Neue Erkenntnisse über die SA

Straßenkämpfer auf dem Land

Der Historiker Daniel Siemens hat eine Gesamtgeschichte der SA vorgelegt. Das Bild einer dumpfen Schlägertruppe, die nach dem »Röhm-Putsch« abgewirtschaftet hatte, muss korrigiert werden.

In den frühen Morgenstunden des 10. August 1932 starb Konrad Pietrzuch aus dem oberschlesischen Potempa. Die letzte halbe Stunde seines Lebens muss ein Martyrium gewesen sein. Eine Gruppe von Mitgliedern der lokalen nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) überfiel den 35jährigen stellungslosen Arbeiter, der mit seinem Bruder und seiner Mutter in einer kleinen Hütte lebte, misshandelte ihn und erschoss ihn schließlich.

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Mit diesem blutigen Verbrechen an der Ostgrenze des damaligen Deutschen Reiches beginnt Daniel Siemens seine Abhandlung »Sturmabteilung. Die Geschichte der SA«, das nun auch auf Deutsch vorliegt. Der deutsche Historiker, der Europäische Geschichte an der Universität von Newcastle upon Tyne lehrt, betrachtet den Überfall aus mehreren Gründen als exemplarisch für die SA, ihre Geschichte und ihre Funktion innerhalb des nationalsozialistischen Systems. »Man muss bei der Geschichte der SA verstärkt auf den ländlichen Raum und nach Osten schauen. Hier wähnten sich deutsche Nationalisten schon früh in einem Abwehrkampf gegen mögliche Invasoren. Die Mitgliedschaft in der SA hatte dort eine ganz andere Rolle als in den Städten«, sagt Siemens der Jungle World. Während zur Geschichte der SA in den großen deutschen Städten bereits viele Abhandlungen geschrieben worden sind, ist die Rolle der SA auf dem Land bisher wenig erforscht worden.

Dabei war der ländliche Raum insbesondere in den Jahren nach Hitlers Machtergreifung durchaus wichtig, wie Siemens in seinem Buch herausarbeitet. Der Mord an Pietrzuch fand auf dem Land statt. Das Opfer war ein junger Mann, der angeblich mit der polnischen Nationalbewegung sympathisierte, die die oberschlesische Region Polen zuschlagen wollte. Und durch die große gesellschaftliche Aufmerksamkeit und den folgenden Prozess gegen die SA-Männer kann man anhand dieses Falls viel über die soziale Zusammensetzung der SA erfahren. Die Täter wurden zunächst zum Tode verurteilt, nach der Machtergreifung aber umgehend begnadigt.

Vom Bild einer nur pöbelnden, saufenden und dumpfen SA bleibt bei genauer Betrachtung wenig übrig, zumindest viel weniger, als bisher an­genommen wurde. Die SA-Männer von Potempa bildeten den Querschnitt der damaligen deutschen Bevölkerung ab. Genau genommen ­repräsentierten sie eher die Mittelschicht als das Proletariat. Während des Überfalls auf Pietrzuch waren die Täter zwar stark alkoholisiert, sie wussten aber während ihres Pro­zesses noch genau, wen sie angriffen hatten und warum. Das Bild des tumben Schlägers, der ab und an in Saalschlachten verwickelt wurde, aber ansonsten von Politik wenig verstand, entspricht eher einer Nachkriegslegende – die Täter versuchten in den Prozessen nach 1945, möglichst straffrei davonzukommen. Bis in die siebziger Jahre hinein dominierte eine Sicht auf die Geschichte der SA, die von Historikern wie Heinrich Bennecke geprägt wurde, der selbst Mitglied der SA gewesen war. Daniel Siemens zeigt in seinem Buch sehr genau auf, wie diese Legendenbildung nach 1945 funktionierte und wie sie den Blick auf die SA insgesamt lange verschleierte. In den Nürnberger Prozessen wurde die SA aufgrund dieser vorherrschenden Sichtweise auch nicht als verbrecherische Organisation ein­gestuft, da sie ab 1939 »im Allgemeinen« nicht an verbrecherischen Handlungen beteiligt gewesen sei.

Während die SA in der »Kampfzeit« für den Aufstieg der NSDAP unerlässlich war und nach 1933 ganz unmittelbar mit dem Terror der frühen Diktatur in Verbindung steht, stand sie nach dem sogenannten Röhm-Putsch im Juni/Juli 1934 deutlich weniger im Rampenlicht. Sie war bis zum Novemberpogrom 1938 kaum präsent. Siemens’ Forschungen erhellen nun dieses wenig bekannte Kapitel. Demnach war die SA nach der »Nacht der langen Messer« keineswegs handlungsunfähig. Zwar gingen ihre Mitgliederzahlen deutlich zurück; auch war sie in den folgenden Jahren von den »politischen Entscheidungsprozessen auf höchster Ebene ausgeschlossen«, doch als Organisation blieb sie bestehen. Auch hier richtet Siemens den Blick auf den ländlichen Raum.

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung lebte damals in kleinen und mittelgroßen Städten. Dort gelang es der SA nach 1934 erfolgreich, sich in die dörflichen Strukturen einzubinden. In den folgenden Jahren prägte die Sturmabteilung vielfach das Leben in den Schützen- und Reiter­vereinen. So wurde der bislang den Angehörigen der oberen Schichten vorbehaltene Reitsport der breiten Masse zugänglich gemacht. Die SA organisierte Veranstaltungen sowie Sport- und Familienfeste. Für diejenigen, die abseits der deutschen Volksgemeinschaft standen, bedeutete der SA-Mann auf dem Lande aber eine stete Gefahr. Dadurch, dass die SA auch nach 1934 mit hilfspolizei­lichen Aufgaben betraut war, konnte der örtliche Sturmmann jederzeit zur Bedrohung eines jüdischen Mitbürgers werden.
Die SA war also keineswegs verschwunden, bevor sie 1938 wieder eine entscheidende Rolle während des Novemberpogroms übernahm. Innerhalb kürzester Zeit brannten in ganz Deutschland die Synagogen, und die Braunhemden waren wieder überall präsent.

Für die Zeit des beginnenden Zweiten Weltkriegs liegen bislang ebenfalls wenige Studien vor, die sich mit der SA beschäftigen. Siemens hat dieses Kapitel nun detailliert nachgezeichnet. Im Gesamtgefüge des Terrors und der Überwachung spielte die SA eher eine untergeordnete Rolle. Dass sie überhaupt eine Rolle gespielt hat, war lange Zeit jedoch unbekannt. Nach einem »Führer­erlass« im Januar 1939 übernahm die SA die »Wehr­erziehung« der deutschen Männer. Diese Ausbildung ging dem eigentlichen Militärdienst voraus und diente neben der wehrsportlichen auch der ideologischen »Ertüchtigung«. Zwischen 1939 und 1942 durchliefen schätzungsweise zwei Millionen Männer den dreimonatigen Trainingslehrgang der SA. »Vermutlich prägten die Mitgliedschaft in der SA und ihre Ausbildung Millionen Wehrmachtssoldaten. Dies erklärt, warum die Wehrmacht kämpfte, wie sie kämpfte«, so Siemens.

Allerdings verweist Siemens darauf, dass weitere Forschungen dazu notwendig seien. Ebenfalls Forschungsbedarf herrscht bei der Rolle und Geschichte der SA-Standarte »Feldherrnhalle«. Zunächst als Eliteeinheit unter dem Titel »Wachstandarte Stabschef« gegründet, wurde sie 1936 in SA-Standarte »Feldherrnhalle« umbenannt. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte sie dann unter dem Kommando der Wehrmacht als eigenständiger Verband.

Ende 1940 beziehungsweise Anfang 1941 spielte die SA erneut eine wichtige Rolle, und zwar im Osten, insbesondere in Südosteuropa. In den mit Deutschland verbündeten Ländern Ungarn, Slowakei, Rumänien, Bulgarien und Kroatien traten hochrangige SA-Generäle ihren Dienst als deutsche Gesandte an. Sie träumten als alte SA-Kämpfer von einer Art »faschistischer Internationale«, standen aber spätestens 1944 auf verlorenem Posten. Die Länder Südosteuropas planten da schon längst ihren Ausstieg aus dem Bündnis. Doch in den Jahren davor, so zeigt Siemens, waren die Diplomaten maßgeblich in die Planung und Durchführung des Holocaust in Südosteuropa involviert.
Daniel Siemens gelingt mit seinem Buch zum ersten Mal eine Gesamtübersicht über die Organisa­tion der Braunhemden. Insbesondere für den Zeitraum 1934 bis 1945 dokumentiert er bislang weitgehend unbekannte Zusammenhänge und trägt so zu einer realistischeren zeitgeschichtlichen Einordnung der SA bei.

Daniel Siemens: Sturmabteilung. Die ­Geschichte der SA. Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber. Siedler-Verlag, Berlin 2019, 592 Seiten, 36 Euro.

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