Lahme Literaten - Folge 9

Hans Christoph Buch

Kolumne Von

Es gibt Menschen, die kaum jemand kennt, obwohl sie freundlich und geistvoll sind. Und es gibt Leute, die jeder kennt, obwohl sie einfach stulle sind. Der Inbegriff bundesdeutscher Stulligkeit ist Hans Christoph Buch. Niemand, der bei Verstand ist, würde ihn Schriftsteller nennen; weil Satzbaukleisterer unelegant klingt, wird er im Folgenden Buch genannt. Das Missverständnis, er ­hätte etwas mit dem gleichnamigen Gegenstand zu tun, wird dabei in Kauf genommen. 2013 verfasste Buch einen Essay für das Magazin Cicero, in dem er beklagte, der »Literaturbetrieb« habe »das Lesen verlernt«. Ob diese Tatsache etwas damit zu tun haben könnte, dass Leute wie er nie das Schreiben gelernt haben, hat er nicht gefragt.

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Stattdessen demonstrierte er, dass er weder schreiben noch lesen kann. Buch liest Bücher nämlich nicht, sondern »decodiert« sie, und sieht die Kulturtechnik, »­literarische Texte zu decodieren«, durch »Handy, I-Pod und Internet« bedroht. Der »Verlust der Sprachkompetenz«, die eine »Sockelkompetenz« ist, sei die Folge. Doch die Ursachen liegen tiefer: »Die Ausgrenzung der Literatur aus dem Deutschunterricht begann mit den hessischen Rahmenrichtlinien.« Die haben »Goethe, Kleist und Kafka« der Klasse verwiesen und »Günter Wallraffs Industriereportagen oder Erika Runges ›Bottroper Protokolle‹« auf den Lektüreplan gesetzt – linkes Seminargeschreibsel also, verfasst von luschigen Nullnummern wie Buch selbst. Da er in der Gruppe 47, die ihn alphabetisiert hat, nie richtig punkten konnte, die Bierfilz- und Staublungenprosa von Grass, Lenz und Walser aber als Nonplusultra ansieht, formuliert er seine Kritik, als säße er im »Literarischen Quartett«: »Die Wiedergabe der Fabel oder Handlung eines Romans ist schwieriger, als es auf Anhieb scheint«; »Uneigentliches Sprechen (…) setzt für Zwischentöne empfängliche Zuhörer voraus«.

Wer sich fragt, was in jemandem vorgeht, der die Sockelkompetenz des Decodierens, das er mit dem Lesen verwechselt, ausgerechnet durch digitale Medien bedroht sieht, deren Nutzer gar nichts anderes tun können als zu decodieren, muss wissen, dass Buch im Grunde ein Abenteurer ist und sich nach der handfest analogen Welt sehnt. Nach Auftritten bei Protesten gegen den Vietnamkrieg lebte er in China, Argentinien, Chile und Kuba, bereiste Afrika und die Antarktis, schrieb Reportagen aus Ruanda, Sudan und dem Kosovo und wohnte in Haiti. Durch solch heroischen Tourismus zum Todenhöfer der interkulturellen Literatur habilitiert, konnte er dem Spiegel einen Monat nach 9/11 berichten: »Selbstverständlich duldet der Koran andere Religionen neben sich (…). Das Erschreckende ist, dass diese Koranschulen der Taliban nicht etwa zu vertiefenden Kenntnissen des Koran erziehen. Die Ausbildung besteht aus reinem Auswendiglernen.«

Fast wie im »Kloster« also, wobei die Islamisten wenigstens »verheiratet« sind, »sogar mit mehreren Frauen«. Die »neue Sensibilität«, die Buch in den Siebzigern pflegte, hat sich seither nicht nur in solch profunden Analysen, sondern auch in drei Mülltonnen voll Bücher niedergeschlagen: über die Karibik und die Antillen, Kafka und Kain & Abel, Goethe und Sansibar, Port-au-Prince und Kolumbus, James Bond und die Wartburg. In Cicero mosert er trotzdem: »Immer öfter bekomme ich Anrufe von Unbekannten, die wissen wollen, was ich mir beim Schreiben eines Texts gedacht habe (…). Statt sich über den Text Gedanken zu machen, recherchieren sie die Adresse des Autors.« Dem Literaturbetrieb müsste die Tatsache, dass Leute glauben, Buch würde beim Schreiben denken, weitaus größere Sorgen bereiten.