Istanbuls Stadtregierung lehnt die Kanalbaupläne der türkischen Regierung ab

Istanbul hat den Kanal voll

Die türkische Regierung will bei Istanbul einen gigantischen Kanal bauen. Die oppositionell regierte Stadtverwaltung widersetzt sich dem Projekt.

Nach der größten Moschee und dem weitläufigsten Flughafen der Welt will die türkische Regierung nun einen zweiten Bosporus erschaffen – einen Klon der Meerenge, die die Metropole ­Istanbul mit ihren 16 Millionen Einwohnern in einen europäischen und einen asiatischen Teil trennt. Im Westen der Stadt soll der künstlich angelegte, 45 Kilometer lange Kanal parallel zum Bosporus entstehen und das Schwarze Meer mit dem Marmarameer verbinden. Man wolle den Bosporus vom ­intensiven Schiffsverkehr entlasten und Unfälle vermeiden, lässt die türkische Regierung verlauten.

Der Kanal avanciert zum neuen Konfliktthema zwischen Regierung und Opposition, mit Erdoğan und İmamoğlu als Wortführern der ­jeweiligen Lager.

Doch die seit sechs Monaten von der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) geleitete Stadtverwaltung von Istanbul erhebt heftigen Einspruch. Oberbürgermeister Ekrem İmam­oğlu bezeichnet das Projekt als »Verrat und Mord« an der Stadt Istanbul und kündigte zur Jahreswende an, die gesamte Bevölkerung Istanbuls werde sich widersetzen. Das ist eine selbstbewusste Kampfansage an Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der den ­Kanal als seinen »Traum« bezeichnet. Dieser könnte zum Alptraum werden, gilt der vor seiner Wahl eher unbedeutende Lokalpolitiker İmamoğlu doch mittlerweile als Hoffnungsträger, der die Allmacht Erdoğans beenden könnte.

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Nach Jahren des Aufschwungs stagniert die türkische Wirtschaft, die Lira verfällt. Der frühere Wahlspruch der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP), »Die anderen reden nur, wir handeln«, erhält an­gesichts wirtschaftlicher Instabilität, grassierender Arbeitslosigkeit und ­horrender Preiserhöhungen eine andere Note. Mehr Umsicht und Dialog statt eines auf Wachstum ausgerichteten blinden Aktionismus hätten sicher viel Unheil verhindern können. Planlose Bauwut, fortschreitende Umweltzer­störung und ein ungebremster Zuzug sowohl von Binnen- als auch von ausländischen Migranten haben gerade die Stadt Istanbul an den Rand des Kollapses gebracht.

»Das Projekt entbehrt jeder wirtschaftlichen Vernunft«, sagt der Ökonom Mustafa Sönmez. Offiziell ist von umgerechnet 11,5 Milliarden Euro Baukosten die Rede. Doch Experten rechnen mit viel höheren Kosten, die, wie İmamoğlu bei jeder Gelegenheit erklärt, »auf den Steuerzahler abgewälzt werden«. Der Istanbuler Bürgermeister bemängelt auch, dass 3 000 Hektar der Grundstücke entlang des Kanals bereits an arabische Investoren verkauft worden seien. Erdoğans antwortete: »Ist das etwa verboten? Wenn es Hans und George wären, hätte niemand ein Problem damit.« Der Kanal avanciert zum neuen Konfliktthema zwischen Regierung und Opposition, mit Erdoğan und İmamoğlu als Wortführern der ­jeweiligen Lager. Im Machtgefüge des 2018 eingeführten Präsidialsystems ist Erdoğan der Stärkere. Das Bauprojekt falle nicht in den Verantwortungsbereich İmamoğlus, darauf weist die AKP-Führung immer wieder hin. Der Kanal sei ein nationales Projekt.

Aber er ist auch das umstrittenste seit langem, denn neben der hohen ­finanziellen Belastung drohen öko­logisch desaströse Folgen. Der Kanal werde bedeutende Wasserressourcen verbrauchen, sagt der Umweltexperte Doğanay Tolunay von der Universität Istanbul. Seen und Flussläufe würden austrocknen. Damit gefährde der ­Kanal das komplexe Ökosystem der Region. »Betroffen sind die nach dem Bau des dritten Flughafens bereits reduzierten Flächen der im Norden der Stadt liegenden Wälder, Bäche und Weiden, die Hunderte Pflanzen- und Tierarten beheimaten«, warnt Tolunay. Der Meeresforscher Cemal Saydam fürchtet um das hydrologische Gleichgewicht. Da das Schwarze Meer höher liegt als das Marmarameer, fließt die Oberströmung im Bosporus von Norden nach Süden, eine Unterströmung transportiert Wasser des Marmarameers in die Gegenrichtung. Die Zirkulation werde durch einen parallelen Wasserkanal ­gestört. Funktioniert der Austausch im Bosporus nicht mehr, versandet und verödet das Schwarze Meer immer mehr. Über der Stadt läge dann Modergeruch.

Trotz Erdoğans Übermacht ist İmamoğlu in einer günstigen Position. Angst vor zu hohen Kosten, einer Vergrößerung sozialer Ungleichheit, ökologischer Zerstörung und einer erhöhten Erdbebengefahr in der Stadt lassen sich nicht so leicht entkräften. Experten streiten darüber, ob der Kanal tektonische Bewegungen beeinflussen könnte. Seit Jahren wird Istanbul ein großes Erdbeben vorausgesagt. Allein diese Möglichkeit genügt, um Umfragewerte extrem schwanken zu lassen. Selbst bei den Islamisch-Konservativen gibt es viele Gegner des Kanals. Der frühere Ministerpräsident Ahmet Davu­toğlu, ehemals AKP, hat im Dezember mit der Gelecek Partisi (Zukunftspartei) eine eigene Partei gegründet. Die ­Ablehnung des Projekts Kanal Istanbul könnte das die Opposition einende Thema sein, um die Position der AKP als »Partei des Volkes« in Frage zu ­stellen.