Gesichtstätowierungen im Spiegel ihrer Zeit

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: Gesichtstätowiert.

Wäre ich heute 25, wäre ich Youtuber und würde mir das Gesicht tätowieren lassen. Ich würde auf keinen Fall Comics zeichnen oder Texte über mein Leben schreiben und in einer Zeitung veröffentlichen. Viel zu altmodisch und zu wenig einträglich. Natürlich liebe ich das Handwerkliche und die Ruhe, die im Schreiben und Zeichnen liegt. Und ich liebe die Wertigkeit und Materialität der gedruckten Zeitung. Aber ich weiß auch, dass diese Dinge in jene Zeit gehören, in der ich aufgewachsen bin.
Der Exhibitionismus, mit dem ich schon immer mein eigenes Privat­leben ausschlachtet habe, treibt auch heutige Youtuber an. Zu Unüberlegtem und Krassem neigte ich ebenfalls immer. Vollkommen klar: Als 25jähriger Youtuber würde ich mir sofort das Gesicht tätowieren lassen.

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1988 hatte ich einen Alptraum, in dem ich gesichtstätowiert war. Ich wohnte damals in Hamburg-Horn, einem Arbeiterbezirk. Im Gesicht Tä­towierte sah ich damals häufig. Nur waren es keine zarten Ornamente auf der Stirn fröhlicher Friseusen, sondern, wie es damals hieß, eigenhändig »gepikerte« Kritzeleien aus dem Knast. Die Tätowierungen sollten brutal aussehen und taten es auch. Professionelle Tätowierer weigerten sich meist, Gesicht und Hände zu tätowieren. Der bekannteste Ge­sichts­­tätowierte Deutschlands war in den siebziger Jahren Rocky der Irokese. Dessen Wunsch, im Gesicht tätowiert zu werden, erfüllte letztlich der ebenfalls schwer tätowierte Hobby-Tätowierer Tattoo-Theo. Und so hobby­mäßig sahen Rockys Gesichtstattoos dann auch aus.

Die Illustration, die ich 1988 mit Feder und Aquarell zeichnete, wurde nie veröffentlicht. Farbe war in den Achtzigern teuer. Zu teuer für Punk-Fanzines und Labels. Bis auf wenige Plattencover ist alles, was ich in den Achtzigern veröffentlicht habe, schwarzweiß gezeichnet. Professionel­le sowie selbstgemachte Tattoos waren unter Punks damals zwar üblich, im Gesicht hingegen nur selten. Meine Zeichnung war also eine Phantasie, fiel aber auch für meine Verhältnisse sehr klischeehaft aus: ein Hausbesetzerzeichen und ein Totenkopf auf dem Handrücken, die Buchstaben ­P-U-N-K auf den Fingern, auf der Stirn ein Spinnennetz, ein Anarchie-A, ein Kreuz und noch ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen, auf dem Hals eine Spinne und die Worte »Crawl Me!«, ein Smiley-Face und Sid (Vi­scious), auf der Brust das Black-Flag-Logo, ein Messer mit Banderole, eine Weltkugel mit Banderole und die Logos von Einstürzende Neu­bauten und Wasted Youth. Der Text in der Sprechblase spielt auf eine Zeile in dem Song »You’re Not a Punk« von den Spermbirds an.

Die Illustration kam sicher auch deshalb nie zur Veröffentlichung, weil die Idee nicht zu Ende gedacht ist. Es sollte eine Reflexion über sie Sinnlosigkeit von plakativen Symbolen sein. Aber warum denkt dann der gesichtstätowierte Punk, der eben die Härte des Punk repräsentiert: Diese Punkrock-Sache ist ganz schön hart? Ergibt also gar keinen Sinn. Zum Glück ist die Illustration nie veröffentlicht worden.