Lahme Literaten - Folge 11, Ulla Hahn

Du dachst mich spitz

Alle Vernichtungsversuche überlebt: Zum 74. Geburtstag der sehr deutschen Dichterin Ulla Hahn.

Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, obwohl sie geistvoll sind, haben nicht selten bösartige Doppelgänger, die sich gegen sie wenden, indem sie ihnen nachplappern. Zu Beginn hat der Geistvolle den Doppelgänger gefördert, doch in dem Augenblick, wo dieser sich vor lauter Dank und Ehrerbietung zum Popanz von jenem macht, versucht jener, diesen loszuwerden. Weil der Doppelgänger dem Geistvollen aber nicht nur scheinbar, sondern wirklich ähnelt, kehrt er zurück, um sich dafür zu rächen, dass er verscheucht werden soll. Die literarische Doppelgängerin des Kritikers Marcel Reich-Ranicki ist Ulla Hahn. Schon der ­Titel ihrer ersten Veröffentlichung, der 1978 erschienenen Dissertation »Die Entwicklungstendenzen in der westdeutschen demokra­tischen und sozialistischen Literatur der sechziger Jahre«, gibt die Tonlage von allem vor, was unter ihrem Namen folgte: trocken wie Knäcke, phantasievoll wie ein Zahnarztwartezimmer, smart wie ein Aktenvermerk.

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Dass Reich-Ranicki in den Acht­zigern ihre Lyrik pries und daran mitwirkte, ihre Veröffentlichungen zu Bestsellern zu machen, mag auch daran ­gelegen haben, dass sich in Ulla Hahn die frische und jüngere Variante des pfeifentabakgesättigten Sprachvollzugsbeamtentums der Gruppe 47 mit jener Mischung aus Emotionalität und Stumpfheit verband, die manche Männer für weibliche Intelligenz halten. Wie auch immer, nach Reich-Ranickis Elogen war Ulla Hahn zur literarischen Größe geworden und weigerte sich fortan, wieder so klein zu werden, wie sie war.

In den folgenden Jahren warf sie mit der Verlässlichkeit eines soliden EDV-Programms Gedichtbände mit besinnlich ambivalenten Titeln wie »Herz über Kopf«, »Unerhörte Nähe« und »Wiederworte« auf den Markt, deren Verse wie eine schlechte Nachahmung der unfreiwillig komischen Lyrik Friederike Kempners anmuten: »Als ich heute von dir ging/fiel der erste Schnee/und es machte sich mein Kopf/einen Reim auf Weh.« Schon bevor Günter Grass in seinem Spätwerk den Höhenkamm pikanter Poesie erklomm, gelangen Hahn erotische Gedichte, die es an Fremdschampotential mit denen des reiferen Kollegen locker aufnehmen können: »Ich herze dich/ich lunge dich/ich haute haare/pore dich//Du baust auf mich/du dachst mich spitz/palastest mich/oasest mich«. Von solchem Stil getragen ist auch ihr 1991 veröffentlichter Debütroman »Ein Mann im Haus«, der mit dem sexuellen Wagemut eines Ludwig Ganghofer vom heimlichen Liebesverhältnis der Goldschmiedin Maria mit dem Küster Hans Egon erzählt, mit dem Maria bei der Lektüre von »Reineke Fuchs« zur Adventszeit SM-Spiele treibt, bis sie den zu ihrem Sklaven gemachten Mann am Rheinufer aussetzt.

Das Buch fiel selbst bei der gründlich vorverblödeten deutschen Literaturkritik durch, nur Reich-Ranicki brauchte weitere zehn Jahre, bis er Hahns autobiographisch grundierten, teilweise auf Kölsch geschriebenen Heimatroman »Das verborgene Wort« im »Literarischen Quartett« erbarmungslos verriss. Hahn wertete das als »Vernichtungsversuch« und stellte mit dieser Wortwahl klar, dass auch in ihr jenes deutsche Erbe die Oberhand behalten hatte, das die älteren Mitglieder der Gruppe 47, obwohl sie Reich-Ranicki als Stimme der Kritik achteten, stets gegen ihn einnahm. Heute lebt Ulla Hahn nicht mit einem Küster, sondern mit Klaus von Dohnanyi in Hamburg. Ihr rheinisches Elternhaus, in dem sich ein Jugendkulturzentrum befindet, hat sie nach sich selbst benannt. Manchmal übertrifft die Tristesse des Lebens die der Literatur.