René Lichtman und Darnell Stephen Summers im Gespräch über die Revolutionary Black Workers

»Rassimus in der Fabrik, Rassismus auf der Straße«

Vor 50 Jahren wurde die League of Revolutionary Black Workers in Detroit gegründet. René Lichtman und Darnell Stephen Summers sprechen über die Arbeitsbedingungen in den Autofabriken der Motor City, den Rassismus der sechziger und siebziger Jahre, den Einfluss von Black Power und das Erbe der League in Zeiten von Trump.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Detroit als »Motor City« bekannt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Detroit zur Hauptstadt der US-Rüstungsindustrie. Welche Rolle spielte die Ökonomie für die Stadt und ihre Bewohner?

Summers: Ich denke, das »Model T« von Ford wirkte als Motor einer Entwicklung. Dieses Automodell katapultierte Detroit in die guten Zeiten. Die vielen durch die Massenproduktion entstandenen Jobs zogen Schwarze und Weiße aus dem Süden der USA nach Detroit und ließen die Stadt enorm schnell wachsen. 1929 kam der Crash und es dauerte bis zum Kriegsbeginn, bis sich die Autoindustrie in Detroit erholt hatte. Es waren die Kriegsvorbereitungen, die sie wiederbelebten: die Waffenproduktion, der Ausbau der Armee und so weiter. In dieser Zeit wurden weiße Männer massenweise an die Front geschickt. Schwarze Männer und weiße und schwarze Frauen übernahmen ihre Arbeitsplätze in den Fabriken. In den Rüstungsbetrieben, wie in der berühmten Bomberfabrik Willow Run, machten sie bald all das, was weiße Männer vorher immer getan hatten.

Anzeige

Lichtman: In dieser Zeit war die ­Gewerkschaftsbewegung in Detroit von nationaler Bedeutung, besonders die United Auto Workers (UAW). »Die Bewegung« hatte in den späten Dreißigern mit den Streiks gegen General Motors in Flint, Michigan, so richtig an Fahrt aufgenommen. Die Arbeiter besetzten die Fabriken und blieben mit Hilfe ihrer Frauen, die sie von draußen versorgten, über Tage und Wochen. In der Region war die Gewerkschaftsbewegung bis in die Siebziger sehr stark, obwohl die Unternehmen sie ständig physisch, ja gewalttätig bedrängten. Marxistische, kommunistische und trotzkistische Gruppen waren im Umfeld der Gewerkschaften sehr aktiv. Was linksradikale Ideen anbelangte, herrschte immer ein äußerst konstruktives Klima in Detroit vor, besonders in den Autofa­briken.

Mit welchen Bedingungen waren Schwarze im Alltag in Detroit konfrontiert?

Summers: Es ist heute schwer vorstellbar, aber in den Fünfzigern, als ich ein Kind war, durften Schwarze weder den städtischen Zoo Detroits noch den Vergnügungspark betreten. Wir durften auch nicht auf dem gleichen Friedhof wie Weiße bestattet werden. Als Kind beschleicht dich dann dieses komische Gefühl, als müsstest du ständig aufpassen, was du machst und wie du dich bewegst. Die Arbeiter in den Fabriken waren damit jeden Tag konfrontiert: Rassismus in der Fabrik, Rassismus auf der Straße. Der Scheiß verfolgte dich bis nach Hause.

Lichtman: Eine der ehemaligen Führungsfiguren der amerikanischen Neonazibewegung, Robert E. Miles, lebte damals in Howell, einer Kleinstadt außerhalb Detroits. Er versuchte in der Region rechtsradikale, ras­sistische, antisemitische und christliche Gruppen aus dem Dunstkreis des Ku-Klux-Klan zu einer großen Dachorganisation zu vereinigen. Dear­born, eine Vorstadt Detroit, hatten einen Bürgermeister, Orville L. Hubbard, der sich in aller Öffentlichkeit als Rassist bekannte. So war das eben in Dearborn, der Heimat von Henry Ford, der ebenfalls ein bekennender Rassist und Antisemit war. Dann war da auch noch Charles Coughlin: ein katholischer Priester, der zum ersten mal im großen Stil das Radio benutzte, um seine rassistischen und antisemitischen Botschaften zu verbreiten. Nach dem Krieg setzte dann die Hetze gegen Kommunisten ein, die auch die Beziehung von Schwarzen und Weißen beeinflusste. Die Gewerkschaftsführung warf ständig Kommunisten aus der Gewerkschaft. Und natürlich waren ­einige von denen, die in den Autofabriken agitierten, Mitglieder der Kommunistischen Partei der USA, bei solchen Kämpfen braucht man schließlich Führungskräfte, zum Beispiel beim Kampf um mehr Sicherheit am Arbeitsplatz. In den Fünfzigern und Sechziger war Sicherheit ständig ein großes Problem in den Fabriken.

»Schwarze waren der Teil der Arbeiterklasse, der auch nach dem Krieg am stärksten unterdrückt wurde und das nur aufgrund der Hautfarbe. Man darf dabei nicht vergessen, dass die schwarzen Arbeiter direkte Nachfahren von Sklaven waren.«
Darnell Stephen Summers

Wie waren die Arbeitsbedingungen für schwarze Arbeiter in den Fabriken Detroits?

Summers: In unserem Viertel bezeichneten wir einen Job damals immer als »Sklaven«. Wir sagten: »Ob ich wohl heute zum Sklaven gehen werde?« – Das hieß dann »zur Arbeit gehen«. Auch gab es dieses Wortspiel, »plant-tation«: Das war eine Zusammensetzung aus »plant« für »­Fabrik« und »plantation« für »Plantage«. Es spielte auf die Vergleiche  von Fabrik- und Sklavenarbeit an. Mein Vater arbeitete zu jener Zeit in einer dieser »plant-tations«, einem Stahlwerk. Ähnlich wie eine Autofabrik ist das ein verdammt gefährlicher Ort: Überall sprühen Funken, die ganze Zeit heulen irgendwelche Sirenen, geschmolzenes Erz und Stahl fließen aus den Hochöfen. Da gibt es jede Menge Dinge, über die man sich hätte beschweren müssen. Aber wenn man als Arbeiter oder Angehöriger des Gewerkschaftsausschusses was gesagt hat, wurde man abgekanzelt.

Lichtman: Die »Weißhemden«, also die Vorarbeiter, haben einen ständig belästigt, entmenschlicht, wie ein Stück Abfall behandelt. Das hatte seinen Ursprung natürlich in Henry Fords Vision der Fließbandproduktion: Dein Job war nur ein winziger Teil des gesamten Produktionsprozesses und diesen Arbeitsschritt immer wieder auszuführen war das,wofür sie dich ausgebildet hatten. All diese Dinge machten die Fabrik zu einem extrem gewalttätigen Ort. Auch die Beziehungen der Leute, die dort arbeiteten, waren von dieser Gewalt geprägt. Natürlich nimmt man dieses Gefühl mit aus der Fabrik und das Zuhause wird ebenso ein von Gewalt geprägter Ort; die Partnerin oder Kinder werden Opfer dieser Gewalt. Man kann nicht den ganzen Tag dieser Gewalt ausgesetzt sein und dann nach Hause kommen und ein sanftmütiger Mensch sein. Die Arbeitsbedingungen erzeugten ein bestimmtes Klima, das von den Arbeitern auf die Straße und in ihr unmittelbares Umfeld getragen wurde – und damit auch in ihre Häuser Einzug hielt.

Summers: Damals waren viele Arbeiter Veteranen des Zweiten Weltkriegs, des Koreakriegs und des ­Vietnamkriegs. Wenn man dann von der Front, diesem Drecksloch, in die Fabrik zurückkam, brachte man diese Geisteshaltung mit.

Wie schätzen Sie die Stellung schwarzer Arbeiter nach dem Zweiten Weltkrieg im US-amerikanischen Kapitalismus ein?

Summers: Schwarze waren der Teil der Arbeiterklasse, der auch nach dem Krieg am stärksten unterdrückt wurde, und das nur aufgrund der Hautfarbe. Man darf dabei nicht vergessen, dass die schwarzen Arbeiter direkte Nachfahren von Sklaven waren. Als ich sieben oder acht war, zeigte meine Mutter mir das Foto einer schmalen, sehr großen schwarzen, alten Frau. Sie sagte: »Das ist deine Oma Green. Sie war eine Sklavin.« Augenblicklich rückte die Zeit der Sklaverei sehr nah an mich ran. Wir sind immer noch verdammt nah dran! Es gab natürlich auch mexikanische oder asiatische Arbeiter. Die hatten das Eisenbahnnetz der USA maßgeblich mit aufgebaut, ja die Wirtschaft überhaupt. Auch weiße Arbeiter wurden natürlich geknechtet. Aber so, wie ich die Sache sehe, waren es schwarze Arbeiter, die als Angehörige der Arbeiterklasse am stärksten unterdrückt wurden. Wenn wir über Detroit und den industriellen Komplex der USA sprechen, dann reden wir auch über diese historischen Erfahrungen der Unterdrückung über all die Jahrhunderte.

Lichtman: Das Wortspiel »plant-tation« verwies auch auf den Rassismus, der von weißen Arbeitern und der weißen Führungsregie der Gewerkschaften ausging. Gegen den rebellierten die Schwarzen. Es kam zu vielen körperlichen Zusammenstößen in den Fabriken, in deren Folge für gewöhnlich Schwarze zu Tode kamen – ob nun durch die Polizei oder durch weiße Gangs. Die schlechten Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen waren immer durch ein Herrschaftsgefüge bestimmt, das einen Keil zwischen die Arbeiter trieb, einen Zusammenschluss von Schwarzen und Weißen verhinderte.
Darnell: Es gab da all diese Hassstreiks gegen schwarze Arbeiter, die Rassenunruhen in Detroit 1941 und 1943. Und dann natürlich den Großen Aufstand 1967. Es waren jeweils die materiellen Bedingungen, die diese Dinge hervorgebrachten. Wenn Menschen unterdrückt werden, dann wird auch Widerstand zum festen Bestandteil dieser Gleichung. Das ist die Geschichte, die der Gründung der League of Revolutionary Black Workers vorausging.

Die League of Revolutionary Black Workers wurde 1969 gegründet. Damit gab es zwei politische Organisationen, die sich um Arbeitskämpfe von Schwarzen kümmerten: die League und die offiziellen Gewerkschaften wie die UAW. Wie war ihr Verhältnis zueinander?

Lichtman: Hier muss man zunächst die Frage der Repräsentation aufwerfen. Welche Interessen repräsentierten Gewerkschaften wie die UAW wirklich – die der Arbeiter oder die der Unternehmen? Sehr oft waren es die der Unternehmen. Die weiße Führungsriege der Gewerkschaften ging einfach nicht auf die Missstände ein, die von schwarzen Arbeitern angeprangert wurden. Deshalb kamen diese zu dem Schluss, dass sie ihre eigenen Organisationen gründen müssten, um die Gewerkschaftsführung dazu drängen, auf eben diese Belange einzugehen. Die League of Revolutionary Black Workers war sich stets der Bedeutung von class und race und deren Zusammenwirken bewusst. Sie kämpfte an beiden Fronten: als Organisation von Afroamerikanern und von Proletariern. Der UAW gefiel das gar nicht. Die schickten auch mal ihre Schläger gegen die League. Außerdem setzten die Unternehmen die League mächtig unter Druck, ebenso die örtliche Polizei und all diese Unternehmensanwälte.

Summers: Die Gewerkschaften waren damals größtenteils reaktionäre Organisationen. Es war üblich, dass Chrysler, Ford und General Motors sich zusammentaten – mit der UAW! Die steckten alle ihre Köpfe zusammen und regelten die Dinge unter sich. Die League ging dagegen vor. Sie wollte schwarze Arbeiter repräsentieren, wollte damit aber auch andere inspirieren, sich selbst zu organi­sieren: ob nun weiße, asiatische oder arabische Arbeiter. Die League war außerdem eine internationalistische Bewegung. Sie betonte immer, dass es wichtige Verbindungen zwischen dem Kampf schwarzer Arbeiter in den USA und den Kämpfen von Menschen überall auf der Welt gab. Das schloss auch den Krieg in Vietnam mit ein, der damals ja irgendwie über allem stand.

Worin bestanden die Aktionen der League?

Lichtman: Die League organisierte oft Bildungskampagnen, bei denen massenhaft Flugblätter an den Werktoren verteilt wurden, meist von Frauen. Mitglieder der League ließen sich außerdem für Vertreterwahlen der UAW aufstellen. Progressive Kandidaten sollten sich innerhalb der UAW für die Belange schwarzer Arbeitern einsetzen. Angesprochen wurden dabei auch die vielen arabisch- und spanischsprachigen Arbeiter in den Betrieben. Es ging um die Bildung einer Art demokratischer Vertretung innerhalb der Gewerkschaftsführung. Die Führungsriege der Gewerkschaft, die auch ihre ei­genen Schläger hatte, konnte sehr gewalttätig gegen die Arbeiter vorgehen. Die Fabrik war also ein schwieriges Pflaster für die Arbeit der League und es war ein richtiger Kampf, eine Vertretung innerhalb der Gewerkschaft zu etablieren. Schließlich waren sie mit der Wahl von General Baker zum Gewerkschaftsvertreter erfolgreich.

Summers: Mike Hamlin, eine der Führungspersonen der League, veranstaltete oft politische Seminare bei sich zu Hause. Dort setzten die Arbeiter sich mit marxistisch-leninistischer Theorie auseinander und beschäftigten sich ausgiebig mit Geschichte – mit dem, was sie noch unmittelbar etwas anging, also den letzten 200 oder 300 Jahren Bewegungsgeschichte vor allem.
Lichtman: All das bedurfte theoretischer Reflexion zur Orientierung. Es gab immer irgendwelche Lesekreise, die »Das Kapital« studierten, die Schriften Lenins oder andere marxistische Texte. Die Mitglieder der League waren überzeugte Marxisten-Leninisten. Sie hatten sich ausgiebig mit Mao beschäftigt und lehnten die Sowjetunion ab.

Wer waren die Akteure in der ­League? Und was ist ihre Geschichte?

Lichtmann: General Baker, Mike Hamlin oder Kenneth Cockrel waren vor allem in der Fabrik aktiv. Allen Mitgliedern der League war gemein, dass sie irgendwann mal in der Fabrik gearbeitet hatten, denn für Schüler und Studenten war das oft ein Ferienjob. Kenneth Cockrel hatte in einer der schlimmsten Abteilungen in der Fabrik geschuftet, bevor er später ein hervorragender Anwalt und Mitglied des Zentralrats der League wurde. Mike Hamlin wurde zunächst im Rahmen einiger Streiks im Zeitungsgewerbe in Detroit aktiv. Er arbeitete damals als Trucker im Verteilungszentrum der Zeitungen. Später war er eine der prägenden Persönlichkeiten der League. John Watson hingegen war eine Art akademischer Intellektueller, auch wenn er mal in den Autofabriken gearbeitet hatte. Andere Anhänger der League wie Ron Marsh konnten ihre Nase natürlich nicht in die Bücher stecken, da sie den ganzen Tag in der Fabrik arbeiteten. Man könnte sagen, dass innerhalb der League ein Bildungsgefälle existierte. Das waren alles in jedem Fall sehr gute Leute. Die League entwickelte sich natürlich ständig weiter und an bestimmten Punkten kam es zu Spaltungen. Einige der Anhänger der ­League verfolgten eine Karriere als Kommunalpolitiker, wie Kenneth Cockrel zum Beispiel. Andere Leute wie General Baker waren eher in revolutionären, marxistischen Organisationen tätig, die Schwarze und Weiße gleichsam ansprachen. Er engagierte sich bis zu seinem Tod 2014 unter anderem innerhalb der UAW und wurde dort schließlich in eine Führungsposition gewählt. Für mich ist Baker ein Beispiel dafür, dass Gewerkschaften gezwungen werden können, sich progressiver auszurichten.

Als Beispiele für schwarzen Aktivismus werden meist Martin Luther King, Malcolm X oder die Black Panthers genannt. Welche Rolle spielte die League damals?

Lichtman: Bevor wir den Film »Finally Got the News« (1970) drehten und Bücher wie »Detroit: I Do Mind Dying« (1975) von Marvin Surkins und Den Georgakas erschienen, kannte kaum jemand außerhalb Detroits die League. Alle konzentrierten sich auf die Black Panther, vor allem weiße Linke unterstützten sie bedingungslos. Unser Kollektiv Newsreel Documentary Film arbeitete auch mit ihnen zusammen. Kenneth Cockrel von der League kritisierte die Panthers immer mit den Worten: »Es reicht nicht, nur mit ’ner Waffe rumzufuchteln.« Die League hatte erkannt, dass schwarze Arbeiter in der kapitalistischen Produktion eine wichtige Rolle einnahmen, was für die Panther nicht von Bedeutung war. Die Panther hatten sich mit den Schriften Maos oder traditionellem Marxismus nur oberflächlich beschäftigt. Theorie interessierte sie zu wenig. Auch in der Bürgerrechtsbewegung kam es damals zu Spannungen. Anhänger Martin Luther Kings standen denen von Malcolm X gegenüber. Viele von uns weißen Linken sahen in Malcolm X jemanden, der radikale Lösungen anzubieten hatte, als Vorbild fungierte. Martin Luther King dagegen war uns zu pazifistisch und seine Ansichten der Befreiung von Afroamerikanern schienen uns nicht dienlich. Wir wollten radikale Stimmen wie Malcolm X oder die League.

Worin besteht das Erbe der ­League?

Summers: Ich glaube, dass die League ein gutes Beispiel dafür ist, dass Leute, die Entschlossenheit an den Tag legen, die eine gute Analyse vorbringen können und die von einem festen Willen getrieben sind, Probleme angehen können, die uns alle betreffen. Damals waren das natürlich vor allem die Probleme von schwarzen Arbeitern und deren Verbündeten. Die League zeigt auf, wie es funktionieren kann, welche Methoden die richtigen sein könnten. Eine ihrer größten Stärken war es, Missstände klar zu benennen. Für mich weist diese Bewegung den Weg in die Zukunft.

Lichtman: Eine der großen Fragen im Zusammenhang mit der League ist die nach der Revolution oder dem Reformismus. Kenneth Cockrel skizzierte das einmal unmittelbar nach einem gewonnen Streik: »Man fühlt sich dann stärker, aber was kommt dann? Die Arbeiter schauen auf das, was die Gewerkschaftsführung tut, dass sie ihre Anliegen durchsetzt, aber was dann?« Viele der ehemaligen Anhänger der League sind auch heute noch in Detroit sehr aktiv: bei den Revolutionaries for a New Ame­rica, die von Nelson Perry stark beeinflusst sind und sich auf politische Bildungsarbeit konzentrieren. Oder bei den Democratic Socialists of America, die Bernie Sanders unterstützen und aus deren Reihen die neue Hoffnung der amerikanischen Linken, Alexandria Ocasio-Cortez hervorgegangen ist.

Ausgerechnet in Zeiten von Trump sehen Sie optimistisch in die Zukunft?

Lichtman: Erkennbar ist heute in den USA eine klare Tendenz hin zum Neofaschismus. Es herrscht ein reaktionäres Klima vor, dass vor allem von der christlichen Rechten aus dem amerikanischen Süden ausgeht. Als Trump vor drei Jahren gewählt wurde, mussten viele feststellen, dass die Errungenschaften in der Bekämpfung von Sexismus und Rassismus in den USA über Nacht wie weggewischt waren. Danach gründeten sich jedoch verschiedene Gruppen im Umfeld des Women’s March, die besonders im Rahmen von Wahlen ­aktiv sind und durch deren Unterstützung eine demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus gewonnen wurde. Es existieren auch viele gemeinsam geführte Kämpfe von schwarzen und weißen Aktivisten, zum Beispiel bei der Poor People’s Campaign oder der Sanctuary-Bewegung, die Migranten vor dem Zugriff der Behörden zu schützen versucht.

Summers: »America First« – die Leute glauben diesen Mist, egal ob schwarz, weiß, männlich, weiblich, egal ob sie nun Trump unterstützen oder nicht.

Lichtman: Trump ist nur Symptom eines größeren, systemischen Problems. Es ist wichtig, diesem auf breiter Front entgegen zu wirken.

Summers: Der beharrliche Aktivismus der League und ihre Analyse der Verhältnisse können uns heute in diesem Zusammenhang als Leitfaden dienen.

 

1969 machte sich eine Gruppe junger Filmemacher aus New York nach Detroit auf, um die Aktionen der League of Revolutionary Black Workers zu dokumentieren. Einer von ihnen war René Lichtman. Er wurde 1937 als Sohn polnischer Juden in Paris geboren, verlor seinen Vater, der sich der französischen Armee angeschlossen hatte und von den Nazis getötet wurde, und emigrierte in den fünfziger Jahren nach Amerika. Dort gründete er Newsreel Documentary Films, zog mit dem Filmkollektiv durch die USA der Sechziger und Siebziger und begleitete die Black Panthers, Malcom X und die Frauen- und Antikriegsbewegung mit der Kamera. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der World Federation of Jewish Child Survivors of the Holocaust. 1971 lernte er Darnell Stephen Summers in Detroit kennen. Summers meldete sich 1966 freiwillig zur US-Armee, der er bis 1970 angehörte. Kurz bevor er 1968 nach Vietnam beordert wurde, beteiligte sich Darnell an Bemühungen, das »Malcolm X Cultural Center« in Inkster, Michigan, zu gründen. Vom FBI wurde er dafür im Zuge der Cointelpro-Kampagne ins Visier genommen und später in Vietnam aufgrund seiner politischen Aktivitäten festgenommen. Ihm wurde der Mord an einem Polizisten vorgeworfen. Er war Mitglied des Black Workers Congress, einer aus der League of Revolutionary Black Workers hervorgegangenen Organisation.

Ist Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der Jungle World etwas wert? Dann abonnieren Sie jetzt oder unterstützen Sie uns spontan mit einer Spende!