Prüderie und Freiheit

Nackte Kontrolle

Hotpants, Promiskuität und Nacktbaden waren einmal Ausdruck einer Protestkultur. Doch als Beweis weiblicher Selbstbestimmung funktionieren sie nicht.

»Leute, aber jetzt mal ehrlich«, schrieb die Bloggerin Jane vor einigen Jahren über ihre »Nacktangst« beim Besuch eines Spa in Berlin, »nix für mich!« Die beliebte Sauna wird weitgehend »textilfrei«, also nackt besucht. 2018 wurde dort allerdings die Regel eingeführt, dass ein Bademantel beim Gang von der Sauna zum Pool obligatorisch sei. Ist Berlin die neue Hauptstadt der Prüderie, fragte darauf die Berliner Morgenpost. Im selben Text vermengt der Autor die Bademantel-Vorschrift mit der Kontroverse um das Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule. Diese Kontroverse hatte zwar mit Sexismus zu tun, doch nur sehr ­bedingt mit Sexualität – und gar nichts mit dem Zeigen oder Verbergen nack­ter Körper. Nacktheit, Sexualität, strukturelle Gewalt: Warum werden diese so verschiedenen Dinge unter dem Label der »Prüderie« verhandelt?

Der Vorwurf der Prüderie und Verklemmtheit begegnet mit schöner Regelmäßigkeit Frauen, die sich »zieren«, die sich also nicht so freizügig geben, wie das Gegenüber es wünscht.

Ob sie vielleicht verklemmt sei, fragte sich die Bloggerin mit der Nacktangst selbstkritisch. In diese Kerbe schlugen mehrere Kommentare unter ihrem Blogeintrag und bemängelten »mangelnde(s) Selbstwertgefühl«, »übertriebenes Schamgefühl« und »eine charakterliche Fehlentwicklung«. Von Fremden im Internet beurteilt und psychologisiert zu werden, ist eine normale Praxis der gegen­seitigen Kontrolle, die im 21. Jahrhundert als ein neuer Faktor des »Zivilisationsprozesses« nach Norbert Elias gelten kann. Der deutsch-jüdische Soziologe beschrieb im britischen Exil in den dreißiger Jahren eine Entwicklung, bei der »Fremdzwänge sich in Selbstzwänge verwandeln«. Diese Internalisierung von Kontrollfunktionen führt Elias zufolge zu einer je nach ­Gesellschaftsform unterschiedlich gestalteten Erfahrung der Gefühle von Scham und Peinlichkeit.

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Die schamhafte Vermeidung der Nacktheit sei ein Kennzeichen des Bürgertums, meint der Historiker Jean-Claude Bologne in seinem Buch »Nacktheit und Prüderie – eine Geschichte des Schamgefühls«. Für den Bürger sei die Kleidung das äußere Zeichen seines Wohlstands, Nacktheit beraube ihn der Würde. Diese bürgerliche Scham sieht in der Nacktheit gar nicht in erster Linie Sexualität, sondern eine Unbedecktheit, die Schutzlosigkeit ­bedeutet, das Fehlen von Zeichen des Standes und der Hierarchie. Darum war es für die zivilisierten Bürger im 19. und 20. Jahrhundert auch kein Problem, in rassistischen Völkerschauen nichteuropäische Menschen als weitgehend »hüllenlose Wilde« vorzuführen und anzustarren. Ihre teilweise Nacktheit verletzte die bürgerliche Scham nicht, weil sie nicht als Bürger wahrgenommen wurden und ihnen darum auch keine Menschenwürde zugesprochen wurde.

So leuchtet es auch ein, dass die Freikörperkultur, die in Deutschland um 1900 entstand, einem antibürgerlichen Ideal anhing. In ihrer politisch rechten Ausprägung tendierte die Freikörper- und Naturismusbewegung unter dem Slogan »Nackt und deutsch« nicht nur zu sentimentaler Naturromantik und heimattreuer Kritik der Moderne, sondern auch zur Zuchtwahlauslese und zum Antisemitismus.

Einer Bloggerin mit »Nacktangst« eine charakterliche Fehlentwicklung zu unterstellen, ist natürlich auch ein Akt sozialer Kontrolle. Man bezichtigt sie der Prüderie, ebenso wie die Studierenden, die ein Gedicht über den Blick auf Frauen von ihrer Fassade entfernen und durch ein anderes ersetzen wollten. Samuel Schirm­beck unterstellte linken Studierenden in seinem Buch »Gefährliche Toleranz« einen Hang zur Prüderie.

Prüde sein, heißt aus lin­ker wie aus liberaler Sicht, die Freiheit anderer einzuschränken und selbst in Zwängen gefangen zu sein. Ob es nun gesellschaftliche Zwänge sind oder doch autonome Entscheidungen, das ist die Frage. Prüde, das heißt so viel wie zimperlich oder zwanghaft zu sein. Im 18. Jahrhundert bezog sich dieser Begriff durchaus positiv auf eine ehrbare oder kluge Frau. Wäre sie nicht klug oder ehrbar, würde man ihr vorwerfen, durch eigenes Verschulden in Schwierigkeiten geraten zu sein.

Übt die Gesellschaft viel Kontrolle aus und zwingt sie Frauen in Schutzräume, die im Extremfall nicht von Gefängnissen zu unterscheiden sind, dann ist »Prüderie« kein üblicher Vorwurf: Die Frau wird für ihre Anpassung gelobt. Versteht sich die Gesellschaft aber selbst als liberal, verinnerlicht sich die Funktion der Kontrolle. Dabei verändert sich auch die Bedeutung der nackten Körper, deren Anblick zu einer Ware wird. Spätestens mit Aufkommen der Aktfotografie ergab sich ein neuer Bereich der Kommodifizierung der Körper, und die Frage nach der Nacktheit verschob sich auf den Handel mit Bildern. Heute wird über 13jährige berichtet, die per Smartphone dazu aufgefordert werden, Nacktbilder zu versenden. Eltern und Pädagogen lassen Kleinkinder häufig nicht mehr nackt draußen spielen, weil sie Angst haben, dass sie fotografiert und die Bilder als Kinderpornographie im Netz veröffentlicht werden könnten. Mit dem rechten Topos der »Frühsexualisierung« werden diffuse wie konkrete Ängste genährt. Die Angst vor dem Ausgebeutetwerden wird instrumentalisiert, um bürgerliche Normen von Heterosexualität und Kleinfamilie zu stabilisieren.

Aus feministischer Sicht ist hier immer die Frage der Verfügung über die Körper zu stellen. Wer darf einer Frau vorschreiben, wie viel von ihrer Haut und ihrem Haar für wen zu sehen sein darf? Aber auch: Wer darf ihr vorschreiben, wie sie sich dabei zu fühlen hat? Der Vorwurf der Prüderie und Verklemmtheit begegnet mit gewisser Regelmäßigkeit Frauen, die sich »zieren«, die sich also nicht so freizügig geben, wie das Gegenüber es sich wünscht. Diese soll dann aufgeklärt, enthemmt, entideologisiert werden, womit ihnen eine neue soziale Kontrolle auferlegt wird. Der unverstellte Blick auf sie wird ihnen als ihre eigene Freiheit verkauft, während sich zugleich die Objektivierung und Kommodifizierung von Frauenkörpern überall um sie herum vollzieht.