Viel Bedenkenswertes findet sich im Essay von Delphine Horvilleur »Überlegungen zur Frage des Antisemitismus«

Einheit im Hass

Die französische Rabbinerin Delphine Horvilleur untersucht den Zusammenhang von Antisemitismus, Faschismus und Frauenfeindlichkeit und fragt nach den Ursprüngen des antijüdischen Ressentiments.

Die Deutschen sind ziemlich stolz auf ihre Vergangenheitsbewältigung. Weil ihnen schon in der Schule beigebracht wurde, betroffen zu gucken, sobald jemand die Verbrechen der Nazis erwähnt, sind vier von fünf Deutschen ausgewiesene Experten für die Gefahren des Totalitarismus im Allgemeinen und des Antisemitismus im Besonderen. Den Begriff »Judenfrage« kennt der derart gebildete Deutsche, wenn überhaupt, nur in Kombination mit den Worten »Endlösung der«. Undenkbar daher, eine Schrift, deren französischer Originaltitel »Réflexions sur la question antisémite« lautet, auf Deutsch als »Überlegungen zur Antisemitenfrage« zu publizieren. Dem Publikum bliebe nicht erst die Anspielung auf Jean-Paul Sartres »Überlegungen zur Judenfrage«, sondern schon die Spiegelung des Begriffs »Judenfrage« unverständlich. Und so erscheint Delphine Horvilleurs Essay im Land der Antisemitismusexperten eben unter dem Titel »Überlegungen zur Frage des Antisemitismus« – für den Verlag wohl auch deshalb eine zwingende Entscheidung, weil man hierzulande zwar gern über Antisemitismus redet, nicht aber über Antisemiten.

Horvilleur versteht das Judentum als eine Religion, der die eigene Identität stets problematisch und unabgeschlossen bleibt.

Delphine Horvilleur ist Rabbinerin und ein führendes Mitglied der Liberalen Jüdischen Bewegung Frankreichs (MJLF). Den Originaltitel ihrer Schrift hat sie sinnreich gewählt: Beschäftigte sich Sartre aus nichtjüdischer Sicht mit dem Antisemitismus und kam dabei nur wenig auf das Judentum zu sprechen, konzentriert sich Horvilleur weniger auf die Antisemiten und ihr Denken als auf die Deutung des Antisemitismus durch das Judentum. Die Basis ihres Textes liefern nicht philosophische oder sozialwissenschaftliche Diskussionen über Antisemitismus, sondern jüdische Überlieferungen von Judenfeindschaft in Tora und Midrasch. Deren Auslegung macht rund die Hälfte des schmalen Bandes aus. Entsprechend geht es Horvilleur nicht um eine wissenschaftliche Theorie des Antisemitismus und auch nicht primär um eine Stellungnahme in tagespolitischen Debatten, sondern darum, was die Antisemiten umtreibt und wie ein jüdisches Selbstverständnis der unvermeidlichen Frage begegnen kann: »Warum gerade die Juden?«

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Das ist Stärke wie Schwäche ihres Essays: Er bietet, was die theoretische Durchdringung des Antisemitismus betrifft, nichts grundlegend Neues, wählt mit der rabbinischen Überlieferung jedoch einen zu wenig beachteten Zugang zum Thema. Er ist unabhängig von wissenschaftlichem Vorwissen, weltanschaulicher Orientierung und politischer Ausrichtung leicht zugänglich und kann verschiedene Aspekte des Themas aufgreifen, ohne sie in ein allzu einheitliches Schema zu zwingen, muss dafür aber unvermeidlich in vielem oberflächlich bleiben und wichtige Fragen offen oder unerwähnt lassen. Das Kapitel »Antisemitismus als Krieg der Geschlechter« beispielsweise stellt auf durchaus anschauliche Weise den Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit dar, bleibt aber unbefriedigend, da es die Frage des weiblichen Antisemitismus übergeht.

Die Hauptthese des Essays ist jedoch eine allgemeinere: Horvilleur versteht das Judentum als eine Religion, der die eigene Identität stets problematisch und unabgeschlossen bleibt – und den Antisemitismus als den Ausdruck des Unwillens oder der Unfähigkeit, die eigene Identität als problematisch und unabgeschlossen zu begreifen. Das unbedingte Bedürfnis nach Einheit und Eindeutigkeit, das sich sozusagen vom Juden als dem Nichtidentischen bedroht sieht, bildet demnach den Kern des Antisemitismus. So lässt sich verstehen, warum nicht nur christliche und islamische Fundamentalisten dem Antisemitismus zuneigen, sondern auch so viele Denker der Aufklärung, und warum Linke ebenso anfällig für ihn sind wie Rechte.

Die Stärke dieser Deutung zeigt sich vor allem im Schlusskapitel, in dem Horvilleur knapp, aber bündig auf zeitgenössische Debatten eingeht. Zwanglos und überzeugend zeigt sie auf, was am Antizionismus antisemitisch ist und warum auch linke Spielarten identitären Denkens, wie sie derzeit im Feminismus, Antirassismus und Postkolonialismus verbreitet sind, eine Affinität zum Antisemitismus haben. Demgegenüber bekennt sich Horvilleur zur Verteidigung des Subjekts in seiner Individualität gegen die Ansprüche gleich welcher Kollektive – und demonstriert, wie liberales Denken kritisch bleiben kann, statt zu einer selbstzufriedenen Verteidigung der vermeintlichen »Mitte« gegen »Extremismus von rechts und links« herunterzukommen.

Delphine Horvilleur: Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Hanser, Berlin 2020, 141 Seiten, 18 Euro