Vom Überläufer zum Grenzgänger - wie Linke zu Rechte werden

Mit Faschisten flirten

Überläufer von der Linken zur extremen Rechten sind kein neues Phänomen. Doch an die Stelle des lautstarken Bekenntnisses zum Seitenwechsel ist die Selbstinszenierung als Grenzgänger getreten.
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Horst Mahler, Bernd Rabehl, Matthias Matussek, Jürgen Elsässer – die Biographien dieser und anderer ehemals Linksliberaler bis -radikaler, die inzwischen stramm rechts sind, sind verstörend. Man ist geneigt, ihnen einen plötzlichen Sinneswandel zu unterstellen, als wären sie über Nacht durch die unwahrscheinliche Sogkraft rechter Ideologie zu Faschisten geworden.

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Es gibt eine Tendenz, die Attraktivität rechter Ideologie mit der linker Politik zu vergleichen: Was haben die, was wir nicht haben? Wird hier vielleicht die Klassenfrage noch gestellt, die wir aus dem Blick verloren haben? Müssen wir auf den politischen Gegner zugehen, um in Zukunft derlei »Verluste« zu verhindern? In solchen Versuchen, den Sinneswandel zu erklären, steckt zu einem gewissen Maß die Abwehr der bedrohlichen Vorstellung, es vielleicht weniger mit einem Wandel zu tun zu haben als mit einer konsequenten Entwickung bereits vorhandener politischer Motive.

Der Weg Jürgen Elsässers, vom »Jungle World«- und »Konkret«-Autoren zum Pegida-Redner, ist nicht mehr zeitgemäß.

Rabehl zum Beispiel sprach sich bereits in den sechziger Jahren gemeinsam mit seinem Wegbegleiter Rudi Dutschke dagegen aus, dass der SDS sich intensiver mit den nationalsozialistischen Verbrechen auseinanderzusetzen solle, und verkündete, die marxis­tische Linke müsse den Nationalismus besetzen. Rabehls später von Horst Mahler in der Jungen Freiheit publizierte Rede 1998 vor der Burschenschaft Danubia, in der er seine vor Überfremdung und einem vermeintlichen Meinungsdiktat der Antifa ausbreitete, liest sich da bisweilen wie ein Anknüpfen an bereits Vorhandenes.

Gemein ist den Überläufern von einst jedoch, dass sie ihren Positionswechsel durchaus als Bruch verstanden und ihren neuen Gesinnungsgenossen auch als solchen verkauften. Sie inszenierten ihren Übertritt als Läuterung, als Ende eines beschwerlichen Irrwegs, der zudem ihre Expertise untermauern soll: Sie kennen den Feind besonders gut, denn sie gehörten selbst einmal zu ihm.

Gegenwärtig gibt es dagegen häufiger ideologische Grenzgänger, die auf ihrer alten politischen Position beharren und sich des Vorwurfs vehement verwehren, inzwischen woanders politisch besser aufgehoben zu sein. Sahra Wagenknecht ist aus der Linken nicht rauszukriegen, Boris Palmer nicht aus den Grünen, Thilo Sarrazin nicht aus der SPD – zum einen wohl, weil sie ohnehin niemals kleinen, politisch isolierten Gruppen angehörten, die zumindest im Ansatz schon autoritäre Einstellungen bedienten, und zum anderen, weil diese Grenzgänger sich wirklich in ihrem alten Umfeld noch am richtigen Platz fühlen oder dies zumindest behaupten. Ein Hauch sozialer Ächtung weht ihnen entgegen, bleibt aber in der Regel relativ folgenlos. Indem die neuen Rechtsabbieger bleiben, wo sie sind, erfüllen sie für die extrem Rechten, die sich heutzutage als rechtskonservativ, patriotisch oder Ähnliches bezeichnen, eine wichtige Funktion: Man muss sein altes Leben gar nicht mehr aufgeben, Freunde, Bekannte und Partei wenden sich nicht zwangsläufig von einem ab.

Der Rechtsschwenk ohne Positionswechsel spiegelt die derzeitige Strategie der völkischen Rechten, diejenigen als Anhänger zu gewinnen, die sich selbst als die gesellschaftliche Mitte verstehen. Der Weg Jürgen Elsässers vom Konkret- und Jungle World-Autoren zum Pegida-Redner ist nicht mehr zeitgemäß. Er betont eine Differenz zwischen Bürgertum und Faschismus, anstatt diese zu verwischen.

Doch genau diese Grenze aufzuheben, ist das politische Ziel jener Neofaschisten, die sich als »besorgte Bürger« inszenieren. Wesentlich nützlicher sind daher den völkischen Rechten jene Kokettierer und Versteher, die einen Großteil ihrer Erwerbsbiographie damit verbringen, sich von der Linken zu verabschieden oder Verständnis für die völkische Rechte aufzubringen, ohne sich selbst dazuzurechnen. Das beste Beispiel ist der bis Juli für den Spiegel tätige Kolumnist Jan Fleischhauer, der auf Matusseks berüchtigter 65. Geburtstagsparty Sekt mit dem Verleger der Jungen Freiheit trank, sich danach im Spiegel als Opfer von Kontaktschuldvorwürfen gerierte und sich zugleich implizit von Matussek distanzierte. Zur Etablierung einer bürgerlich-völkischen Front trug er mit dieser Selbstinszenierung mehr bei als der ebenfalls auf besagter Party anwesende Mario Müller von der Identitären Bewegung.

Fleischhauer schrieb Bücher mit vielsagenden Titeln wie »Unter Linken: Von einem, der aus Versehen konservativ wurde« und »Der schwarze Kanal: Was sie schon immer von Linken ahnten, aber nie zu fragen wagten«. Ungetrübt von allzu viel Sachkenntnis sind Fleischhauers Lieblingsthema die Linken oder das, was er dafür hält. Der Vorwurf der Normalisierung der extremen Rechten sei für ihn, so der ehemalige Linke Fleischhauer, das Gleiche wie früher der des Sympathisierens mit der RAF. Das Hufeisenmodell von den politischen Rändern, die sich in ihren Extremen angeblich annähern, und die Begeisterung, mit Rechten zu reden, täuschen hier darüber hinweg, dass Fleischhauer seit langem der Rechten entgegenarbeitet: Seine so meinungsstarken wie rechercheschwachen Kolumnen kreisen vor allem um das Phantom der political correctness, dessen Bekämpfung Fleischhauer zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Anfang des Jahres warb er schelmisch unter dem Slogan »Nazis rein« dafür, diese in die Gesellschaft zu integrieren. »So viel kluge Bosheit kommt selten so leichtfüßig daher«, frohlockte Fleischhauers Grenzgängerkollege Henryk Broder bereits vor zehn Jahren und benannte damit, um was es geht: witzig verpacktes rechtes Ressentiment – acht Jahre lang vom nominell linksliberalen Spiegel verbreitet.

Neben den Grenzgängern, die Rechtes reden und an ihren mehr oder ­weniger linken Parteien kleben, und den Kokettierern, die öffentlichkeitswirksam einen endlosen Abschied von der Linken in Szene setzen, gibt es noch die Kategorie der Versteher. Ebenso unfähig oder unwillens, sich loszusagen, werfen sie ihre soziologischen Versuche auf den Markt, die Konjunktur der Rechten zu erklären, ohne über rechte Ideologie zu sprechen. Sie gerieren sich als Tabubrecher, weil sie mit Rechten reden, anstatt sie zu kritisieren. So glaubte der Soziologe Thomas Wagner im Gespräch mit Neurechten herausgefunden zu haben, dass diese lediglich auf die Achtundsechzigerbewegung reagierten oder dieser gar entstammten.

Das Feuilleton feiert die Soziologin Cornelia Koppetsch für ihre »theoriegeleitete Empathie«. Mit dieser originellen Methode entdeckte Koppetsch einen kulturellen Klassenkampf zwischen einer »kosmopolitischen Elite« und den besorgten Bürgern als Quelle gegenwärtiger politischer Verwerfungen. Das kulturkritisch hergeleitete Verständnis für extreme Rechte schließt sich dem Selbstbild des Forschungsgegenstandes an. Wo man von Kapitalismus nicht mehr sprechen mag, tritt eine Art regressive Neoliberalismuskritik auf den Plan, die sich nicht gegen die uneingelösten Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft, sondern gegen das Versprechen individueller Freiheit überhaupt richtet.

Was treibt die verkappten Überläufer an? Ist es Zynismus, also das Gute zu kennen und das Schlechte zu wollen? Ist es der Applaus aus dem rechten Milieu? Wirkliche Naivität? Waren diese Leute schon immer ein bisschen rechts? Es mag für die einzelnen Grenzgänger, Kokettierer und Versteher ganz individuelle Motive für den Übertritt ohne Übertritt geben. Georg Seeßlen notierte vor zwei Jahren mehrere Gründe, die Konvertiten veranlassen können, wie etwa die Sehnsucht nach Heroismus, der derzeit bei den Rechten eher zu haben sei, oder die Flucht vor dem Individualismus der »erwachsenen« Linken in die Geborgenheit der Gemeinschaft.

Den verkappten Überläufern ist heutzutage offenbar vor allem gemein, die Gesellschaft in erster Linie als ein endloses Sprachspiel von Öffentlichkeiten zu verstehen, die im Wettstreit darum liegen, was wo von wem gesagt werden kann. Sie verteidigen ihr Recht, »auch als Linke« Scheußlichkeiten über Migrantinnen und Migranten oder Arbeitslose loswerden zu dürfen, ohne sich dabei um die realen politischen Auswirkungen zu kümmern – denn selbst spüren sie auch keine, wenn sie ihren »Sprechort« innerhalb der politischen Linken weiter nutzen können.