Verurteilte Hochstaplerin Anna Sorokin

Die Lust am Spiel

Sich neu erfinden und nicht dem Schicksal fügen: Anna Sorokin hat in den USA vorgegeben, eine Millionärstochter zu sein, um sich ein Leben im Luxus zu ergaunern. Eine Verteidigung.

Als der Schwindel enthüllt war, schlug die Stunde der Bedenkenträger, Kuwi-Schwafler und Moralhausmeister. Während sich die Kommentatoren in Leserforen von Welt und Focus angesichts der Tatsache, dass eine ­betrügerische Einwanderin »Deutsch­russin« statt »Russischstämmige« genannt wird, vor Empörung kaum einkriegen konnten, schalteten die Schreibautomaten linkerer Medien in den kulturkritischen Schongang und lamentierten davon, dass in uns allen eine Anna Sorokin stecke.

»Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir irgendetwas leidtut.«

Unter der Überschrift »Nach unten kommt man immer« erkannte Ruben Donsbach in der Zeit die Kunststudentin, der es gelungen war, unter dem Namen Anna Delvey jahrelang die ­Rolle einer Millionärstochter zu spielen, um sich von der New Yorker Kulturschickeria aushalten zu lassen, als »Spiegelbild einer Gesellschaft, die von allzu viel Realität schnell ermüdet«. Als wüsste nicht jeder, dass Instagram-Stars und It-Girls dem Klump aus Gemeinheit, Tristesse und Idiotie, der Wirklichkeit genannt wird, genauso wie Publizisten, Penner und Professoren angehören, ­dozierte der Autor: »Fake it till you make it: Das funktioniert eben nicht nur beim Clan der Kardashians, die sich das Berühmtwerden vergolden lassen haben. Sondern, heruntergebrochen auf den Mittelstand mit Parvenü-Allüren, eben auch bei Anna Sorokin, geboren in Moskau, zur Schule gegangen in Eschweiler, abgebrochenes Studium an der Modeschule Central Saint Martins in London, in New York angekommen mit nichts außer dem Ehrgeiz, sich selbst neureich zu erfinden.«

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Bei einer Frau also, die wegen ihrer niederen Herkunft und ihrer Loser-Karriere besser hätte wissen müssen, was der neudeutsche Journalist während seiner ethisch korrekten Laufbahn gelernt hat: Sich neu erfinden zu wollen, statt sich mit biederem Pathos dem eigenen Schicksal zu fügen, ist anmaßend und selbstzerstörerisch. Glanz und Glamour beschädigen die Integrität. Besonders die weibliche.

Sorokin hoffte bis zuletzt auf eine milde Strafe: Im New York State Supreme Court in New York am 30. Oktober 2018.

Bild:
picture alliance / Richard Drew

Weil sie ob ihrer Unbelehrbarkeit keine Quotenkulanz verdient hat, darf Sorokin vom geschlechtersensiblen Volkswillen mit einem Geifer diffamiert werden, den sich bei langweiligeren Frauen niemand mehr ­erlaubt. Donsbach hat für die Wannabe-Russin statt Sprechorttoleranz nur mitleidige Verachtung übrig: »Nun ist Sorokin das Symbol dafür geworden, dass dieser Lifestyle längst etwas Notorisches oder Pathologisches bekommen hat. (…) Wie einsam sah Sorokin aus, als sie dort im Gerichtssaal in New York saß, ­angekleidet von der Promi-Stylistin Anastasia Walker, so unbedarft, trotzig und unmündig wie ein Kind, jedes Detail reiner Content, der verlinkt werden könnte.« Dass sie für lange Zeit mit nichts mehr verlinkt sein wird, hat der Freizeitpathologe Donsbach in seiner Begeisterung über die Einsamkeit der Gefangenen vergessen.

Seine Gesinnungsgenossin Caroline Fetscher sieht im Tagesspiegel in Sorokin die Inkarnation von allem, was dem Zivilgesellschaftler ein Dorn im Auge ist: Marktegoismus (»Jeder kann den Klassensprung schaffen, so lautet das neoliberale Narrativ«), Transzendierung des Ethnos (»Bau dir deine Identität zusammen, jenseits von Herkunft und Zuschreibungen«) und Verwandlung von Kunst in Kommerz (»mit Céline-Sonnenbrille, Laptop und Luxus­gepäck jettete sie umher«) – um am Ende bei der These zu landen, Sorokin habe nur den bösen Ami nachgeahmt: »Selbstvermarktung: Trump machte es vor.« Auch der Spiegel, dessen Empörung über hochstaplerische »Leistungserschleichung« putzig anmutet, erkannte in Sorokins ­angeblichem Motto »Fake it till you make it« die Maxime, mit der »Trump zum ›Selfmade‹-Krösus und Präsidenten« geworden sei. Der Narzissmus, dieser Meister aus Amerika, hat die russische Seele längst verdorben. Allein die Auguren der deutschen Mittelmacht hegen keine Illusionen über die Verwandtschaft von östlicher und westlicher Immoralität.

Wenn es eine Nähe zwischen Trump und Sorokin gibt, besteht sie nicht in der Verherrlichung des Scheins, dem der integre Deutsche das Pochen auf die unvergängliche Substanz entgegenhält, sondern in der renitenten Weigerung, nachzuplappern, was einem der konstruktive Journalismus gern ins Manuskript diktieren würde. Neben der Unverschämtheit, den Gerichtssaal bei ­ihren Auftritten in einen Laufsteg zu verwandeln, statt bedröppelt in Sack und Asche daherzutrotten, bereiteten der Öffentlichkeit die Pläne für eine Netflix-Serie über die Hochstaplerin Sorgen, für die sich Sorokin die aus »X-Men« bekannte Jennifer Lawrence in der Rolle ihrer selbst wünscht. Als unbotmäßig wurde wahrgenommen, dass Sorokin nach ihrer Verurteilung zu einer mindestens vier­jährigen Haftstrafe gegenüber der New York Times das vor Gericht ge­äußerte Bedauern mit den Worten einschränkte: »Ich würde Sie und alle anderen anlügen, wenn ich sagen würde, dass mir irgendetwas leidtut. Ich bedauere nur, wie ich bestimmte Sachen angegangen bin.« Die Zeit, die sie bis zur Verkündung des Strafmaßes auf der Gefängnisinsel Rikers Island vor New York verbringen musste, bezeichnete sie gegenüber dem Magazin The Cut als »gar nicht übel« und als »soziologisches Experiment«.

Angesichts des Skandals, dass sie ihre Schuld juristisch, aber nicht moralisch eingesteht, ist niemandem aufgefallen, wie bemerkenswert Sorokins Stellungnahme war. Die Seltsamkeit, dass eine Hochstaplerin nicht lügen will, gehört zum Selbstverständnis ihres Handwerks. Der ordinäre Lügner steht im Bann der Wirklichkeit, in der er nur durch Täuschung und Vertuschung vorwärts zu kommen meint. Ziel der Lüge ist, ­eigene Patzer und Schwächen zu kaschieren; sie hat etwas Klemmiges und Provisorisches. Der Hochstapler dagegen glaubt an eine abwechslungsreichere, aber auch abgründigere Wirklichkeit, zu der er die Freunde der Realität verführen will. Sein Ziel ist, sich selbst und damit jene, die auf ihn hereinfallen, zu verwandeln, und die Verwandlung darf kein Ende haben. Deshalb beruht die Hochstapelei zwar auf Improvisation, hofft aber, dem Provisorium Dauer zu verleihen. Der Lügner gleicht dem Buchhalter, der Retuschen an Fehlkalkulationen vornimmt; der Hochstapler dem Spieler, der alles auf eine Karte setzt.

Als Spielerin gehört Anna Sorokin in eine Genealogie weiblicher Hochstapelei, die ihre Blütezeit vor mehr als 100 Jahren hatte. Der Engländerin Mary Baker, die 1817 in Gloucester­shire auftauchte, sich als Prinzessin Carabu aus Javasu vorstellte und in einer von ihr erfundenen Sprache redete, gelang es mit Hilfe eines Portugiesen, der ihren Schwindel durchschaute und fortan als ihr Dolmetscher auftrat, in die upper class aufgenommen zu werden und deren Angehörige um hohe Geldbeträge zu erleichtern.

Anders als Sorokin musste Baker nach Enthüllung ihres Betrugs nicht ins Gefängnis; der Friedensrichter, der sie anfangs aufgenommen hatte, bot ihr weiter ­Obdach. Die Herkunft Bakers, die unter Dieben und Bettlern gelebt hatte, sprach eine Wohltätigkeit an, auf die Sorokin nicht hoffen kann. Die Verbindung aber, die zwischen Hochstapelei und Neurose gezogen wurde, lebt in der Berichterstattung über den Prozess gegen sie fort. Im Fall von Franzisca Czenstkowski, die sich Anna Anderson nannte und seit 1922 ­behauptete, Anastasia, einzig überlebende Tochter des 1918 von Bolschewiki ermordeten Zaren Nikolaus II. zu sein, waren sich Ärzte und ­Kriminologen nie einig, ob ein Nervenleiden oder verbrecherische Absicht vorlag. Die Lebensgeschichten von Baker und Anderson sind verfilmt worden, Erstere 1994 mit Phoebe Cates, Letztere schon 1956 mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle.

Jennifer Lawrence würde in der Rolle von Anna Sorokin also einer ehrwürdigen Tradition folgen. Und von Sorokin, der horrende Straf­zahlungen drohen, wäre es ein guter Plan, ihren Ruhm durch eine Fernsehserie aufzubessern. Eine von »uns« aber ist Sorokin nicht nur deshalb nicht, weil sie unter moralinsaueren Whistleblowern und »Lockvögeln« eine anachronistische Figur ist. Vor allem sind »wir«, die allen Arbeits­eifer darauf verwenden, anderen nach dem Mund zu reden, ja keine Illoya­lität zu begehen und freiwillige Devotion ohne angemessene Entschädigung leisten, auf das Prinzip der Realität vereidigt, gegen das Sorokin verstoßen hat, indem sie, statt ihr Studium zu beenden, ihr Experiment begann. In einer Welt, in der Jan Fleischhauer und Margarete ­Stokowski über eigene Wikipedia-Einträge verfügen, ist eine eigene Netflix-Serie das Mindeste, was für Sorokin herausspringen müsste. Hoffentlich entspricht das Ergebnis ihren Erwartungen. Hoffentlich kann sie der Premiere in Freiheit beiwohnen. Und hoffentlich erhält sie eine Auszeichnung für das Drehbuch, das sie mit ihrem Leben schrieb.


Anna Sorokin wurde wegen Betrugs von reichen Geschäftsbekannten und mehreren Hotels vor einem New Yorker Gericht ­angeklagt und schuldig gesprochen. Ihr drohen zwischen vier und zwölf Jahren Haft. Aufsehen hatten ihre Kleidung und Auftreten im Gerichtssaal erregt. Sorokin wurde in der Sowjetunion in der Nähe von Moskau als Tochter eines LKW-Fahrers geboren, der später als Angestellter und Unternehmer tätig war. Mit 16 Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland und besuchte ein Gymnasium in Eschweiler, bevor sie eine Weile nach London ging. Zurück in Deutschland arbeitete sie 2012 bei einer PR-Agentur. Sie zog nach Paris, um als Praktikantin für das französische Kulturmagazin »Purple« zu arbeiten. Anschließend ging Sorokin in die USA, wo sie unter dem Pseudonym Anna Delvey Kontakte in die Geschäftswelt Mannhattans knüpfte. Sie gab sich als deutsche Millionenerbin aus und prellte Hotels, Geschäftsbekannte und vermeintliche Freunde im Zeitraum November 2016 bis August 2017 um 275 000 US-Dollar.

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