Die Nazi-Netzwerke Nordeuropas

Nordische Netzwerke

Deutsche Neonazis haben seit Jahrzehnten gute Kontakte nach Skandinavien. Aber auch untereinander sind die nordeuropäischen Rechtesextremen gut vernetzt.

Gibt es in Schweden oder allgemein in Skandinavien Ableger der in Deutschland verbotenen Nazi-Organisation »Blood & Honour«? Selbst in Nazi-Foren ist man darüber uneins: Ja, bestimmt, aber nicht bei ihm vor Ort, schreibt ein User aus Stockholm; nein, bei ihm im Norden sicher nicht, meint ein anderer. Vermutlich ist die Antwort aber auch gar nicht so wichtig, denn was in Skandinavien und dem nicht dazugehörigen Finnland ganz ausgezeichnet klappt, ist die internationale Vernetzung der extremen Rechten. Die Namensgebung spielt dabei ebenso wie die wenigen Verbote einschlägiger Organisationen eine untergeordnete Rolle.

Bei den Aufmärschen in Helsinki marschierten Mitglieder von Nordiska motståndsrörelsen, Soldiers of Odin und
»Der III. Weg« gemeinsam.

Wie bei der Nordiska motståndsrörelsen (Nordische Widerstandsbewegung, NMR), die eigentlich gern so etwas wie die allumfassende Nazi-Gesamtvertretung im Norden wäre – und doch nur Teil einer Szene ist, die aus einer Vielzahl von Magazinen, Verlagen, Bands, Parteien, einzelnen Politikern und Websites besteht. Für diese gehören bestimmte Termine offenkundig zum Pflichtprogramm, wie der Aufmarsch am finnischen Unabhängigkeitstag in Helsinki (Jungle World 50/2017). Der finnische Ableger der NMR, Suomen Vastarintaliike (Finnische Widerstandsbewegung, SVL) war Ende 2017 und im September 2018 jeweils gerichtlich verboten worden, die endgültige Entscheidung durch das Oberste Gericht steht in diesem Jahr an. Unter dem Namen Kohti Vapautta (Zur Freiheit) ist die SL weiterhin aktiv, durfte allerdings den Aufmarsch zum Unabhängigkeitstag am 6. Dezember 2019 nicht anmelden. Die »Soldiers of Odin«, eine im Oktober 2015 im finnischen Kemi gegründete Nazigruppe mit Ablegern in Skandinavien, Kanada und Australien, sprangen als Veranstalter ein. Insgesamt 250 Teilnehmer kamen zu dem Aufmarsch, darunter schwedische und norwegische NMR-Mitglieder, aber auch deutsche Mitglieder der Kleinstpartei »Der III. Weg«.

Anzeige

Später am Abend fand ein mittlerweile schon zur Tradition gehörender zweiter Aufmarsch statt. Am Fackelmarsch »612.fi« nahmen Berichten finnischer Medien zufolge 1 500 Menschen teil, im Jahr 2017 waren es mehr als 2 800 – sowohl Vertreter der rechten estnischen Regierungspartei Ekre als auch Anhänger der NMR marschierten mit. Die Organisatoren von 612.fi behaupten auf ihrer Website, politisch neutrale Patrioten zu sein, die völlig zu Unrecht in die Nazi-Ecke gestellt würden.

Die Anmelder der Gegendemonstration, ein Bündnis aus 26 Organisationen, sehen das ganz anders. Ein Bündnispartner ist die links-ökologische NGO Maan ystävät (Freunde der Erde). Sie warnten, 612.fi sei »ein Versuch, eine rechtsextreme Einheitsfront zu schaffen«. Von Anfang an habe beispielsweise Teemu Lahtinen, Stadtrat der rechten Partei Perussuomalaiset (Die Finnen, PS), den Fackelmarsch mit­organisiert, wie auch Esa Holappa, Gründer der SVL. Holappa ist mittlerweile bei NMR ausgestiegen und arbeitet für Radinet, ein 2016 initiiertes staatliches Antigewalt- und Aussteigerprogramm.

Ebenfalls bei 612.fi dabei ist Sarastus (Morgendämmerung), ein 2012 gegründetes Online-Magazin, das sich als »in der Tradition von Joseph de Maistre, Oswald Spengler und Julius Evola stehend« beschreibt und das international gut vernetzt ist. Zu den Interviewpartnern des Magazins gehört unter anderem die britische Alt-Right-Aktivistin Laura Towler von »Defend Europe«, einer rassistischen und antisemitischen Website, auf der US-Präsident Donald Trump kürzlich vorgeworfen wurde, er tanze »nach der verrückten Melodie des Klezmer«. Vor einigen Wochen erschien auf Sarastus die ins Finnische übersetzte vierteilige Reihe »Der Osten regelt!?« von Gil Barkei, die zuerst im Herbst 2019 in der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit veröffentlicht worden war.

Timo Hännikäinen, der Chefredakteur von Sarastus, arbeitete lange als Übersetzer unter anderem der Werke von Oscar Wilde, Robert Louis Stevenson und Charles Simic sowie als Autor mehrerer Lyrikbände. Seit 2018 ist er Organisator der finnischen Awakening-Konferenz. Bei deren Premiere Helsinki waren als Redner unter anderem die US-amerikanischen Alt-Rightler Jared Taylor und Greg Johnson, der Politiker der estnischen konservativen Volkspartei Ruuben Kaalep, der schwedische Incel-Aktivist Marcus Follin und Nico Saramo, Sekretär der PS, eingeladen.

Die zweite Konferenz fand am 6. April 2019 in Turku statt, zu den Rednern gehörte der US-amerikanische Professor Kevin MacDonald. Der emeritierte Psychologieprofessor ist Mitheraus­geber des Online-Magazins Occidental Observer, in dem regelmäßig antisemitische und rassistische Artikel erscheinen. Er selbst war während seiner akademischen Laufbahn immer wieder mit als unwissenschaftlich kritisierten Theorien über Juden aufge­fallen. Unter anderem berief er sich auf Thesen des Geschichtsrevisionisten David Irving, den er erfolglos in seiner 1996 ergangenen Verleumdungsklage gegen die Historikerin Deborah Lipstadt unterstützte. Diese hatte Irving in ihrem Buch »Denying the Holocaust« unter anderem Leugnung des Holocausts vorgeworfen, ihr Anwalt Richard Rampton hielt MacDonalds im Prozess aufgestellte Theorien für derart lächerlich, dass er auf ein Kreuzverhör verzichtete. MacDonald gilt als in der amerikanischen Alt-Right-Szene gut vernetzt. Der Politikwissenschaftler Abraham Miller bezeichnete seine antisemitischen Thesen als »philosophische und theoretische Inspiration« für den 2017 während der »Unite the Right«-Demonstration in Charlottesville gerufenen Slogan »Jews will not replace us«.

Bei der zweiten finnischen Awakening-Konferenz hielt auch die ukrainische Rechtsextreme Olena Semenyaka vom dem Innenministerium unterstellten Freiwilligenbataillon Asow hielt einen Vortrag. Sie ist unter anderem bei Reconquista Europa für die Koordination internationaler Beziehungen zuständig. Und sie pflegt gute Beziehungen zur »Identitären Bewegung«, deren Hallenser Zweigstelle »Kontrakultur« sie Recherchen der NGO »Sachsen-Anhalt rechtsaußen« zufolge am 8. Juni 2018 zu einem Re­ferat eingeladen hatte. Der eingeplante Hauptredner konnte in Turku allerdings nicht auftreten, Jared Taylor, white supremacist und Anhänger der Verschwörungstheorie vom geplanten Bevölkerungsaustausch beziehungs­weise des Genozids an den Weißen, wurde von den polnischen Behörden die Einreise in den Schengen-Raum verweigert.

Als Ersatz fungierte der als »Millennial Woes« auftretende schottische Youtuber Colin Robertson, der seine mehr als 55 000 Abonnentinnen und Abonnenten mit rassistischen und antisemitischen Beiträgen unterhält und vor allem bei rechten Konferenzen in Skandinavien ein gern gesehener Gast ist. Unter anderem trat er im Februar 2017 bei einer Veranstaltung des schwedischen identitären Online-Magazins Motpol auf, das nach seiner Umgestaltung 2015 zu einem bedeutenden Medium im Kampf zwischen der rechten Partei Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten, SD) und deren Jugendorganisation Sverigedemokratisk ungdom (SDU) wurde. SDU und Motpol versuchten damals gemeinsam, die SD zu infiltrieren, um den damaligen Parteivorsitzenden Jimmie Åkesson zu stürzen. Der Versuch misslang, der SD-Fraktionsvorsitzende Mattias Karlsson nannte die Identitären mit Motpol an der Spitze »Neofaschisten«, die sich bei der SDU eingenistet hätten und »sich zu rassistischen Massenmordideologien bekennen, Hass auf Juden anstacheln, Gewalt als legitime politische Methode ansehen und offen die Demokratie bekämpfen«.

Die SDU existiert seither nur noch als unabhängiger Jugendverband ohne Anbindung an die SD. Aber bei den Aufmärschen vom 6. Dezember in Helsinki marschierten sie gemeinsam mit der NMR, den Soldiers of Odin und »Der III. Weg«. Bereits vor der Demonstration hatte die finnische Polizei mitgeteilt, dass weder Symbole Kohti Vapauttas noch der NMR geduldet werden würden – sowohl Hakenkreuz-Aufnäher wie auch Hitlergrüße wurden dagegen nach Informationen der schwedischen Antifa-Zeitschrift Expo ungehindert gezeigt, beide sind in Finnland nicht verboten. Gezeigt wurde übrigens auch ein Banner von Blood & Honour mit der Unterzeile »Nordic Brotherhood«.