Buch - Zuflucht nehmen

Liebe mal zwei

Von

Die libanesisch-französische Comic-Künstlerin Zeina Abirached hat in ihrem bisherigen Œuvre vor allem ihre Kindheit in Zeiten des libanesischen Bürgerkriegs zu Papier gebracht. In ihrer Graphic Novel »Zuflucht nehmen« erzählt sie in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Mathias Énard zwei Geschichten, die erst einmal nichts mit ihrer und auch nichts miteinander zu tun haben.

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Die zentrale Geschichte spielt in Berlin im Jahr 2016: Neyla ist aus Aleppo geflohen und trifft bei einem Wohltätigkeitsbasar im Kiez auf Karsten. Sie verbringen Zeit miteinander, er hilft ihr beim Lernen der deutschen Sprache, sie bringt ihm ein arabisches Gedicht bei, ein Liebesgedicht des syrischen Lyrikers Nizar Qabbani, das über mehrere Seiten hinweg nur einzelne Wortgebilde offenbart und zusammengesetzt schwer bedrückend ist. Die beiden verlieben sich, doch leicht haben sie es nicht.

Der zweite Handlungsstrang spielt etliche Jahrzehnte früher und beruht auf der authentischen Liebesgeschichte zwischen der Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach und der Reporterin Ella Maillart: Für eine Reisereportage mit dem Titel »Der bittere Weg« ist Maillart mit ihrer Kollegin Schwarzenbach unterwegs in Afghanistan. Die Schriftstellerin verliebt sich in ihre Begleiterin. Es ist 1939 und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs steht kurz bevor.

Die herausragende Erzählkunst des Schriftstellers Mathias Énard trifft auf die sehr graphischen schwarzweißen Zeichnungen der Illustratorin Zeina Abirached. Das satte Schwarz der schlichten Zeichnungen Abiracheds und die kurzen lyrischen Wortkompositionen Énards passen perfekt zu der verschachtelten Geschichte. Der schwere, vielseitige Band neigt jedoch an manchen Stellen dazu, dem Kitsch und Klische zu verfallen. Die großflächigen Bilder und wenigen Worte können dem zwar entgegnen, gehen dadurch aber auch zu vorsichtig mit Krieg und seinen Folgen um.

Zeina Abirached (Zeichnung), Mathias Énardt (Text): Zuflucht nehmen. Aus dem Französischen von Annika Wisniewski. Avant-Verlag, Berlin 2019, 345 Seiten, 30 Euro