Der Film »Streik« von Stéphane Brizé

Der letzte wütende Gewerkschafter

Der französische Film »Streik« zeigt den Arbeitskampf als Rückzugsgefecht verzweifelter Menschen.

Arbeitslose, Fließbandarbeiter, Maurer: Der französische Regisseur Stéphane Brizé interessiert sich für jene, die gemeinhin als die »einfachen Menschen« gelten. Brizé schaut genau hin und zeigt seine Protagonisten in all ihren Widersprüchen. Sein neuer Film »Streik« (»En guerre«, 2018) handelt vom Arbeitskampf, von verzweifelten Männern und Frauen, die für ihre Existenz streiten. Vincent Lindon scheint in der Rolle des Laurent Amédéo, einen zu allem entschlossenen Gewerkschafter, ganz und gar aufzugehen. Amédéo organisiert den Produktionsstopp, schwört die Wütenden auf sich ein und verhandelt selbstbewusst mit den Konzernchefs.

Der Film bildet die Dramaturgie von Arbeitskämpfen im Neoliberalimus realistisch ab und verzichtet auf jede Beschönigung.

Lindon spielte bereits in Brizés Film »Der Wert des Menschen« (»La loi du marché«, 2015) einen vom System gegängelten Langzeitarbeitslosen. »Streik« handelt von der Zeit vor der drohenden Arbeitslosigkeit. Die gegen ihre Entlassung protestierenden Arbeiter wollen verhindern, dass ihnen das widerfährt, was der Maschinist Thierry in »Der Wert des Menschen« durchmachen muss. Mit über 50 Jahren hat er seine Stelle verloren und wird vom Arbeitsamt in Umschulungen und Trainingsmaßnahmen gezwungen. Er muss sich den Regeln des Marktes beugen, gegen die sich die Arbeiter in »Streik« noch stemmen, auch wenn es ein auswegloses Unterfangen ist.

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Die streikenden Arbeiter wollen die Schließung ihres Produktionsstandorts im südfranzösischen Agen nicht akzeptieren. Die zwischen Toulouse und Bordeaux gelegene Stadt bietet kaum andere Arbeitsmöglichkeiten. Die gesamte Region Nouvelle-Aquitaine gilt als strukturschwach – wo sollen die 1 100 von der Entlassung bedrohten Arbeiter in Zukunft eine Beschäftigung finden? Zudem fühlen sich die Arbeiter ver­raten. Zwei Jahre zuvor war der Erhalt des Standorts vereinbart worden. Dafür hatten sie Lohneinbußen und eine Arbeitszeiterhöhung um 40 Stunden pro Woche akzeptiert. Die Fabrik in Agen erwirtschaftete einen Jahresgewinn von 17 Millionen Euro. Dann wurde sie verkauft. Dem deutschen Mutterkonzern reicht der Rekordgewinn noch lange nicht. Die Gewinnspannen lägen weit unter den Erwartungen der Aktionäre, argumentiert die Konzernleitung.

Wie ein Nachrichtenbeitrag im Fernsehen beginnt der Film. Die unterschiedlichen Positionen werden vorgestellt, der Konflikt wird angerissen. Die Eröffnungssequenz zieht den Zuschauer gleich mitten hinein. Dokumentarisch wirken auch die Aufnahmen von Streiks auf der Straße, von Blockaden und dem Auftürmen von Paletten vor dem Werkstor. Insgesamt verhalten sich die Streikenden aber zurückhaltend. Aus dem Foyer des Arbeitgeberverbands, das sie besetzen, lassen sie sich durch Polizeigewalt vertreiben. Die meisten Szenen zeigen die Beteiligten bei Verhandlungen: mit den Chefs, mit Vetretern der Politik, unter­einander. Immer scheint die Frage durch, wie sich die Streikenden ­verhalten sollen, welche medialen Bilder sie erzeugen, wie sie Druck aufbauen können, ohne den Abbruch der Verhandlungen zu riskieren. Sie bringen die Regierung auf ihre Seite, immerhin hat das Unternehmen Subventionen erhalten. Auch juristisch gehen die Arbeiter gegen die Verletzung des Vertrags vor, in dem der Erhalt des Standorts vereinbart worden war. Doch das ­alles hilft nichts. Das Gericht weist die Klage ab, der Staat hält sich zurück, weil er die Investoren nicht verärgern will. Bald spaltet sich die Gruppe der Streikenden. Die einen beginnen, über Abfindungen zu verhandeln, die anderen werten das als Einknicken und Zustimmung zur Schließung. Es kommt zum Streikbruch.

Die Handlung hält, was der dokumentarische Stil der Bilder verspricht. »Streik« ist ein Film, der die Dramaturgie von Arbeitskämpfen im Neoliberalimus realistisch abbildet und auf jede Beschönigung verzichtet. Es ist die Wirklichkeit, die ernüchternd brutal ist. Denn die Möglichkeit, Arbeitsplätze in Länder mit niedrigen Lohnkosten zu verlagern, ist das Druckmittel, das gegen Politik und Belegschaft eingesetzt wird. Kühl und distanziert ist auch die fotografische Darstellung. Die Farben sind blass und wirken unbearbeitet. Umso energischer und emotionaler agieren die Figuren. Besonders zwei Personen fallen auf: Mélanie, gespielt von Mélanie Rover, tritt als Unterstützerin von Amédéo auf. Die junge Frau, die mal kämpferisch, mal unendlch müde wirkt, lässt sich auch von dem machistischen Auf­treten mancher Gewerkschafter nicht beeindrucken. Und natürlich die Hauptfigur: Vincent Lindon verkörpert einen in jeder Faser überzeugenden Gewerkschaftsfunktionär. Emotional in seiner Empörung, ar­gumentiert Amédéo jedoch stets mit klarem Verstand. Er vereinigt die Tugenden des Gewerkschafters, der für das Recht auf und die Pflicht zur Arbeit einsteht. Amédéo ist die personifizierte Sozialdemokratie alten Schlags: ein kantiger Typ mit Herz und Verstand, der sich dort am wohlsten fühlt, wo man noch Kumpel sein darf. Nur wenig wird von seinem Privatleben erzählt. Die Kamera konzentriert sich auf die Arbeiter und ihren Kampf.

Der Originaltitel des Films lautet »En guerre«, »Im Krieg«. Der deutsche Titel »Streik« wirkt etwas zu bieder. »Arbeitskampf« wäre ein treffenderer Titel. Denn die Arbeiter zeigen keine Verweigerungshaltung, sondern wollen (ver-)handeln. Ihre Panik angesichts des bevorstehenden Arbeitsplatzverlusts ist auch dem Wissen um das Zwangsregime der Arbeitslosenversicherung geschuldet. Amédéo erklärt, dass das Arbeits­losengeld nur wenige Monate gezahlt wird und die Stütze schnell gekürzt werden kann. Der Druck des Systems auf große Teile der Gesellschaft wird im Film fühlbar gemacht. Schon in »Der Wert des Menschen« konnte man sehen, wie schwer dieser Druck auf dem arbeitslosen Thierry lastet und wie er ihn verändert hat. Selbst im Tanzkurs rastet er aus, weil er sich gegängelt fühlt, wenn der Tanzlehrer die Schrittfolge erklärt. Auch in seinem neuen Job fühlt er seine Ohnmacht. Als schlecht bezahlter Sicherheitsmann im Supermarkt muss er zumeist die »einfachen Leute« des Ladendiebstahls überführen. Es ist eine Tätigkeit, die sein moralisches Empfinden verletzt. Um Moral geht es auch in »Streik«. Der Film zeigt die Grenzen der Solidarität unter den Bedinungen des Neoliberalismus. Die neoliberale Individualisierung hat jedes Gruppengefühl pulverisiert, jeder will nur für sich die höchste Abfindung ergattern.

Brizé zeigt Politiker und Unternehmer nicht als unmenschliche Ausbeuter, sondern lässt sie argumentieren. Sie bekunden, dass sie die Probleme der Arbeiter verstehen, aber den Gesetzen des Kapitalismus folgen müssen. Für französische Verhältnisse fällt der Streik erstaunlich zurückhaltend aus. Gewalt geht fast ausschließlich von der Polizei aus. Bossnapping, das Einsperren der Manager zur Erhöhung des Verhandlungsdrucks, findet nicht statt. Der Streik wird nicht als kämpferischer Akt verstanden, wie ihn Sergej Eisenstein 1925 in seinem Stummfilm »Streik« inszenierte: ein zum Kollektiv verschworener Haufen Menschen, die nicht nur von der Revolution träumen, sondern sie mittels Streik erringen. In der Gegenwart ist der Streik lediglich das Rückzugs­gefecht der Verzweifelten.

Streik (F 2018). Regie: Stéphane Brizé, ­Darsteller: Vincent Lindon, Mélanie Rover, Martin Hauser, David Rey. Filmstart: 25. April