Berliner Mieter haben in der Steueroase Zossen demonstriert

Ausflug in die Steueroase

Berliner Mieter protestierten in Zossen gegen das Gebaren von Vermietern. In der brandenburgischen Stadt haben sich besonders viele Immobilienfirmen niedergelassen.

»Wir haben Euch was mitgebracht – Post, Post, Post«, skandierten etwa 80 Gentrifizierungsgegner am Samstagnachmittag nicht etwa in Berlin oder einer anderen Großstadt, sondern im beschaulichen Zossen in Brandenburg. Nicht nur der Ort war ungewöhnlich für eine solche Demonstration, sondern auch das Vorgehen. Das von der Räumung bedrohte linke Berliner Kneipenkollektiv »Meuterei« hatte ­gemeinsam mit Berliner Mietern dazu aufgerufen, in Zossen die Postadresse seines Vermieters, der Immobilienfirma Zelos Properties GmbH, anzuschreien. Das taten fünf Demonstranten dann tatsächlich, zudem hinterließen sie einen Beschwerdebrief.

Auf ihrer Homepage wirbt die Stadt Zossen mit dem »minimalen Gewerbesteuerhebesatz von 200 Prozent« als »Standortvorteil« für den »starken Wirtschaftsstandort«.

Die Bewohner der Kleinstadt ließen sich am Samstag kaum blicken. Auf dem kurzen Weg vom Bahnhof zu dem Marktplatz, wo die Demonstration stattfand, schien die Stadt fast menschenleer. Einige Zossener zeigten sich dann doch noch neugierig und hörten den Rednern zu. Mehrere ­Berliner Mieter berichteten über die Entmietungspraktiken der Eigen­tümer und Hausverwalter, die in Zossen einen Briefkasten haben. Zu diesen ­gehört auch Goran Nenadic, der Geschäftsführer der Zelos Properties GmbH. Er weigert sich, den zum 30. Mai 2019 ausgelaufenen Mietvertrag der Kneipe »Meuterei« in der Reichenberger Straße in Kreuzberg zu verlängern, und hat Medienberichten zufolge lediglich angeboten, den Betreibern die Räume zum Kauf zu überlassen – für 750 000 Euro. Das Kollektiv der »Meuterei« wäre lediglich bereit, die Hälfte zu zahlen.

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Die Zelos Properties GmbH ist nicht das einzige Unternehmen, das sich ­einen Briefkasten in der brandenburgischen Stadt hält. An zahlreichen ­Häusern befinden sich Firmenbrief­kästen, häufig rostig und verbeult, an manchen sind mit Kreppband die ­Namenschilder von Steuerberatern angeklebt. An einer an einem Haus ­angebrachten Tafel lassen sich annähernd 50 Firmennamen zählen. Der in Zossen geltende äußerst niedrige ­Gewerbesteuersatz hat Nenadic und viele andere aus seiner Branche dazu bewogen, sich in Brandenburg niederzulassen. Auf ihrer offiziellen Homepage wirbt die Stadt mit dem »minimalen Gewerbesteuerhebesatz von 200 Prozent« als »Standortvorteil« für den »starken Wirtschaftsstandort« Zossen.

»Wir haben uns jahrelang gegen das Steuermodell gewehrt, aber mittlerweile haben wir aufgegeben. Denn die Bürgermeisterin wird bei den Kommunalwahlen immer wieder bestätigt«, sagte ein älteres Ehepaar, das ein Kunstatelier in der Stadt betreibt. Auch ein junger Mann, der ein T-Shirt mit ­einem antirassistischen Motiv trägt und seinen Hund ausführt, war auf die ­Bürgermeisterin Michaela Schreiber, die zur Wählervereinigung »Plan B« gehört, nicht gut zu sprechen. »Es ist gut, dass in Zossen mal ­linker Protest zu sehen ist. Das gab es hier schon ­lange nicht mehr«, sagte er.

Von den »Zossener Verhältnissen« war in der Vergangenheit unter Linken aus anderen Gründen die Rede. Vor etwa zehn Jahren gab es in dem Ort ein gut ­organisiertes Neonazimilieu. Im Jahr 2010 störten Rechtsextreme eine Veranstaltung zum Holocaust-­Gedenktag auf dem Zossener Marktplatz. Wenige Monate später brannte das Zossener »Haus der Demokratie« nach einem rechtsextremen Anschlag komplett ab. Damals sorgte Schreiber, die seit 2003 das Amt der Bürger­meisterin innehat, für bundesweite Kritik, weil sie den Betreibern des linken Zentrums vorwarf, für Auseinandersetzungen mit Neonazis selbst verantwortlich zu sein. Das bürgerliche Bündnis »Zossen zeigt Gesicht« warf Schreiber und »Plan B« deshalb mangelnde Abgrenzung vom Rechtsextremismus vor. Im Juni 2010 veranstalteten linke Gruppen ein antifaschistisches Aktionswochenende in Zossen. Höhepunkt war ein Konzert der Band Turbostaat an der Ruine des ab­gebrannten Zentrums. Danach verschwand Zossen vom linken Radar, nun ist es wieder aufgetaucht – als Steueroase in Brandenburg.

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