Lahme Literaten - Folge 12

Pathos und Fäkalität

Durs Grünbein schreibt tief und ernst - und plappert wie ein neudeutsch gerahmter Pressesprecher.

Wenn Ulla Hahn die bösartige Doppelgängerin Marcel Reich-Ranickis ist, mag Durs Grünbein als heimtückischer Nachfahre von Peter Hacks gelten. Ein Jahr nach dem Mauerbau in Dresden geboren, gehört er zu den Nachwende-DDR-Autoren, die ihre Schreiberziehung in Ostdeutschland absolvierten, ihre ersten Erfolge aber in der neuen Bundesrepublik feierten. Ihr Stil ist gezeichnet durch Überbleibsel einer realsozialistisch depravierten Formensprache, die sie nie ganz loswurden. Bei Grünbein avancierten solche Relikte zum Erfolgsrezept. Der eigentümliche Ossi-Klassizismus, ein Hang zu antiken Stoffen und einer vom Trieb bereinigten Rationalität, die je nachdem Brecht auf Schiller oder Schiller auf Brecht herunterkürzt, stieß schon bei Hacks mitunter staatsdichterhaft auf, blieb aber gemildert durch Geist und Witz. Während Hacks’ linke Nachlassverweser aus ihm am liebsten einen sozialistisch gewienerten Titanic-Schreiber machen würden, lebt der Ossi-Klassizismus bei Grünbein in einer restaurativen Modernität fort, die ihn unter schwerdenkerischen Westdeutschen beliebt gemacht hat. Der Titel des 1991 erschienenen Lyrikbandes »Schädelbasislektion« klang für Unvorbereitete wie ein Kalauer im Stil von Joachim Ringelnatz, war aber schon damals so gemeint, wie alles gemeint ist, was Grünbein schreibt: tief und ernst.

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Der prototypische Grünbein-Leser ist jünger als sein Idol und stabil männlich. Er verfügt über ein abgeschlossenes Germanistik-Studium, wohlsituierte Verwandte, eine dauerhafte Lebensabschnittspartnerin und abwechslungsreiche Karriereaussichten im Kulturbetrieb. Gelegentlich schreibt er selbst Gedichte, die er mit wohlorientierter Ironie beurteilt und ausgewählten Freunden vorliest; damit prostituieren würde er sich nie. Er weiß, dass qualitätvolle Lyrik, die bleiben wird und sich doch nicht scheut, Zeitgenössisches zu streifen, nicht einfach klingen darf wie Rudolf Borchardt, sondern Formschönheit und aktuelle Wissenskulturen, herbes Pathos und dezente Fäkalität verbinden muss. Der Meister hat es vorgemacht: »Was du bist steht am Rand / Anatomischer Tafeln. / Dem Skelett an der Wand / Was von Seele zu schwafeln / Liegt gerad so verquer / Wie im Rachen der Zeit / (Kleinhirn hin, Stammhirn her) / Diese Scheiß Sterblichkeit.« Sowas hat natürlich Borchardt in den »Jamben« viel besser gemacht, aber die entstanden im italienischen Exil und waren gegen die Nazis gerichtet, während die Grünbeine Jünger verehren und sich in der Emigration wähnen, sobald sie mal keine Schädelknochenbezeichnungen googlen können, weil das Internet ausgefallen ist.

Da er paradoxe Bilder zusammenzieht (»gerad« und »verquer«!), wie Celan Gedichtzeilen einklammert, das Kleinhirn vom Stammhirn unterscheiden kann und sich trotzdem nicht zu schade ist, auch mal »Scheiß« zu sagen, erwarten die Grünbeine jedes Bändchen ihres Recken, der im Menschen das Skelett sieht, die Seele als Schwafelei durchschaut und sich doch auf die üppige Rente freut, mit roten Wangen wie Teenies ihren Superstar. Dass er, wenn er sich öffentlich äußert, plappert wie ein neudeutsch gerahmter Pressesprecher (»Wir stehen hier unter einem amerikanischen Einfluss«, »Ein einziger Tweet kann eine ganze Debatte zerstören«), erleichtert die Identifikation. Und dem Einwand, Durs Grünbein werde hoffnungslos über­schätzt, lässt sich mit dessen eigener Klage kontern, dass der Ruhm von Uwe Tellkamp viel unverdienter sei: »Er ist der einzige Dresdner Autor, der noch zu Lebzeiten einen Straßennamen bekommt.«

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