Neuer Noiserock von der Band Melkbelly aus Chicago

Gefangen im Noise-Rausch

Melkbellys neues Album »Pith« ist Noise-Rock allerbester Sorte aus Chicago.

Wenn man weiß, aus welcher Stadt Melkbelly kommen, ist es nicht schwer zur raten, was für eine Musik sie spielen. Chicago ist die Stadt des Blues, des House, aber eben auch die Stadt des Noise Rock, dank des dort seit 1981 beheimateten Labels Touch and Go Records, das schon Bands wie Big Black, die Butthole Surfers und Slint veröffentlichte. Touch and Go ist zwar nicht das Label von Melkbelly (ihre Musik erscheint auf bei Wax Nine), aber der vierköpfigen Band merkt man die musikalische Verbundenheit mit dieser musikalischen Tradition der Stadt sehr stark an.

Melkbelly klingen wie eine expressive, im besten Sinne unsaubere Version der Breeders, die Stimme von Sängerin Miranda Winters ist von der Kim Deals kaum zu unterscheiden.

Melkbelly klingen wie eine expressive, im besten Sinne unsaubere Version der Breeders, die Stimme von Sängerin Miranda Winters ist in ihrer vollmundigen, rauen Zartheit von der von Kim Deal kaum zu unterscheiden; ebenso ähneln sich die von beiden Bands gespielten einfachen, sehr melodischen Gitarrenriffs. Es ist naheliegend, dass Melkbelly die Breeders als ihren prägendsten Einfluss bezeichnen, so naheliegend, dass sie 2018 zusammen auf Tour gingen. Kim Deal hatte sich für die Shows eine ihrer albernen Ideen zurechtgelegt: Gemeinsam spielten sie ein paar Mal zusammen die Titelmelodie von John Carpenters »Halloween«, statt auf dem Synthesizer allerdings selbstredend auf den Gitarren. Auch mit einer anderen Band, der Melkbelly in ihren eher lauten und eben unsauberen Momenten ähnelt, nämlich mit dem Noise-Duo Lightning Bolt, gingen sie bereits auf Tour.

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Für eine Band, die es erst seit 2014 gibt und die bislang nur eine EP (»Pennsylvania«, 2014) und ein reguläres Album (»Nothing Valley«, 2017) vorzuweisen hatte, war das eine ziemlich steile Karriere. Der Grund dafür ist simpel: Melkbelly sind gut, sogar richtig gut. Wie aus dem Effeff spielen die vier auf der Klaviatur des Noise, hangeln sich am Dissonanten wie Poppigen, Lauten wie Leisen, Langsamen wie Schnellen entlang. Ein Paradebeispiel für diese Virtuosität ist der zweite Song des neuen Albums »Pith«. ­»Sickeningly Teeth« beginnt mit einer extrem verlangsamten Abfolge von Akkorden, klingt schon fast nach Metal, bis plötzlich die Handbremse gelockert wird und das Tempo anzieht, allerdings ebenfalls nur für ein paar Sekunden. Dieser rasante Tempowechsel zieht sich durch das ganze Lied, bis einem schwindelig wird. Diese Dramatik spiegelt sich im Text dann auch wider, allerdings in eher kindischer Weise: Da legt sich die Erzählerin lieber »zum Sterben hin«, als »die Wahrheit zu sagen«, nämlich dass ihr Gegenüber etwas zwischen den Zähnen stecken hat. Die sieben Minuten des Songs »Kissing Under Some Bats«, um ein anderes Beispiel zu nennen, bestehen aus fünf Minuten unentwegter Wiederholung von wummerndem Krach, der so klingt, als hätte die CD einen Sprung. So klingen Melkbelly tatsächlich des Öfteren: Ihre Outros sind immer einen Tick zu lang und versuchen sich gegenseitig auf eine sympathische, verspielte Art zu übertrumpfen. Gefangen im Noise-Rausch scheinen sie den Absprung, sprich: ein Lied zu beenden, einfach nicht über’s Herz zu bringen.

Als Herz hat sich Sängerin Miranda Winters für das Musikvideo von »Humid Heart« verkleidet, so zieht sie durch die Stadt. Apropos Winters: Der Kopf (beziehungsweise das Herz) von Melkbelly macht auch alleine Musik, ihr Album »Xobeci, What Grows Here?« erschien 2018 und ist im Gegensatz zum fulminanten Sound ihrer Band extrem spartanisch instrumentiert und soll so wohl den Charme des Selbstgemachten aus dem Schlafzimmer versprühen. So ganz gelang das nicht, denn dafür war die Platte zu gut, zu glatt produziert. Das trifft auch auf Melkbellys »Pith« zu, nur da stört es nicht. Die einzelnen Liedern unterscheiden sich nicht sonderlich voneinander, doch das ist kein Problem. Das Album kann man getrost wie einen einzigen Song anhören, der trotz einer Länge von 40 Minuten doch äußerst kurzweilig ist.

Melkbelly: Pith (Wax Nine Records)