Ein Porträt von Duke Kahanamoku, dem Schöpfer des modernen Surfens

The Big Kahuna

Dass das Surfen heutzutage zum Sommer dazugehört wie die Sonne und der Strand, ist einem dreimaligen Schwimmolympiasieger aus Hawaii zu verdanken.

Wer »Big Kahuna« nur als fiktive Fastfoodkette aus dem Film »Pulp Fiction« kennt, ist wie »Charlie«, also der Vietcong, in »Apocalypse Now«: Er surft nicht. Echte Surfer wissen, wer der Mensch war, der auch heut­zu­tage noch als »The Big Kahuna« verehrt wird: Duke Kahanamoku, der Anfang des 20. Jahrhunderts auf Hawaii den alten Sport des Wellenreitens wiederbelebte und modernisierte sowie fünf olympische Medaillen im Schwimmen gewann. Kahuna ist ein schwer zu übersetzender hawaii­anischer Begriff und bedeutet in etwa »Zauberer« oder »Weiser«.

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Schon kurz nachdem der englische Seefahrer James Cook im Jahr 1778 die hawaiianische Inselgruppe entdeckt hatte – wo er ein Jahr später beim Versuch erstochen wurde, aus Rache für ein geklautes Beiboot ­einen Häuptling zu entführen –, fiel ihm auf, dass viele Hawaiianer auf einer Art Holzbrett stehend über die Wellen glitten und dabei offenbar recht viel Spaß hatten. Spaß zu haben, ohne dabei produktiv zu sein, sei sündiger Müßiggang, befanden die protestantischen US-amerikanischen Missionare, die die Inselgruppe im 19. Jahrhundert unter ihre Fuchtel brachten. Prompt untersagten sie das Surfen. Nur sehr wenige Hawaiianer trauten sich, gegen das Verbot zu verstoßen, und erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert paddelten wieder einige mutige junge Leute auf ihren Brettern hinaus, um schöne große Wellen zu finden, auf denen sie reiten konnten.

Spaß zu haben, ohne dabei produktiv zu sein, sei sündiger Müßiggang, befanden protestantische US-amerikanische Missionare und verboten den Hawaiianern im 19. Jahrhundert das Surfen.

Einer dieser Leute war Duke Paoa Kahinu Mokoe Hulikohola Kahanamoku, kurz Duke Kahanamoku, ein Spross alten hawaiianischen Adels. 1890 in Honolulu geboren, verbrachte Kahanamoku als Kind mehr Zeit im Wasser als an Land. Er brachte sich das Schwimmen selbst bei und baute schon als Teenager sein erstes Surfboard, das in etwa mit den heutzu­tage gebräuchlichen Longboards vergleichbar war und von dem sich immer noch das grundlegende Design aller Boards ableitet. Vielleicht wäre das Surfen aber nur ein Zeitvertreib einiger Hawaiianer geblieben, wäre da nicht Kahanamokus zweites großes Talent gewesen: Er konnte so schnell schwimmen wie kein anderer Mensch seiner Zeit.

1911 fand in Honolulu das erste Wettschwimmen Hawaiis statt. Kahanamoku trat dabei an und schwamm die 100 Yards (91,44 Meter) Freistil schneller als alle anderen vor ihm – fünf Sekunden schneller, um genau zu sein. Auch den vorherigen Rekord über die Strecke von 200 Yards unterbot er etwas später deutlich.

Das wollten die US-amerikanischen Sportfunktionäre, die von dem Rekord erfuhren, nicht so recht glauben. Deshalb luden sie Kahanamoku ein, sich auch auf dem Festland zu beweisen. Und das tat der 21jährige bei­nahe in jedem Schwimmbecken zwischen Los Angeles und New York. Behilflich war ihm eine körperliche Besonderheit: Er hatte, je nach Quelle, Schuhgröße 47 oder gar 48, was sehr nützlich ist, wenn man sich im Wasser schnell fortbewegen will.

Kahanamoku qualifizierte sich für die Olympischen Spiele von 1912 in Stockholm und avancierte dort zur weltweiten Sensation. Er holte sich die Goldmedaille über 100 Meter im Freistil und eine silberne im Staf­felschwimmen. Die Goldmedaille hätte er beinahe verpasst, da er vor dem Wettkampf seelenruhig ein Schläfchen gehalten hatte und erst in letzter Sekunde von einem Trainer geweckt worden war.

Nach diesen Triumphen begann Kahanamoku eine Art Welttournee, die ihn zunächst an die Ostküste der USA brachte, wo er erstaunten Zuschauerinnen und Zuschauern auch noch vorführte, wie man auf einem Holzbrett auf den Wellen reiten und gleiten kann. 1914 führte ihn sein Weg nach Australien. Da er sein Surfboard nicht dabei hatte, schnitzte er sich kurzerhand eines und gab an Heiligabend eine Vorstellung am Freshwater Beach in Sydney. Kahanamoku zeigte alle Möglichkeiten des Surfens und ritt eine Welle sogar im Kopfstand. Die Australier waren ­begeistert und wurden bald eine der surfverrücktesten Nationen der Welt. In Neuseeland verhalf Kahanamoku kurz danach dem Surfen zu neuer Blüte, auch dort war es der Bevölkerung einst von Missionaren verboten worden.

Während des Ersten Weltkriegs fielen die eigentlich an Deutschland vergebenen Olympischen Spiele aus und Kahanamoku reiste quer durch die USA, wo er Kurse im Rettungsschwimmen gab und mit Benefizauftritten dabei half, die Kriegskasse zu füllen. 1920 fanden die Spiele in Antwerpen statt und der Sportler erschwamm sich gleich zwei Goldmedaillen, eine im 100-Meter-Freistil und eine in der Staffel. Vier Jahre danach, bei den Sommerspielen in Paris, musste er sich mit Silber zufriedengeben, denn Gold holte sich Johnny Weissmuller, der später als Titelheld vieler »Tarzan«-Filme weltberühmt werden sollte. Kahanamoku pflegte den Rest seines Lebens zu scherzen, dass der einzige, der ihn besiegen konnte, Tarzan gewesen sei. Im ­Alter von 42 Jahren nahm er 1932 noch einmal an den Olympischen Spielen teil und gewann als Mitglied der US-amerikanischen Wasserballmannschaft in Los Angeles eine Bronzemedaille.

In den zwanziger Jahren verbrachte Kahanamoku die meiste Zeit in Kalifornien und wurde dort so etwas wie der Anführer der gerade ent­stehenden Surfbewegung. 1925 sahen er und seine Freunde, wie weit draußen vor dem Strand von Corona del Mar ein Fischerboot sank. ­Sofort schnappte Kahanamoku sich sein Board, paddelte zur Unglücks­stelle und rettete acht Menschen das Leben. Vier weitere Fischer wurden von seinen surfenden Freunden in Sicherheit gebracht. In den Medien wurde diese Leistung als »Tat eines Supermanns« gelobt.

1926 wurde Kahanamoku für alle damaligen Surfer tatsächlich zu ­einer Art Supermensch, als er vor Waikiki eine 15 Meter hohe Riesen­welle erwischte und auf dieser fast zwei Kilometer weit ritt – ein Rekord, der bislang als ungebrochen gilt. Doch Olympia-Erfolge hin und Lebens­rettung her – der Sportler war notorisch knapp bei Kasse. Obwohl er, inspiriert durch Weissmuller, in fast 50 Hollywood-Filmen mitspielte, reichte es nie zum großen kommerziellen Durchbruch. Der dunkel­häutige Mann durfte nur schlecht bezahlte Nebenrollen spielen. Er zog zurück nach Hawaii und schlug sich unter anderem als Tankwart durch.

Erst 1932 konnte Kahanamoku sich ein geregeltes Einkommen sichern, und zwar als Sheriff von Honolulu. Er war in dem Job so gut und beliebt, dass er bis 1961 zwölf Mal wiedergewählt wurde. Nachdem Hawaii 1959 offiziell ein Mitgliedsstaat der USA geworden war, ehrte man Kahanamoku mit dem Posten des »Ambassador of Aloha«. Damit begann für ihn eine goldene Zeit, denn nun konnte er, professionell beraten, endlich auch Profit aus seiner Berühmtheit schlagen, indem er seinen Namen für Sportbekleidung, Bars und Restaurants hergab. 1965 erhielt er einen Platz in der International Swimming Hall of Fame. In diesen Jahren reiste er noch einmal um die Welt und wurde vor allem in Australien und Neu­seeland empfangen wie ein Weltstar.

Kahanamokus spektakuläres Leben endete am 22. Januar 1968, als er in seiner Heimatstadt Honululu auf dem Parkplatz des Yachtklubs einen Herzanfall erlitt und tot zusammensackte. Tausende Menschen begleiteten den Trauerzug zum Meer, wo man seine Asche unter den Klängen von Aloha’Oe, dem 1877 von der letzten hawaiianischen Königin Lili’uakalani komponierten Abschiedslied, den Wellen übergab.

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