A-ha-Erlebnis: Interview mit Magne Furuholmen, Keyboarder der norwegischen Band A-ha

»A-ha war keine Band für Politik«

Ganz ehrlich: Hören Sie selbst Weihnachtspop oder -rock?

Ja. Alle Musiker, die ich respektiere, haben so was gemacht, zum Beispiel David Bowie oder John Lennon. Das ist eine großartige Tradition. Was sich über die Jahre verändert hat, ist, dass auch noch der letzte Idiot ein Weihnachtsalbum herausbringt, bis du das Gefühl hast, dich übergeben zu müssen. Dadurch wird es letztlich bedeutungslos.

Und warum machen Sie es?

Anzeige

Ich arbeite gerne in einem Rahmen. Wenn ich als bildender Künstler arbeite, setze ich mir auch oft Regeln oder ein Dogma. Hier habe ich gesagt: »Okay, ich hasse Mariah Careys Weihnachtsmusik, also versuche ich etwas, das am anderen Ende der Skala liegt.« Anfangs wusste ich nicht, dass es ein ganzes Album über Weihnachten werden würde. Ich hatte nur die Zeile »White Xmas Lies« aus dem Titelsong.

»White lies« – Lügen, die aus Höflichkeit die Wahrheit verschleiern.

Ja. Das deutete auf einen Raum hin, den zu beschreiben ich Lust hatte. Ich habe kein Album für, sondern eines über Weihnachten gemacht. Wir tun so, als ob Weihnachten alles okay wäre. Aber da kommen Familien ­zusammen, und die Leute erinnern ihre Kinder daran, mit Oma nicht über dieses und jenes zu sprechen. Oder sie sagen ihrer Mutter in der Küche: »Bitte pass auf, dass Vater nicht so viel trinkt.«

Sie kennen das?

Jede Familie hat ihre Themen. Als Kind hatte Weihnachten für mich viele positive Konnotationen. Und ich habe das Glück, dass unsere beiden erwachsenen Söhne gerne Zeit mit uns verbringen. Als sie klein waren, machten wir Weihnachten so schön wie möglich für sie. Aber auch bei uns gab es Tragödien im erweiterten Familienkreis. Irgendwas passiert, und plötzlich fällst du raus aus der Weihnachtsstimmung und guckst von außen zu. Als Künstler vergisst du das nicht mehr und erinnerst dich daran, dass viele Menschen Weihnachten immer so erleben. Als Lüge oder einfach als sehr traurig, weil sie alleine sind.

Muss man Weihnachten nicht sehr lieben, um eine so traurige Platte zu machen?

Stimmt. Vielleicht ist da ein bisschen Enttäuschung. Dies ist das Ende des Jahres und der Beginn eines neuen, die perfekte Zeit, um darüber nach­zudenken, was vergangen ist, wo man steht und was die Zukunft bereithält. Diese Zeit könnte extrem sinnhaft sein, es könnte eine Zeit sein, sich mit dem zu beschäftigen, was zu kurz gekommen ist, mit Zielen und Utopien. Stattdessen verhalten wir uns wie unterwürfige Konsumenten und unsere Utopie erschöpft sich darin, immer die neueste Version hiervon (zeigt sein iPhone) zu kaufen. Dabei leben wir in turbulenten Zeiten. Die Welt geht vor die Hunde, jeden Tag gibt es ein neues schreckliches Beispiel, wie es immer schlimmer wird, an allen Fronten, sei es politisch oder der Klimawandel, und uns ängstigt es zu Tode. Aber wir sind diejenigen, die es verursacht haben. Sich davor zu verstecken, bringt nichts.

Dieser Schrecken findet sich in vielen Songs auf dem Album wieder. Sie machen seit über 40 Jahren Musik und haben noch nie politische Songs geschrieben. Was ist passiert?

Trump ist passiert, um mal irgendwo anzufangen.

Aber Guantanamo ist auch passiert, die USA waren vor Trump kein demokratisches Paradies.

Sie haben recht. Wissen Sie, für mich sind solche Themen nicht fremd. Ich habe mit 16 den Militärdienst verweigert. 1992, also noch auf dem Höhepunkt der Popularität von A-ha, bin ich aus London zurück nach Norwegen gezogen, bevor es zu spät war, um eingezogen zu werden. Ich wollte meine anderthalb Jahre Zivildienst machen, um meinem 16jährigen Selbst gerecht zu werden. Das kommt aus einer pazifistischen, romantisch-anarchistischen Ecke. Dass A-ha nie eine Protestband war, lag daran, dass wir drei politisch sehr weit auseinander lagen. Mein Herz hat immer links geschlagen, Morten war der Konservative. Ohne groß darüber zu sprechen, war klar, dass A-ha keine Band ist, um Politik zu machen.

Aber auch auf Ihren beiden Solo-Alben fehlen solche Songs.

Ich kann die Frage »Warum jetzt?« nicht beantworten. Warum nicht jetzt? Als ich »This Is Now America« schrieb, war das eine emotionale Antwort darauf, dass ich wie besessen von Gedanken an die USA war und obsessiv Nachrichtensendungen gesehen habe. Vielleicht kommt es von mehr Klarheit in meinem Kopf, wie ich meine Zeit außerhalb der Musik und der Kunst verbringen möchte. Was nicht bedeutet, dass ich nicht genau so verwirrt wäre wie jeder andere.

Sie liefern keine Antworten, nur Fragen.

Ich halte Fragen für wichtig. Manche Menschen haben Glück, wenn sie eine Antwort finden, an der sie ein Leben lang festhalten können. Das hatte ich nie.

Also wird es auch in Zukunft keine Protestlieder von Ihnen geben?

Sie haben doch gerade gesagt, dass ich einige geschrieben habe.

Nein, das ist kein Protest. Sie sind nicht wütend und prangern an, sondern reflektieren und sorgen sich.

Ich glaube, dass wir alle Grund haben, uns zu sorgen. Und ich musste mir einiges von amerikanischen Fans anhören, die mir »This Is Now America« übel genommen haben. Als hätte ich sie persönlich kritisiert.

Ich finde nicht, dass es ein Song über die USA ist. Es geht doch mehr um die Angst von Menschen, wenn die Ordnungsmacht USA von Trump regiert wird.

Wenn Sie sagen, dies ist ein Bild von einer Situation, in der sich die ganze Welt befindet, kann ich Ihnen zustimmen. Ich habe den Eindruck, dass sich überall etwas sehr verschoben hat. Für mich war die Flüchtlingskrise ein wichtiger Wendepunkt. In Norwegen, wo ich herkomme, ist man so stolz darauf, eine gut funktionierende Demokratie zu sein, und doch gab es zum Teil sehr niedere Reaktionen auf die neuen Probleme, vor denen man stand.

Dafür sind die Rechtspopulisten, die mitregieren, harmlos im Vergleich zu denen in Deutschland oder anderen Ländern. Überhaupt ist Norwegen so ein nettes kleines Land.

Naja, wir hatten den Mord an all diesen Kindern auf Utoya, da kann man kaum sagen, dass die Rechte in Norwegen zahnlos ist. Und im August hatten wir den gescheiterten Angriff auf eine Moschee. Aber ich weiß, was Sie meinen. Wir hüllen uns in eine Zuckerwatte am Rande der Welt außerhalb der EU ein, und wir haben das Ölgeld, um die Schmerzen zu lindern, wenn der Kapitalismus zusammenbricht. Aber wir füttern auch die Welt mit Rauch aus dem größten Schornstein und wir müssten eigentlich jeden Reichtum, den wir haben, nutzen, um die Zukunft zu gestalten.

Was ist Ihr Beitrag?

Als Künstler kann ich meine Gedanken in Form von Musik oder Kunst anbieten und hoffen, dass ich Menschen inspiriere, weisere Entscheidungen zu treffen – so wie mich Wissenschaftler, Aktivisten, Denker und manchmal sogar Politiker inspirieren. Die Kunst, die ich mache, gibt nicht vor, die Wahrheit abzubilden. Vielleicht gibt es in dieser postfaktischen Ära sogar mehr Vertrauen in solche ganz klar subjektiven Statements als in solche, die vorgeben, objektiv zu sein. Das würde bedeuten, dass Kunst und das Vertrauen in sie – und darüber auch in den Künstler oder die Künstlerin – heutzutage wichtiger denn je ist.

Ich würde gerne auf Ihr Album zurückkommen. Sie sagen oft, dass Sie gerne bei null anfangen. War ein Weihnachtsalbum so eine Möglichkeit?

Ich denke, es ist eine Illusion, dass man bei null anfangen kann. Mir haben die Musik und die Kunst die Möglichkeit gegeben, mich davon zu überzeugen, dass ich das täglich mache. Ich gehe in einen Raum und gestalte etwas, das nicht da war, als ich hereinkam. Von vorne anzufangen fühlt sich wie eine Notwendigkeit in meinem Leben an. Ich hatte auch das Gefühl, ich musste mich in den Neunzigern von A-ha zurückziehen, weil ich mich nur noch an das galoppierende Pferd klammerte, ohne Kontrolle der Zügel. Und vielleicht habe ich jedes Mal, wenn ich neu anfange, ein Minimum an neuer Einsicht, die mir wie jetzt zum Beispiel erlaubt, mit 57 direkter in meinem Songwriting zu sein als mit 27 oder 37.

Dieses Bedürfnis, bei null anzufangen, gilt nur für das Berufliche. Privat ist es bei Ihnen sehr stabil.

Ja. Bis jetzt jedenfalls.

Sie singen trotzdem über gebrochene Herzen.

Meine Texte sind kein Tagebuch. Ich beobachte, was im Leben anderer geschieht. Sie haben gefragt, ob meine eigene Familie Weihnachten glücklich war, das halte ich nur für halb relevant. Wenn ich die Fähigkeit verliere, zu bedenken, dass es andere Versionen des Lebens als meine eigene gibt, bin ich ein totaler Narzisst. Wobei wir Popstars per definitionem Narzissten sind. Das Problem ist, dass Leute in meinem Business dazu neigen zu vergessen, dass das, was sie getan haben, ihnen ihre Position gegeben hat. Und nicht, wer sie sind.

Sie haben Ihren Vater als Kind bei einem Flugzeugabsturz verloren und sagen oft, Sie wurden von starken Frauen aufgezogen, was Sie sehr beeinflusst habe. Auf ­Ihrer Liste mit Lieblingssongs auf Spotify ist aber von 30 Stücken nur eines von einer Frau.

Oh. Das ist ein Fehler. Ich bin ein großer Fan von Patti Smith. Und ­Aimee Mann haut mich um, sie hat mich sehr beeinflusst.

Es gibt auf Ihrem Album einige Songs mit Bezügen zum christlichen Glauben und viele klingen auch nach …

… Kirchenmusik? Mir hat mal ein­Musikprofessor und Kirchenorganist vor langer Zeit gesagt, ich schriebe eigentlich Psalme. Mich hat das sehr verwirrt, weil ich nicht aus einer Familie von Kirchgängern komme.

Sie sind nicht religiös?

Ich würde mich weder als Atheisten noch als frommen Menschen bezeichnen. Ich habe in meinem Leben immer wieder den Glauben gesucht, in Frage gestellt, verloren und wiedergefunden. Ich war immer fasziniert von fernöstlichen Glaubensrichtungen wie dem Buddhismus und der Tao-Philosophie. Letztendlich bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass unsere eigene Religion vieles von dem enthält, was ich woanders gesucht habe, sie drückt es nur anders aus.

Viele der Konzerte auf der laufenden A-ha-Tournee sind ausverkauft. Dabei spielen Sie nichts Neues, sondern Ihr Debütalbum von 1985. Steckt dahinter »eine Sehnsucht nach einfacheren Zeiten«, wie es in »This Is Now America« heißt?

Vielleicht ist da ein Teil Nostalgie dabei. Aber es ist doch auch etwas sehr Wertvolles, sich mit seiner Jugend verbinden zu können, oder? Ich hätte gerne Zugang zu einer jüngeren, ungeduldigeren Version meiner selbst, die weniger festgefahren ist.

Aber die jüngere Version ist genauso festgefahren, sie weiß es nur nicht.

Ja, vielleicht. Aber ich halte es für wertvoll, sich vollkommen auf etwas einlassen zu können, ohne Zweifel, so wie ich es als junger Mann konnte. Weniger Kompromisse.

Ist dieses Weihnachtsalbum nicht der Gegenbeweis? Ich finde es sehr kompromisslos.

Da ist etwas dran. Dass das Alter eine geistige Reife mit sich bringt, hat auch Vorteile.