Neue Recherchen offenbaren die vorgehensweise der russischen "Trollfabrik"

Tweete und spalte

Neue Recherchen belegen die Vorgehensweise der russischen »Trollfabrik«. Nicht immer geht es um die Verbreitung von Falschnachrichten, auch emotionale Geschichten dienen der Propaganda.

55 Prozent der christlichen Konservativen in den USA würden einer wissenschaftlichen Umfrage zufolge ihr Kind, falls es sich als Homo sapiens entpuppt, aus der Familie verstoßen. Diese Twitter-Meldung, deren Inhalt als ­Beleg für die Dummheit und Homophobie der Anhängerinnen und ­Anhänger des US-Präsidenten Donald Trump auch von deutschen Facebook-Usern verbreitet wurde, hat nur einen Haken: Sie ist frei erfunden, und zwar von der russischen Internet Research Agency (IRA).

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Der Tweet basiert auf einer alten urbanen Legende, die leicht abgewandelt wurde. In der Version der IRA sollte die Meldung von einer Umfrage einiger Soziologiestudierender unter 1 000 konservativen Christen handeln. Verbreitet wurde er von einem der Flaggschiff-Accounts der sogenannten Russen­trolle, @PoliteMelanie, deren Cousin angeblich »an einer Universität Sozio­logie studiert« und an der Erhebung beteiligt war.

Der Twitter-Account war speziell dazu angelegt, mit auf die Zielgruppe zugeschnittenen Tweets linke und liberale Follower in den USA zu gewinnen. Die mittlerweile gesperrte »höfliche Melanie«, die sich als schwarze US-Amerikanerin ausgab, hatte rasch Erfolg: Im September 2018 erklärte der Chicago Tribune ihren Tweet »Trump in einem Buch zu kritisieren ist unfair. Es ist wie die Amish im Fernsehen zu kritisieren« zum »Tweet der Woche«. Zuvor hatte die Journalistin Maria Shriver ihren mehr als 2,2 Millionen Followern bereits ein anderes Posting von @PoliteMelanie empfohlen.

Die russische »Trollfabrik« nutzt moderne Desinformation, eine Art Psycho-PR, die sich zunutze macht, dass Menschen alles, was in ihr Weltbild passt, gern glauben und nur selten anzweifeln.

Mit dem, was in Deutschland unter Troll-Tweets verstanden wird, haben die Tweets der russische Trolle kaum etwas gemein. Sie richten sich nicht ­gezielt in verletzender Weise gegen einzelne andere User. Im Gegenteil: Sie präsentieren ihren zigtausend Followern das, was diese gern lesen. Dazu gehören meist irgendwo im Internet geklaute herzerwärmende Geschichten von Menschen, die trotz widriger Umstände etwas Besonderes geschafft haben oder engagiert für Bedürftige sorgen, sowie rührende Videos und lustige ­Alltagsgeschichten. Russentrolle, schrieben die Professoren Darren Linvill und Patrick Warren von der Clemson University Ende November im Rolling Stone, benutzten soziale Medien nicht, »um den Kampf zu suchen, sie suchen nach neuen besten Freunden. Und sie haben sie gefunden.« Zwei Jahre lang erforschten Linvill und ­Warren die Vorgehensweise der russischen Geheimdienstmitarbeiter. Dass diese im Bericht des US-Sonderermittlers Robert Mueller über die russische ­Einmischung in den Wahlkampf 2016 in manchen ­Fällen ­sogar namentlich ­aufgeführt und ihre Methoden genau analysiert wurden, habe ­deren ­Aktivitäten nicht gebremst, hatten die beiden Wissenschaftler beobachtet.

Exakt auf die anvisierte Leserschaft zugeschnittene Tweets gehören zum Konzept der IRA. Das Gros der russischen Troll-Accounts wird allerdings fast ausschließlich betrieben, um Propaganda zu retweeten, damit der Eindruck entsteht, die weiterverbreiteten Themen würden heiß diskutiert und seien das, was die Twitter-User bewegt. Viel Mühe geben sich ihre Betreiber ansonsten nicht; Follower zu gewinnen und hin und wieder einige Bemerkungen über unverfängliche Themen wie das Wetter abzusetzen, das muss reichen.

Anders sieht es bei den Flaggschiff-Accounts aus. Sie bieten ihren Followern ein interessantes und abwechslungsreiches Programm, etwa @Iam­TyraJackson. Ein Tweet des Accounts erhielt im Herbst 2019 fast 300 000 Likes, mindestens das Anderthalbfache dessen, was US-Präsident Trump durchschnittlich schafft. Besagter Tweet handelte von Warrick Dunn, einem schwarzen Footballspieler der der US-amerikanischen Profiliga NFL. Dunns Mutter war Polizistin, sie wurde im Dienst erschossen, als er noch in die Highschool ging. Fortan sorgte er für seine Geschwister. Im Tweet, der mit dem Hashtag #BlackExcellence endete, hieß es: »Er finanzierte mehr als 145 Häuser für alleinerziehende Mütter, gab dafür Millionen aus« – was nicht falsch ist. Es hätte aktuellere Beispiele für soziales Engagement gegeben, der mittlerweile 44jährige Dunn gründete das Häuserförderprogramm für Alleinerziehende bereits 1997.

Aber es ging der IRA vorrangig darum, wohlige Emotionen bei den Lesern zu erzeugen. Sie sollen darin bestätigt werden, menschlicher, intelligenter, einfach besser zu sein als ihre politischen Gegner. Genau deswegen werden die Trolle von arglosen Nutzern kaum als das erkannt, was sie eigentlich sind: vom russischen Staat finanzierte agents provocateurs, deren Aufgabe ganz klassisch in Zersetzung besteht. Die Zeiten der plumpen politischen Propaganda sind vorbei. Die IRA nutzt moderne Desinformation, eine Art Psycho-PR, die sich zunutze macht, dass Menschen ­alles, was ihr Weltbild bestätigt, gern glauben und nur selten anzweifeln. Die Trolle, so Linvill und Warren, wüssten ganz genau, wie sie am besten Druck ausüben und dadurch »Menschen dazu bringen können, ihren Nachbarn zu misstrauen«. In ihren besten Momenten, so beschreibt es die Washington Post, erreichten diese Trolle in den sozialen Medien eine virale Reichweite, das »Grumpy Cat neidisch gemacht hätte«.

Auch wenn es kein angenehmer Gedanke ist: Die professionelle Desinformation wird eben nicht ausschließlich von den Accounts betrieben, deren politische Haltung man zutiefst abscheulich findet. Im Gegenteil: Sie ist mindestens genauso häufig dort zu finden, wo witzige, spannende Dinge gepostet werden, die das angenehme Gefühl hervorrufen, recht zu haben. Melanies Tweet über die »Homo sapiens«-Umfrage hätte bei ihrer sich für kritisch und interneterfahren haltenden Anhängerschaft eigentlich Zweifel wecken müssen. Name und Ort der Universität sowie der Zeitraum der Umfrage wurden nicht genannt, so dass es unmöglich war, den Wahrheitsgehalt der Angaben zu überprüfen – in aller Regel ein deutliches Indiz, dass es sich um eine erfundende Geschichte handelt.

Die russischen Trolle seien einfach sehr gut in ihrem Beruf, sagen Linvill und Warren, sie wüssten genau um die mangelnde Bereitschaft, Meldungen aus der eigenen Bubble vor dem Retweet zu überpüfen: »Sie haben uns studiert. Sie verstehen es, unsere Vorurteile und unsere Hashtags für ihre Zwecke zu nutzen.«
Zu diesen Vorurteilen gehört auch, dass nur die anderen welche hätten, so dass eben nicht nur die Mitglieder von Trumps »Maga-Crowd« (von »Make America Great Again«), sondern auch ­liberale Citoyens freudig auf die Botschaften der jeweils auf sie angesetzten IRA-Agenten hereinfallen. »Wir sind eine Nation von Trotteln«, konstatierte der Journalist Bob Cesca vergangene Woche im Internet-Magazin Salon. »Putin erkannte unsere Schwäche, die halb abgelenkte Drive-by-Leichtgläubigkeit der amerikanischen Social-Media-Nutzer.«

Das Ziel der Trolle ist, die Gesellschaft in einander unversöhnlich gegenüberstehende Lager zu spalten, die gemein haben, dem Staat und seinen Institutionen nicht mehr zu trauen. Um die im nächsten Jahr anstehenden US-Präsidentschaftswahlen geht es dabei auch. Die russischen Accounts vermeintlich schwarzer Personen haben sich derzeit vor allem auf den Demokraten Joe ­Biden eingeschossen, dem sie vorwerfen, das Erbe Barack Obamas zu beschädigen, nach dem Motto: »Er verdient unsere Stimme nicht.« Aber es geht eben nicht nur um die Wahlen. Konstruktive Diskussionen und solidarische Lösungen sollen durch gezielt ­geschürten Hass unmöglich gemacht werden.

Ein Mittel dazu ist die akribische Beeinflussung und vor allem Steuerung der öffentlichen Diskussion, indem die Trolle federführend extreme Pro- und Contra-Positionen vertreten. Mit der Kombination aus Flaggschiff-Account und Tausenden Retweet-Accounts schafft es die IRA immer wieder, Themen zunächst bei Twitter und Facebook kontrovers ins Gespräch zu bringen – wohl wissend, dass viele Journalisten sich ihre Arbeit mittlerweile gern leicht machen und die trending topics in Artikeln und Fernsehbeiträgen vollkommen unkritisch aufgreifen und außerhalb des Internets weiterverbreiten. Solche von den Trollen befeuerten Streitpunkte, bei denen die Positionen anfangs womöglich gar nicht so sehr divergierten, sondern erst durch gezielt Aversion und Verachtung erzeugende Tweets ins Extreme umschlugen und zu heftigen und manchmal sogar handgreiflichen Auseinandersetzungen führten, gab es einige. Linvill und Warren erkannten, dass russischen Trolle unter anderem die Diskussionen über das Thema Impfen und über die Pro­teste schwarzer Sportler, die während der Nationalhymne aus Protest gegen Polizeigewalt knieten, besonders deutlich beeinflussten.