Die preisgekrönte Reportage

Antifaschismus nach Thüringer Art

Thüringer CDU-Politiker wollen auf die AfD zugehen. Denn wer Gespräche ausschließt, schließt irgendwann auch Menschen aus.

»Gespräche sind zunächst etwas Tolles«, sagt Wolfram A. »Ich selbst führe jeden Tag welche. Ganz egal, ob mit der Postbotin, dem Bäcker oder sonstwem. Wer Gespräche ausschließt, schließt irgendwann auch Menschen aus!« Wolfram A. ist eines von zahlreichen anonymen CDU-Mitgliedern in Thüringen, die nach den Landtagswahlen mit der AfD reden wollen. »Dabei geht es nicht darum, die teils menschenfeindlichen Ansichten, die in der AfD geäußert werden, kleinzureden! Die sind schon klein und müssen nicht noch künstlich kleingeredet werden!«

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Viele in der CDU sind hin- und hergerissen. Einerseits sind da Unvereinbarkeitsbeschlüsse, Verurteilungen von AfD-Positionen durch hochrangige CDU-Mitglieder und ein AfD-Landesvorsitzender, der nach geltender Rechtssprechung Faschist genannt werden darf. Andererseits ist da das Bedürfnis, dem Betonkommunisten Bodo Ramelow nach fünfjähriger Schreckensherrschaft eins auszuwischen. Wolfram A. hadert noch: »Das ist eine Zwickmühle. Klar, wir haben die Warnungen der jüdischen Gemeinde Thüringen gehört. Andererseits sind wir in der CDU zutiefst verkommene, widerwärtige Subjekte ohne Scham. Wie soll man das nur unter einen Hut kriegen?«

Derzeit kursiert die Idee einer Regierungsbeteiligung unter Ausschluss von Björn Höcke und dessen »Flügel«: »Also klar, die würden schon Ministerposten bekommen. Aber wir würden die auf dem Flur nicht grüßen. Und sie kriegen nur ganz schlechte Ministerien!« Andere in der CDU sprechen davon, dass man sich von der AfD tolerieren lassen könnte. »Das wäre dann gelebter Antifaschismus«, schmunzelt A., »die Intoleranten würden zur Toleranz gezwungen! Eine schöne Idee. Aber wir würden eh nix vorschlagen, was denen gegen den Strich geht.«

Die gemischte Stimmung in der CDU führt A. darauf zurück, dass es immer noch Mitglieder gibt, die Kommunismus weniger schlimm ­finden als Faschismus. »Bisher hat sich Ramelow zahm gegeben. Aber kann ich sicher sein, dass er uns in der zweiten Amtszeit nicht plötzlich zur Umerziehung nach Sibirien schickt? Da finde ich die AfD berechenbarer.«