Liebe, Arbeit und feministische Kritik

Die Maske der Liebe

Unbezahlt zu arbeiten, ist für Frauen nicht nur eine Frage der Unter­drückung. Es ist auch eine Frage der Liebe.

Liebe ist privat. Das ist vielleicht der innerste Glaubenssatz des bürgerlichen Individualismus, der auch dem konsumierenden Subjekt des Spätkapitalismus noch versichern will, wie einzigartig es ist. Aber die romantische Liebe war nie privat und auch nie einzigartig. Wie jede Form des Sozialen hat sie eine kulturelle Prägung und damit eine materielle Bedeutung. Darum argumentieren materialistische Feministinnen wie Frigga Haug, Silvia Federici und Kathi Weeks, dass die romantische Liebe vor allem dem Zweck diene, Frauen kulturell oder ideologisch dazu abzurichten, freiwillig Familien-, Sorge- und Beziehungsarbeit zu leisten.

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Die kulturelle Prägung ist die der unersetzlichen Erfüllung durch romantische Liebe – vor allem für die Frau, wenn sie endlich »den Richtigen« gefunden hat. Die materielle Bedeutung liegt darin, dass der Lebenssinn von Frauen in der Pflege emotionaler Beziehungen besteht, so dass sie als Partnerinnen, Mütter und Pflegerinnen zu unbezahlbaren und unbezahlten Ressourcen werden – eine Gelingensbedingung der fordistischen Transformation des industriellen Kapitalismus.

Akquise, Selbstvermarktung und Disziplinierung sind nun den Hartz-IV-Abhängigen ebenso auferlegt wie den Freelancern. Beide sind bloß noch graduell verschieden; die aktive Verweigerung von Arbeit ist im Grunde unmöglich. Trotzdem wird ein Anschein von Freiwilligkeit aufrechterhalten, eben durch die Maske der Liebe.

Silvia Federici, die in den siebziger Jahren ein umfassendes Konzept von Reproduktionsarbeit entwickelt hat, stellt fest: »Liebe war die Maskierung, die diese Zustände unsichtbar machte.« Liebe maskierte nicht nur die Ausbeutung der Frau, sondern auch ihre Disziplinierung. Der fordistische Arbeiter, seinerseits am Fließband diszipliniert, war angehalten, seine Familie in analoger Weise autoritär im Griff zu behalten. Frauen waren nicht nur für die Hausarbeit zuständig, sondern auch für die Pflege der Beziehungen. Bei ihnen konnte der geplagte Mann sein Herz ausschütten, wurde aufgebaut, getröstet und bestärkt. Die romantische Partner- und Mutterliebe war ihr Lohn und gab ihnen das Gefühl der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit.

Im Spätkapitalismus ließen Digitalisierung und Automatisierung Arbeitsplätze verschwinden. Der Mann konnte die Kleinfamilie nicht mehr alleine ­ernähren; Geld verdienen sollten nun alle. Diese postfordistische Flexibilisierung wird erstaunlicherweise oft als Befreiung für Frauen betrachtet, als hätten sie Selbständigkeit und Selbstbestimmung gewonnen. Der Philosoph Frithjof Bergmann, der den Ausdruck »New Work« prägte, sieht darin gar ein kapitalismuskritisches Potential. Der Abbau von Hierarchien und die Erschließung »geistiger Ressourcen« der Arbeitskräfte durch deren Beteiligung und die Arbeit im Team sollten, wie er dem Personalmagazin sagte, dazu führen, dass Arbeiterinnen und Arbeiter »mit viel Unterstützung ihre Berufung finden«. Diese Romantisierung der Arbeit zur »Berufung« als Kritik des Kapitalismus anzusehen, verkennt, wie sehr der Kapitalismus auf die Romantisierung des Emotionalen immer schon angewiesen war.

So wurde, wie die Soziologin Eva Illouz schreibt, »das emotionale Leben für den Arbeitsplatz zentral«. Firmen übernahmen eine therapeutische Sprache, kommunikative Techniken und ­einen emotionalen Stil, der die Ressourcen weiblicher Sorgearbeit in eine ­Akkumulation genderneutralisierten emotionalen Kapitals einfließen ließ. Praktiken der Achtsamkeit und Fürsorge wurden Illouz zufolge vereinnahmt von einem fortgeschrittenen Kapitalismus, in dem sie individuell und flexibel einsetzbar erschienen, losgelöst von Konzepten wie Solidarität, durch die vielleicht ihr kritisches Potential erhalten bliebe. Trotz dieser Neutralisierung sind nicht nur Berufe, die mit Sorgearbeit zu tun haben, immer noch weiblicher geworden, sondern auch in den neuen flachen Hierarchien am Arbeitsplatz sind es mittlerweile vielfach die Frauen, die die unbezahlte Pflege der Beziehungen im Team übernehmen.

Noch bedeutender wurde das emotionale Leben für die zahlreichen Arbeitskräfte des neuen kreativen Kapitalismus, die unter dem neoliberalen Label der Selbständigkeit antreten. Sie, die für alle Aspekte ihrer Arbeit selbst verantwortlich sind, müssen sich auch selbst darum kümmern, nicht zusammenzubrechen.

Akquise, Selbstvermarktung und Disziplinierung sind nun den Hartz-IV-Abhängigen ebenso auferlegt wie den Freelancern. Beide sind bloß noch graduell verschieden; die aktive Verweigerung von Arbeit ist im Grunde unmöglich. Trotzdem wird ein Anschein von Freiwilligkeit aufrechterhalten, eben durch die Maske der Liebe.

Hingabe an die eigene Tä­tigkeit und Enthusiasmus für die einzigartige Selbstverwirklichung im kreativen und selbstbestimmten Arbeiten übernimmt die Funktion der romantischen Liebe zum einzig richtigen Partner.

Frauen übernehmen zusätzlich zur Selbstverwirklichung mehrheitlich die Verantwortung für Beziehungen, zu Hause und am Arbeitsplatz. 1975 forderten Federici und andere Feministinnen der Bewegung »Wages for Housework«, die Arbeit zu entlohnen, die es möglich macht, dass Menschen zur Arbeit gehen. Seitdem hat sich in diesem Bereich kaum etwas bewegt. Zwar können Väter inzwischen Elternzeit nehmen, sie tun es aber kaum. Mütter hingegen arbeiten häufiger in Teilzeit und tauschen sich auf sozialen Medien über den mental load aus. Dass Re­produktionsarbeit unbezahlt bleibt, strahlt auch auf das Maß gesellschaftlicher Anerkennung und Entlohnung aus, das der Lohnarbeit im sozialen Bereich und im Dienstleistungssektor zuteil wird. Erzieherinnen und Erzieher sind noch immer schlecht bezahlt, und Tariferhöhungen, die punktuell ­erstritten wurden, bedürfen zusätzlich verbesserter Arbeitsbedingungen, damit überhaupt ausreichend Menschen bereit sind, in dem Bereich zu arbeiten. Auch das Lehramt an der Grundschule war lange Zeit überaus schlecht bezahlt, denn Grundschullehrerin gilt nicht wirklich als akademischer Beruf. Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen – das kann jede Mutter, das ist etwas, das Frauen auch unbezahlt zu Hause tun.

Freiwillig zu arbeiten aus Liebe zu Menschen, ist eng verwoben mit der freiwilligen Arbeit aus Liebe zum Beruf. Daraus ergibt sich, dass »feministische Theorie nicht länger bloß optional für marxistische Analyse ist«, schreibt Kathi Weeks, deren theoretische Arbeit seit Jahren um die Verbindung der Ideologie romantischer Liebe und des Ethos der Arbeit kreist. Emotionale Arbeit und Sorgearbeit müssen als kapitalistische Ressourcen erkannt und entsprechend bewertet oder verweigert werden.

Aus feministischer Sicht löst also die Kleinfamilie nicht das Problem der ungleich verteilten Reproduktions­arbeit. Es wäre ein Projekt der Solidarität, Beziehungsarbeit und Care aus ­ihrem geschlechtlichen Kontext zu lösen und die Verantwortung für sie nicht an die Einzelnen oder den Einzelnen zu übergeben. Wenn die Maske der romantischen Liebe fällt, zeigt sich die Abhängigkeit, die Menschen in Selbstausbeutung, Grenzüberschreitung und Depression treibt. Erst in der Sicherheit eines Kollektivs, das die Einzelnen unterstützt, könnte Liebe etwas bedeuten, das freiwillig gegeben wird.

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