Konflikte wegen israelfeind­licher Ansichten

Die deutschen Sarsours

In der bundesweiten Frauenstreikkampagne zum 8. März gibt es Streit über Israel.
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In diesem Jahr werden am 8. März erneut überall auf der Welt und auch in vielen Städten in Deutschland Frauen auf die Straße gehen und protestieren. Die Demonstrationen zum Internationalen Frauenkampftag haben an Berechtigung nicht verloren: Debatten über ­Reproduktionsrechte von Frauen, oftmals ein Gradmesser der Verfasstheit der Gesellschaft, waren bereits 2016 Dreh- und Angelpunkt des »Czarny-Protests« gegen eine Verschärfung der Abtreibungsgesetze in Polen und sind auch in Deutschland wegen des Streits um den Paragraphen 219a brandaktuell. Es gibt wahrlich genügend Gründe, am 8. März auf die Straße zu gehen.

Feministische Solidarität scheint zweitrangig zu sein, ­sobald Kritik eine tatsächliche Auseinandersetzung erfordern würde. Dass der feministische Anspruch, ein gutes Leben für Frauen überall zu fordern, dabei in den Hintergrund gerät, offenbart, wie tief die Probleme der Frauenstreikbewegung liegen.

Doch schon lange vor dem diesjährigen Frauenkampftag gab es anlässlich der bundesweiten Frauenstreikkampagne Konflikte. ­Gemeinsam mit der Berliner Delegation reiste auch die US-amerikanische Antizionistin Selma James zum bundesweiten Vernetzungstreffen in Göttingen im November 2018 an. James, ein Gründungsmitglied des »International Jewish Anti-Zionist Network« und Verfechterin der antiisraelischen Boykottkampagne BDS, wurde trotz der Kritik einiger Beteiligter als Rednerin für das »inter­nationalistische Panel« empfangen. Da die Koordinatorinnen des Berliner Frauenstreiks nicht bereit waren, die Einladung an James zur Diskussion zu stellen, forderten zwei Frauen in einem offenen Brief an das bundesweite Bündnis eine klare Positionierung. Die Antwort rührten die Verantwortlichen aus fadenscheinigen Argumenten zusammen: Eine Auseinandersetzung mit »Apartheid«, wie sie angeblich in Israel herrsche, müsse immer auch ein feministisches Anliegen sein und ohnehin seien Antizionismus und ­Antisemitismus zwei völlig verschiedene Dinge.

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Schon im Zusammenhang mit dem »Women’s March on Washington« waren Stimmen laut geworden, die den Antisemitismus in den eigenen Reihen kritisierten. Tatsächlich buhlten nicht etwa nur Organisatorinnen des US-Marsches wie Linda Sarsour, Tamika Mallory und Carmen Perez um Plätze in der ersten Reihe bei der Verbreitung holocaustrelativierender Propaganda. Auch beim ­Betrachten von Fotos, die vom Berliner Ableger der Demonstration gepostet wurden, reibt man sich die Augen. So posierte neben dem Banner des Frauenstreiks eine Person mit einem Schild, auf dem steht: »Palestine is a feminist issue«. Die Bilder wurden in sozialen Medien verbreitet, als wäre man sich nicht zu schade dafür, die wirklichen feministischen Anliegen in den Hintergrund zu drängen. Als gäbe es einen natürlichen Zusammenhang zwischen dem Kampf gegen das Patriarchat und einer unbedingten Positionierung gegen Israel sowie der Dämonisierung von Jüdinnen und Juden als Täter und Unterdrücker, wurden antizionistische Positionen zur Schau getragen und wie selbstverständlich auf Fotos dokumentiert. Feministische Solidarität scheint zweitrangig zu sein, ­sobald Kritik eine tatsächliche Auseinandersetzung erfordern würde. Dass der feministische Anspruch, ein gutes Leben für Frauen überall zu fordern, dabei in den Hintergrund gerät, offenbart, wie tief die Probleme der Frauenstreikbewegung liegen.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es: Bereits im Februar positionierte sich das Frauenstreikkollektiv in Osnabrück überaus ­deutlich. In einem ausführlichen Statement betonte es, nicht Teil einer antizionistischen Bewegung sein zu wollen. Der »von der ­Berliner Gruppe offen zur Schau getragene Antizionismus und damit Antisemitismus« dürfe nicht unkommentiert bleiben. Die bundesweite Bewegung begehe den Fehler, »das feministische Anliegen der Befreiung der Frauen durch die Befreiung Palästinas zu ersetzen«. In Berlin regt sich ebenfalls weiterhin Widerstand: An der dortigen Demonstration am 8. März wird auch ein feministischer »Block gegen jeden Antisemitismus« teilnehmen.

 

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