Der nahe Osten – dubiose Preisverleihungen in Sachsen

Glückliche Untertanen

Der nahe Osten – eine Kolumne über die sächsischen Verhältnisse: Zwei Preisverleihungen in Sachsen zeigen, wie es um den Freistaat bestellt ist.
Kolumne Von

Mit Preisen werden Menschen für als vorbildlich geltendes Handeln ausgezeichnet. Preisverleihungen sind daher ein guter Indikator dafür, wie eine Gesellschaft tickt. In Sachsen gab es in den vergangenen Wochen zwei Ehrungen, die eine genauere Betrachtung ver­dienen. Die eine fand in Bautzen statt, einer Kreisstadt in der Oberlausitz nahe der polnischen und der tschechischen Grenze. Aus ihr hört man wenig, und wenn, dann ist es nichts Gutes, wie vor vier Jahren, als das alte Hotel »Husarenhof« ausbrannte, bevor es als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden konnte. Schaulustige standen applaudierend am Rand und behinderten die Feuerwehr. Später im selben Jahr gab es Hetzjagden auf junge Flüchtlinge in der Innenstadt. Vergangene Woche verursachten drei Polizeischüler einen Einsatz ihrer Kollegen, da sie selbst für Bautzner Verhältnisse zu laut »Sieg Heil« in ihrer Wohnung gerufen hatten.

Hier ist die Welt noch intakt, hier haben die Klassen und Geschlechter noch ihren angestammten Platz.

Beim jährlichen Ranking der Initiative »Irgendwo in Deutschland« wurde der Kleinstadt schon zweimal der Titel »Kaltort« wegen rassistischer und rechtsextremer Vorfälle verliehen. Der »Bautzner Friedenspreis«, jährlich vom nicht eingetragenen Verein »Bautzner Frieden« ausgelobt, einer Initiative aus dem Umfeld der Montagsmahnwachen und Verschwörungsszene, ging dieses Jahr an Daniele Ganser, die »Schweizer Galionsfigur der Verschwörungstheorien zu 9/11« (Tagesanzeiger). SPD, Grüne und Linkspartei protestierten und versuchten, eine Resolution dagegen im Stadtrat zu verabschieden – vergebens (Jungle World 6/2020).

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Nicht weit entfernt in Dresden löste eine Preisverleihung, die gar nicht in Sachsen stattgefunden hatte, einen Sturm der Entrüstung aus. Denn Hans-Joachim Frey, der Leiter des prestigeträchtigen Semperopernballs, war nach Ägypten gereist, wo er dem autoritären Präsidenten Abd al-Fattah al-Sisi im Namen des Balls den St.-Georgs-Orden überreicht hatte. Kaum zurück, hagelte es Absagen für den Opernball und Kritik aus der ganzen Republik. Zahlreiche Ehrengäste sprangen ab, ebenso Judith Rakers, eine Moderatorin der »Tagesschau«, die zusammen mit dem Sänger Roland Kaiser am Freitag vergangener Woche durch den Abend führen sollte. Frey hielt trotzdem an der Ehrung fest, schließlich habe al-Sisi als »Brückenbauer und Friedensstifter« viel für die Kultur getan. Was sind schon Folterkeller im Vergleich zu dem schönen Opernhaus, das er bauen ließ? Erst als Peter Maffay seinen Auftritt an die Bedingung knüpfte, dass der Despot den Preis aus Gold und Edelstahl wieder zurückgeben müsse, gab Frey nach. Trotzdem blieben viele Besucher fern, Karten für den üblicherweise ausverkauften Ball wurden mit mehreren Hundert Euro Rabatt verscherbelt.

Das Faible fürs Autoritäre ist nicht neu: Vor zwei Jahren wurde der saudi-arabische Herrscher, König Salman ibn Abd al-Aziz, geehrt, und als vergangenes Jahr erstmalig eine Kopie des Balls in St. Petersburg veranstaltet wurde, machte sich der mitveranstaltende MDR schon eine Woche vorher zum Hofberichterstatter des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der eigentliche Skandal ist der Ball selbst beziehungsweise das autoritäre Bedürfnis, das sich in ihm ausdrückt. Das sächsische Bürgertum phantasiert sich zu einstiger elbflorentinischer Größe, und der Pöbel darf mitträumen. Draußen vorm Opernhaus stehen jedes Jahr über 10 000 glückliche Untertanen in der Kälte und feiern ein Fest, zu dem sie nie Zutritt haben werden. Mit sehnsüchtigen Blicken schauen sie zur Semperoper, in der Laura, Lena, Leonie, Johannes, Julius und Jonas in Zweierreihen im Walzertakt tanzend dem Patriarchat die letzte Ehre erweisen und die Klassenherrschaft zelebrieren.

Hier ist die Welt noch intakt, hier haben die Klassen und Geschlechter noch ihren angestammten Platz. Auch drei Millionen Fans vor den Fernsehern feiern mit. Und solange Herrscher, die man ehren und für die man buckeln darf, hierzulande noch auf sich warten lassen, suchen sich die autoritären Charaktere eben welche im Ausland. Semperopernball und Pegida, die beiden wichtigsten Dresdner Großereignisse, liegen nicht nur räumlich nah beieinander. Das ist die häufig beschworene »kulturelle Identität« Sachsens, die freilich erst Ende vergangenen Jahres durch den Diebstahl der J­uwelen aus dem Grünen Gewölbe einen herben Schlag erleiden musste und die sowieso ständig bedroht ist – spätestens seit der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten im Februar 1945, der dieser Woche gedacht wird. Und so wird jedes Jahr eine Woche nach der Feier der einstigen Größe beim Semperopernball der Dresdner Opfermythos zelebriert.