Laborbericht - Das Masernvirus breitet sich wieder aus

Impfen statt Masern

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Für so manche klang es vor allem nach unverhofften Ferien: 107 Personen, zumeist Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrkräfte und andere Beschäftigte, die keine Impfung gegen Masern nachweisen konnten, durften Mitte März nach einer Häufung von Krankheitsfällen in der Region zwei Wochen lang eine Gesamtschule in Hildesheim nicht betreten.

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An solche Nachrichten muss man sich wohl gewöhnen, denn das Masernvirus breitet sich wieder aus. Statt dem ursprünglichen Ziel nahezukommen, die Masern bis 2020 auszurotten, verzeichnete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2017 auf 2018 weltweit eine Verdopplung der Fälle – und hat Impfverweigerung auf ihre Top-Ten-Liste der globalen Gesundheitsgefahren gesetzt, in eine Reihe mit Ebola, Klimawandel und antibiotikaresistenten Keimen. In Europa verdreifachten sich die Masernfälle sogar, die meisten davon (über 30 000 seit Jahresbeginn) traten in der Ukraine auf, wo der Konflikt mit Russland das Gesundheitssystem in Mitleidenschaft gezogen hat, viele aber auch Impfungen ablehnen.

Verglichen damit sehen die Zahlen aus Deutschland auf den ersten Blick nicht dramatisch aus, aber auch hier gab es mit 132 Erkrankten allein in den ersten sieben Wochen dieses Jahres fast eine Verdreifachung gegenüber 46 Fällen im Vorjahreszeitraum. Dass Masern alles andere als harmlos sind, sollte sich außer bei notorisch faktenresistenten Impfgegnern mittlerweile herumgesprochen haben. Schon ein »normaler« Verlauf mit 40 Grad Fieber ist keine Kleinigkeit, dazu kommen mögliche Komplikationen; besonders gefährlich ist eine Gehirnentzündung, die schwere neurologische Schäden verursachen kann – wenn sie einen nicht ganz umbringt. Selbst bei einer optimalen medizinischen Versorgung verläuft einer von 1 000 Masernfällen tödlich. In der Ukraine starben dieses Jahr bislang elf Menschen.

Damit nicht genug: Vor einigen Jahren wurde entdeckt, dass Masern quasi eine Amnesie der körpereigenen Abwehr verursachen. Das Immunsystem »erinnert« sich nach einer durchgemachten Erkrankung zwar noch an das Masernvirus, eine bereits erworbene Immunität gegen andere Erreger aber wird zunichte gemacht. Bis zu drei Jahre nach einer Maserninfektion sind Betroffene dadurch deutlich anfälliger für jede Art von sonstigen Infekten.

So viel zu der noch rational nachvollziehbaren Argumentation mancher Impfgegner, der Körper müsse die Krankheit gleichsam zur Abhärtung durchleiden. Was hingegen tatsächlich die Immunabwehr trainiert, ist eben eine Impfung, die auch nicht zu Autismus führt, wie eine epidemiologische Studie in Dänemark gerade erneut belegt hat.

Nicht geimpft zu sein, befreit auch nicht von der Schulpflicht, mussten die vom Unterricht Ausgeschlossenen in Hildesheim feststellen: Sie mussten den Lehrstoff stattdessen zu Hause bearbeiten. Hoffentlich ging es dabei auch um die Funktionsweise des Immunsystems.