Assange und seine rechten Fans

Idol des Rechtextremismus

Julian Assange war einst Liebling der Linken, inzwischen ist er eine globale Gallionsfigur der radikalen Rechten.

Wer sich einen Eindruck von der Geisteshaltung der Fans und Bewunderer von Julian Assange verschaffen möchte, lese die Kommentarspalten unter den Artikeln zur Festnahme des australischen Whistleblowers am 11. April. Der Tenor der empörten jungen Männer – denn primär sind es Männer - ist eindeutig. Wie kann man es wagen, mit Assange den letzten Verfechter der Freiheit, den unermüdlichen Kämpfer gegen die böse Übermacht USA, den größten Heroen unserer Zeit, zu verhaften und womöglich auszuliefern? Assange hat auf seiner Plattform Wikileaks Dokumente zur Rolle der USA in den Kriegen in Afghanistan und dem Irak veröffentlicht und der Whistle­blowerin Chelsea Manning dabei geholfen, Regierungsdokumente zu US-amerikanischen Kriegsverbrechen zu beschaffen. Keinesfalls dürfe die Ehre eines solchen Helden beschmutzt werden. Dabei fällt auf, dass viele der Kommentatoren aus der neurechten Szene zu stammen scheinen.

»Ich liebe Wikileaks.«
Donald Trump

Martin Sellner, der Sprecher der österreichischen Identitären Bewegung (IB) erklärte sich auf seinem Youtube-Kanal solidarisch mit Assange. Er sei ein »wahrer Rebell, der aufdeckte, was Globalisten gerne verborgen hätten«. War Assange anfangs noch der Liebling linker Antiamerikaner, ist er inzwischen zu einer Gallionsfigur der Alt-Right geworden, die sich ebenfalls durch verschwörungsideologischen und antisemitischen Antiamerikanismus auszeichnet. Assange war nie ein Linker, sondern ist ein prokapitalistischer Libertärer, der im Lauf der Zeit immer mehr rechte Positionen übernommen hat. Seine Sympathien für Donald Trump machten sich schon während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 bemerkbar, als die E-Mail-Accounts des Democratic National Committee gehackt worden waren. Wikileaks veröffentlichte diese E-Mails während des Wahlkampfs. Auch der private E-Mail-Account von Hillary Clintons Wahlkampfleiter John Podesta wurde gehackt. Die Behauptung, dessen E-Mails enthielten verschlüsselte Botschaften, bildete die Grundlage der »Pizzagate«-Propaganda, der zufolge Clinton und andere hochrangige Demokraten im Keller einer New Yorker Pizzeria einen Kinderprostitutionsring betrieben. Was auf den ersten Blick als besonders abstruse Verschwörungstheorie erscheint, veranlasste Edgar Maddison Welch im Dezember 2016, mit einem Sturmgewehr in der besagten Pizzeria um sich zu schießen. Verletzt wurde dabei niemand. Nach bisherigen Erkenntnissen sind für die Hacker-Angriffe die Gruppen »Guccifer 2.0« und »Fancy Bear« verantwortlich, die offenbar dem russischen Militär­geheimdienst GRU unterstehen.

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Wikileaks hatte auch via Twitter zu Donald Trumps ältestem Sohn Donald Trump Jr. Kontakt aufgenommen und eine Zusammenarbeit angeboten, berichtete das Magazin The Atlantic im November 2017. Unter anderem riet Wikileaks am Wahltag, als noch eine Niederlage Trumps erwartet wurde, zu behaupten, das Wahlergebnis sei manipuliert worden. Später bat man, Trump solle von Australien fordern, Assange zum Botschafter in den USA zu ernennen.

»Ein wahrer Rebell, der aufdeckte, was Globalisten gerne verborgen hätten.«
Martin Sellner, Sprecher der Identitären in Österreich 

Während sich Trump Jr. im Gespräch mit Wikileaks eher zurückhaltend verhielt, sagte sein Vater am 10. Oktober 2016: »Ich liebe Wikileaks.« Insgesamt fünf Mal lobte er während des Wahlkampfs die Plattform. Inzwischen leugnet Trump, überhaupt eine Ahnung zu haben, was es mit Wikileaks auf sich hat – obwohl sich sein enger Berater Paul Manafort dem britischen Guardian zufolge 2013, 2015 und 2016 mit ­Assange getroffen haben soll; was Mana­fort selbst jedoch bestreitet. Nachgewiesen ist, dass Trumps Berater Roger Stone mit Wikileaks kommuniziert hat.

Unter anderem unterstützte der inzwischen in Ungnade gefallenen rechte ehemalige Breitbartautor Milo Yiannopoulos Wikileaks öffentlich. David Duke, der ehemalige Anführer des Klu-Klux-Klans, rief sogar den Allmächtigen an: »Gott segne Wikileaks.« Zudem traf sich Assange im Sommer 2017 mit dem rechtsextremen Journalisten Charles C. Johnson, der Bekanntheit durch Online-Kampagnen gegen Black Lives Matter-Aktivisten sowie Schmähkampagnen gegen demokratische Politiker erlangt hatte. Johnson veröffentlichte gefälschte Dokumente, die den demokratischen US-Senator Charles Schumer der sexuellen Belästigung bezichtigten, sammelte Spenden, um für die Gerichtskosten des Neonazis Andrew Anglin aufzukommen und leugnete die Existenz von Gaskammern in Konzentrationslagern.

»Gott segne Wikileaks.«
Klu-Klux-Klan-Ikone David Duke

Er arrangierte zudem ein Treffen zwischen Assange und dem Republikaner Dana Tyron Rohrabacher, um eine Amnestie für Assange zu ­erwirken. Rohrabacher ist nicht nur ein extrem konservativer Politiker, sondern dem amerikanischen Magazin Politico zufolge auch ein langjähriger Freund Wladimir Putins. Außerdem fanden mehrere Treffen zwischen Assange und dem britischen Rechtspopulisten und ehemaligen UKIP-Vorsitzenden Nigel Farage statt. Dieser stattete dem Australier hin und wieder Besuche in der ecuadorianischen Botschaft in London ab und erklärte in einem Interview mit der Zeit, diese seien aus »journalistischen Gründen« erfolgt.

Wie die Alt-Right hasst Assange Hillary Clinton, sympathisiert mit Putin und hält rechtsextreme Thesen zumindest für diskutabel. Es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit, die Assange zum Liebling der Alt-Right hat werden lassen: sein glühender und immer wieder geäußerte Frauenhass. Assange floh im Jahr 2010 aus Schweden, nachdem eine Frau ausgesagt hatte, er habe sie während des bisher einvernehmlichen Sex festgehalten und sei entgegen vorheriger Absprachen ohne Kondom in sie eingedrungen; eine weitere Frau berichtete, er habe sie, ebenfalls ohne Kondom, im Schlaf penetriert, wovon sie erwacht sei. Assange bezeichnete diese Vorwürfe als US-amerikanische Verschwörung und beschuldigte die Frauen, von der US-Regierung gekauft worden zu sein – sie hätten die Vergewaltigungen erfunden, um ihn zu diskreditieren. Dieser Verschwörungstheorie folgte ein erheblicher Teil der radikalen und liberalen Linken. Prominente Unterstützer wie Michael Moore, Naomi Wolf und Oliver Stone nahmen Assange damals in Schutz. Die Verschwörungstheorie wurde erweitert um die Behauptung, Assange werde wegen eines geplatzten Kondoms verfolgt. Assange selbst bezeichnete Schweden als das »Saudi-Arabien des Feminismus«, floh nach Großbritannien und anschließend in die dortige ecuadorianische Botschaft.

Assanges Erklärungen für das Übel in der Welt hatten auch in der folgenden Zeit mit dem Feminismus zu tun: »Kapitalismus, Feminismus und Atheismus« seien Schuld an der niedrigen Geburtenrate in der EU, während die Geburtenrate von Migranten um einiges höher sei, twitterte er 2017. In diesem Kontext erwähnte er die Kinderlosigkeit von Angela Merkel, Emmanuel Macron und Theresa May. Diese Verschwörungstheorie über die sogenannte »Umvolkung« ist das zentrale ­Thema der extremen Rechten, von der AfD über die Identitäre Bewegung bis zum Attentäter von Christchurch.

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