Obdachlosigkeit in Weißrussland

Im Schatten des Dserschinski-Bergs

Im postsowjetischen Weißrussland ist Obdachlosigkeit offiziell kein Problem. Umso mehr ist es eines für die Menschen, die dort trotzdem davon betroffen sind.

»Der Kapitalismus ist vor allem in seiner Anfangsphase völlig wahnsinnig«, sagt der ältere Mann mit grauem Schnauz­bart, das habe schon Mark Twain beschrieben. Alles sei schlechter geworden seit dem Ende der Sowjetunion, die Gesellschaft kaltherziger und vor allem gewalttätiger. Die Geschichte von Wiktor Iwanowitsch, dem Obdachlosen aus Minsk, hat etwas von einer antiken Tragödie , versetzt ins postsowjetische Weißrussland. Vor 17 Jahren habe er den eigenen Vater erschlagen, sagt Iwanowitsch am Eingang einer Suppenküche in der Peripherie der Zweimillionenstadt. So wie der 69jährige es schildert, tötete er aus Notwehr. »Wenn der Alte besoffen war, trat er meine Mutter, ich wollte sie schützen«, sagt er. An jenem Tag sei der Vater besonders betrunken gewesen und habe die Mutter mit seiner Schrotflinte bedroht. Iwanowitsch sei keine Wahl geblieben, als ihn mit einem Spaten zu niederzustrecken. Ein Gericht verurteilte ihn wegen Totschlags zu sechs Jahren Gefängnis.

Am Eingang der Suppenküche spiegeln sich die Verhältnisse.

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Marco Fieber
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Die Mutter starb zwei Jahre später, Iwanowitsch durfte nicht zu ihrer Beerdigung. Als er 2005 aus dem Gefängnis entlassen wurde – er hatte zwei Drittel der Haftstrafe abgesessen –, fand er keine Arbeit mehr und hatte keine Wohnung. Seitdem befinde er sich, wie er sagt, in einem »ständigen Zustand der Vorhölle«. Die Wohnung der Eltern stehe ihm eigentlich als Erbe zu, doch gebe es Probleme wegen seines Passes. Er besaß nur einen alten sowjetischen Pass, in den neunziger Jahren habe er es versäumt, einen weißrussischen zu beantragen, seine Eltern waren aus Russ­land eingewandert. Doch um in Weißrussland Grundbesitz erben zu können, brauche man die weißrussische Staatsangehörigkeit, erklärt er. 2011 wurde er nach Russland angeschoben. Nun ist er wieder in Minsk und versucht, von den Behörden das Haus der Mutter zurückzubekommen. Es steht seit deren Tod leer.

Außer Iwanowitsch haben an diesem Tag noch etwa 40 zumeist ältere Menschen in der Suppenküche des weißrussischen Hilfswerks Otklik Brot, Suppe und Tee bekommen. Ihre Kleidung ist zumeist alt und oft zerschlissen. Iwa­nowitschs Situation sei nicht untypisch für die Menschen, die dorthin kommen, sagt Alexander Tschernitski, der die Suppenküche betreibt. Es seien etwa 80, die er kenne, weil sie regelmäßig kämen. Auch Kleider und andere Spenden aus Schweden verteilt Tschernitski hier an Bedürftige. Nicht alle, die täglich die Suppenküche aufsuchen, seien obdachlos, viele seien »einfach nur arm«. Unter den Obdachlosen seien viele ehemalige Häftlinge. Auch seien viele, die zur Suppenküche kämen, staatenlos oder hätten keine weißrussische Staatsbürgerschaft, manche hätten nur alte sowjetische Pässe. Nach dem Ende der Sowjetunion gab es 1991/92 eine Übergangsphase, in der auch die zu Sowjetzeiten eingewanderten Menschen, darunter viele Russen und Ukrainer, weißrussische Pässe hätten beantragen können, sagt Tschernitski. Aber nicht alle hätten das getan. Die regelmäßigen Gäste der Suppenküche befänden sich daher oft in einem Teufelskreis und kämpften mit den Behörden – so wie Iwanowitsch.

Alexander Tschernitski mit gespendeten Gegenständen aus Schweden.

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Auch Tschernitski hält vom Kapitalismus nicht besonders viel. Auf jeden Fall sei es den meisten Weißrussen in der Sowjetunion in den siebziger und achtziger Jahren besser gegangen als heute, findet er. »Keiner mag Breschnew, aber unter ihm gab es hier keine Obdachlosen und einen Lebensstandard wie in Schweden«, sagt der 55jährige, der nach dem Ende der Sowjetunion zunächst eine Weile in Schweden gelebt hat. Leonid Breschnew war von 1964 bis 1982 Generalsekretär der KPdSU, 1968 ließ er sowjetische Truppen in die Tschechoslowakei einmarschieren und den »Prager Frühling« niederschlagen. Zu wenig Freiheit habe es damals gegeben, findet Tschernitski. Durch die Lektüre Dostojewskis habe er »zu Gott gefunden«. Der praktizierende evangelikale Christ durfte nicht an der Kunsthochschule studieren. Doch nach seiner Erfahrung seien harte Prüfungen nicht unbedingt schlecht für die Religion. Staatliche Repression bringe bei Christen die besten Qualitäten hervor. »In Syrien unter dem ›Islamischen Staat‹ waren Christen bereit, für ihren Glauben zu sterben«, sagt er, und in den Ostblockstaaten hätten die Kirchen den Menschen Kraft und Hoffnung gegeben. Doch heutzutage gehe es Christen in Westeuropa und den USA es nur noch um Geld, Macht und Einfluss.

Nach seiner Zeit in Schweden zog Tschernitski zu Verwandten in die Vereinigten Staaten. Wegen der großen Wirtschaftskrise von 2008 ging er aber wieder nach Weißrussland, wo er seitdem als Künstler arbeitet und die Suppenküche betreibt. Der neue Staat habe sich lange überhaupt nicht um Obdachlose gekümmert, sagt er. Offiziell wird Obdachlosigkeit als gesellschaftliches Problem vom Staat auch weitgehend negiert, das zeigt ein seit Mai auf Englisch vorliegender Bericht der Menschenrechtsorganisation Weißrussisches Helsinki-Komitee. Es ist die erste Studie, die bisher überhaupt zu dem Phänomen der Obdachlosigkeit in dem autoritär regierten Land durchgeführt wurde.

Der Obdachlose Wiktor Iwanowitsch erzählt seine Geschichte.

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Der neue Staat ist dem alten in mancher Hinsicht nicht unähnlich. Auf eine kurze Phase des demokratischen Aufbruchs und typisch postsowjetischer Privatisierung folgte am 10. Juli 1994 die Wahl Alexander Lukaschenkos zum Präsidenten – seit nahezu einem Vierteljahrhundert bekleidet er nun dieses Amt. Die Privatisierungen wurden gestoppt, etwa 80 Prozent der weißrussischen Wirtschaft befinden sich in staatlicher Hand. Die in den neunziger Jahren privatisierten Wohnungen blieben allerdings in Privatbesitz, was inzwischen enorm zur sozialen Ungleichheit beigetragen hat. Neue staatliche Embleme und Wappen, die den alten sowjetischen sehr ähnlich sehen, wurden eingeführt. Auf öffentlichen Plätzen und vor Fabriktoren sind gigantische Lenin-Statuen und -Büsten nach wie vor omnipräsent.

Auch Felix Dserschinski, der die berühmt-berüchtigte erste sowjetische Geheimpolizei, die Tscheka, leitete und in einer heutzutage zu Weißrussland gehörenden polnischen Stadt geboren wurde, wird noch in hohen Ehren gehalten. Eine überlebensgroße Büste Dserschinskis steht in Minsk direkt gegenüber dem palastartigen gelben Gebäude des weißrussischen Geheimdiensts, der wie ehedem KGB heißt. Der höchste Berg des ansonsten auffällig flachen Landes trägt den Namen Dserschinski-Berg – er erhebt sich stattliche 346 Meter über den Meeresspiegel.

Bei so wenig Distanz zum autoritären Erbe des Vorgängerstaats verwundert es nicht, dass es in Weißrussland auch heutzutage recht repressiv zugehen kann. Es ist das einzige europäische Land, in dem derzeit noch die Todesstrafe vollzogen wird. Die Inhaftierungsrate war 2016 nach offiziellen Angaben fast fünfmal so hoch wie in Deutschland. Regelmäßig werden politische Oppositionelle und kritische Journalistinnen und Journa­listen verhaftet. Viele Menschen landen in Weißrussland nach zweifelhaften Gerichtsverfahren über Jahre in sogenannten Strafkolonien – für Vergehen, die andernorts gar nicht verfolgt werden. Für den Besitz von weniger als einem Gramm Haschisch bekommen in Weißrussland auch Minderjährige Gefängnisstrafen von acht bis zehn Jahren. Auch kann die Polizei für Trunkenheit oder »Fluchen in der Öffentlichkeit« empfindliche Strafen verhängen.

Wohnhäuser in Minsk. In den neunziger Jahre wurden in Weißrussland viele Wohnungen privatisiert.

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Obdachlose bekommen regelmäßig die Gewalt des Staates zu spüren, zuletzt in größerem Umfang während der der Eishockeyweltmeisterschaft 2014 in Minsk. Von einem Tag auf den anderen, berichtet Tschernitski, seien kaum noch Leute in die Suppenküche gekommen. Auf seine besorgte Nachfrage habe man ihm gesagt, dass die Polizei die Obdachlosen »aus der Stadt gebracht« habe. Tatsächlich hatte die Regierung im vor Eishockey-­WM angekündigt, sie wolle »die Straßen von asozialen Elementen säubern«. Etwa eine Woche vor dem prestigeträchtigen Großereignis verhaftete die Polizei systematisch mehrere Hundert Obdachlose, Alkoholiker und Sexarbeiterinnen, wie die Schweizer Wochenzeitung Woz am 24. April berichtete.

Der Bericht des Weißrussischen Helsinki-Komitees (BHC) beschreibt außerdem, dass die Polizei aufgegriffene Obdachlose oft, statt sie in Haft zu nehmen, viele Kilometer außerhalb der Stadtgrenzen abgesetzt habe – der Bericht bezeichnet diese Praxis als »informelle Haft«, durch die »Gesundheit und Sicherheit« der Betroffenen gefährdet würden.

Insbesondere warnt das BHC davor, dass es bei den zwischen 21. und 30. Juni in Minsk stattfindenden Europäischen Spielen zu ähnlich groß angelegten »Straßensäuberungen« wie im Vorfeld der Eishockey-WM kommen könnte. Zumindest wüsste Tschernitski diesmal, warum die Besucherinnen und Besucher seiner Suppenküche nicht wie gewohnt zur Essensausgabe erschienen.

Die Recherchen für diesen Artikel fanden im Rahmen einer Pressereise statt, die von der deutsch-schweizerischen NGO Libereco zum Thema »Obdachlosigkeit in Weissrussland« organisiert wurde. Die Kosten für Reise und Unterkunft trug Libereco.

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