Lahme Literaten, Folge 15

Das Fräuleinwunder

An einem lauen Frühlingsabend Ende des vergangenen Jahrtausends begab es sich, dass der Spiegel-Redakteur Volker Hage wieder einmal nichts zu tun hatte. Die jüngste Folge seines Dauerlebenswerks »Rezensionen ungelesener Bücher« stand fertig auf der Seite, Botho Strauß hatte eine Festanstellung als Kummerkastenprophet mit der Begründung abgelehnt, jemand wie er könne nicht auf Bestellung schreiben, und der freie Mitarbeiter, der die Reportage über Rainald Goetz’ Drogenexzesse im »Berghain« erfinden sollte, war seit Wochen krankgeschrieben. Müßig nahm Hage ein nicht mehr ganz neu erschienenes Buch zur Hand, dessen Lektüre ihn schon sieben Mal angenehm eingeschläfert hatte, erinnerte sich bei der Betrachtung des ­Fotos der Autorin mit selbstzufriedener Trauer an eine Bohème-Studentin, die ihm vor gefühlten 50 Jahren auf einer Fin-de-Siècle-Party melancholisch bekifft in den Schoß gesunken war, und wunderte sich nachsichtig darüber, dass heute so viele ­junge Frauen dichteten. Der Gedanke machte ihn wach, er legte »Sommerhaus, später« zur Seite und stöberte in den Belle­tristikhaufen links und rechts seines elegant zerschlissenen Ledersessels. Das zweite Buch, das ihm in die Hände fiel, hieß »Das Blütenstaubzimmer«. Das Autorinnengesicht fand er ebenso schön wie das bei »Sommerhaus, später«, beide Bücher waren Debüts, beide waren in einem Deutsch geschrieben, das er verstand, und beide übten die befriedende Wirkung von Kräutertee mit Baldrian aus. Er wühlte weiter und stieß auf ­andere Frauendebüts, die fescher klangen (ein schnodderiges hieß »Relax«, ein pikantes »Der neue Koch«), entschied aber, dass ihm die besinnlichen Titel (»Cap Esterel«, »Regenroman«) besser gefielen. Schließlich sagte er laut: »Das sind nicht einfach nur Neuerscheinungen, das ist ein Phänomen«, und haute in die Tasten.

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Seine Analyse des Phänomens erschien eine Woche später unter der Überschrift »Ganz schön abgedreht«. Solche An­klänge vorwitziger Keckheit, etwa den Satz »Die Damen fackeln nicht lange«, hatte Hage dezent über den Text verteilt, um kein Missverständnis darüber aufkommen zu lassen, dass er die talentierten Mädchen nicht etwa belächelte. Eine Kollegin hatte nämlich die Formulierung »Es ist verblüffend, wie sicher die Autorin über Töne und Erzählhaltungen verfügt« moniert und entgegnet: »Männer lobst du ja auch nicht dafür, dass sie in der Lage sind, eine Handlung zusammenzustümpern.« ­Sicherheitshalber hatte er einen krass feministischen Seitenhieb darüber eingebaut, dass »die fotogenen Jungautorinnen oft wichtiger scheinen als ihre Literatur«, und um die kritische Haltung der Fräuleins zum Geschlechterverhältnis zu unter­streichen, aus dem Roman »Abgedreht« zitiert: »Sex ohne Tiefe, schnelle Befriedigung, falsche Erleichterung. Sie vermisste die langen Blicke zwischendurch, das glucksende Lachen, die Freude.« Und da die von ihm gepriesenen Autorinnen nicht Jelinek oder Streeruwitz, sondern Judith Hermann, Zoë Jenny, Tanja Langer und Karen Duve hießen, ist Hage bis heute nicht da­rüber informiert worden, dass jedes Lob von ihm vernichtender ist als der gelungenste Verriss. Jedenfalls haben sich die Wunderfräuleins von seiner Eloge so wenig erholt wie Alexa Hennig von Lange, Julia Franck und andere, die als Verkörperung des gleichen Phänomens galten. Sie wurden genauso schnell, wie sie berühmt wurden, wieder verschlissen, um fortan auf mitt­lerem Niveau zu stagnieren. Bekannt zu werden, weil man jung und weiblich ist, hat noch nie der Kunst, geschweige denn der Künstlerin genützt.