Der Film »Kopfplatzen« zeigt, dass es für das Thema Pädophilie keine kultu­rel­len Ausdrucksmöglichkeiten gibt

Boxen, Brüllen, Bilder

Der Film »Kopfplatzen« zeigt in unzweideutigen ­Miniaturen die Pädophilie der Hauptfigur Markus.

Ein Mann steht vor einem geschlossenen Fenster, trinkt aus einer Tasse, schaut hinaus. Um ihn herum die nackten Betonwände seiner Wohnung, draußen ist Herbst, man sieht es an dem fast kahlen Baum vor dem Haus. Mehr gibt der Teaser zum Film »Kopfplatzen« von Savaş Ceviz nicht preis, enthält sich in seiner Kargheit Andeutungen, wovon dieser handelt: die pädophile Neigung der Haupt­figur.

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Unaufgeregt führt die Kamera durch die Geschehnisse, die sich langsam in kühlen Räumen mit reduziertem Dekor entwickeln. Eingangs onaniert Markus (Max Riemelt) – Ende 20, Architekt, allein lebend – vor seinem Laptop. Es folgen Szenen, die ihn im Fitnessstudio zeigen, in der Straßenbahn, im Büro, wie Markus die Einladung ausschlägt, mit einer Kollegin ein Feierabendbier trinken zu gehen, oder wie er schließlich zu Hause, nach dem Essen, seine Fotokamera auf einem Stativ zum Fernsehbildschirm hin ausrichtet. Zu sehen gibt es Filmaufnahmen präpubertierender halbnackter Jungen, kletternd und an einem Fluss spielend. Markus zoomt, knipst Bilder von Bildern, spannt den Hebel, knipst erneut.

Im Zusammenspiel mit der glatten Ästhetik des Films wird dem Publikum immer wieder in unmissverständlicher Symbolik und visueller Eindeutigkeit angezeigt, was im Protagonisten Markus gerade vor sich geht.

In bestimmter Hinsicht ist diese Szene eine Miniatur der Art und Weise, wie der Film erzählt: Das Bild von Markus’ Innenleben setzt sich peu à peu aus Momentaufnahmen zusammen. Verschiedene Situationen zeigen Markus’ Angst, sein sexuelles Interesse an kleinen Jungen könnte entdeckt werden: seine begehrlichen Blicke, sein Selbsthass, die Isolation, seine Versuche, dem Drängen nachzugeben, ohne zu weit zu gehen, seine Suche nach Hilfe. All das übermittelt der Film und doch bleibt am Ende der Eindruck von Leere haften, was unter anderem damit zusammenhängen mag, dass Vorstellungen von Markus’ Gefühlswelt wiederholt durch Stereotype aufgerufen, also in Bildern vorgefertigter Bilder präsentiert werden.

Lust und Frust: Markus onaniert. Schnitt. Markus boxt. Nahegelegt ist dem Publikum damit die Deutung: Malträtiert Markus den Boxsack, so zugleich auch sich selbst, er kämpft gegen seine Lust an, straft und erleichtert sich zugleich, lässt seinen Frust raus.

Markus und der Wolf: Ab und an beobachtet Markus durch Gitterstäbe hindurch einen Wolf in einem Gehege. Es liegt auch hier eine Gleichung nicht fern: Ein einsamer Wolf, eingesperrt in einen Käfig – wie auch Markus allein ist, Gefangener seiner sexuellen Ausrichtung, die stets droht, mit ihm durchzugehen, Grenzen zu überschreiten und anderen, insbesondere Kindern, gefährlich zu werden.

Stilles Örtchen und Gebrüll: Recht häufig sind Toilettenräume filmische Orte des Geschehens, in denen Zuflucht gesucht wird, Peinliches passiert oder sich Geheimes abspielt. Hier bietet sich für Markus die Gelegenheit, Dampf abzulassen oder an seinem eigenen Antlitz im Badezimmerspiegel wortlos eine Wahrheit über sich zu erfahren. Neben solcherart bedeutsamen Rückzügen an stille Örtchen bricht es mitunter auch lautstark aus Markus heraus: Ein Brüllen auf offener Straße signalisiert dem Publikum Markus’ Gefühl der Ausweglosigkeit und Verzweiflung.

Der Signalcharakter ist diesen plakativen Szenen gemeinsam. Im Zusammenspiel mit der aseptischen Ästhetik des Films wird dem Publikum immer wieder in unmissverständlicher Symbolik und visueller Eindeutigkeit, also weitgehend unter Verzicht auf Nuancen, Unklarheiten oder Ambivalenzen angezeigt, was im Protagonisten gerade vor sich geht. Ganz anders etwa als der österrei­chische Dokumentarfilm »Outing« von 2012, in dem ein pädophiler Mann porträtiert wird, bringt »Kopfplatzen« sein Publikum nicht in die Bredouille. Während »Outing« in verschiedener Hinsicht Situationen zeigt, in denen das Verhältnis des Publikums zum pädosexuellen Begehren des Protagonisten heikel werden könnte, bleibt man als Zuschauende von »Kopfplatzen« doch letztlich ­außen vor, auf der sicheren, anderen Seite.

Kopfplatzen-fotografieren

Das heimliche Fotografieren von Jungen ist ein wiederkehrendes Moment des Films

Bild:
Edition Salzgeber

Doch vielleicht stellt sich, indem diese Innenschau weitgehend etwas hölzern und unbewegt bleibt, die Szenen nur verhalten untereinander kommunizieren und man sich als Betrachterin mitunter als abgeschnitten vom filmischen Geschehen erleben kann, zugleich etwas Aussagekräftiges dar: dass Pädophilie ein Topos ist, für den nur sehr begrenzt kulturelle Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Das hat nicht zuletzt mit der spezifischen gesellschaftlichen Rolle zu tun hat, die Pädophilie in der Geschichte der Sexualität besitzt. Sozialwissenschaftlichen Befunden zufolge bilden Vorstellungen, die gesellschaftlich über Pädophile kursieren, etwa seit den achtziger Jahren verstärkt einen zentralen Kristallisationspunkt für Ängste vor sexuellen Grenzüberschreitungen. Demnach verdichtet sich in der Figur des Pädophilen auch, was in besonders greller Weise gegen relevante Prinzipien derzeit geltender Sexualmoral verstößt. Als gesellschaftliches Symptom betrachtet bündeln sich somit in der angsterregenden Gestalt des »Kinderschänders« Aspekte von Sexuellem, welche im Zeitalter der sogenannten Konsens- oder Verhandlungsmoral deren idealen Anforderungen zuwiderlaufen – etwa der Gleichberechtigung und Verhandlungsfähigkeit der an sexuellen Interaktionen Beteiligten; Kriterien also, die zwischen Kindern und Erwachsenen zweifellos nicht erfüllt sind. Der Topos Pädophilie betrifft, was für Adorno ein »allergischer Punkt« des Sexus war. Dieser kann nicht zuletzt kontra­produktive Reaktionen auf den angestrebten Schutz vor sexuellen Grenzüberschreitungen hervorrufen.

Eine an der Universität Regensburg von 2011 bis 2014 erstellte Studie zu Kindesmissbrauch zeigt, dass negative Einstellungen gegenüber Männern mit sexuellem Interesse an Kindern im Vergleich zu anderen stigmatisierten Gruppen auch dann stärker ausgeprägt sind, wenn keine strafrechtlich relevanten Handlungen vorliegen. 27 Prozent der Befragten wünschten pädophilen Nichttätern den Tod, 49 Prozent sprachen sich für deren präventive Inhaftierung aus. Befragt wurden auch Therapeutinnen und Therapeuten in Ausbildung, von denen 40 Prozent angaben, beim Thema Pädophilie Ärger zu empfinden, und ebenso viele es prinzipiell ablehnten, therapiewillige Dunkelfeldtäter zu behandeln. Aufklärende Kurzinterventionen verringern der Studie zufolge zwar nachweislich ­stigmatisierende Einstellungen und negative Gefühle bei den angehenden Therapeuten, erhöhen jedoch nicht die Behandlungsbereitschaft. Stigmatisierungen führen, so wird in der Studie ebenfalls festgehalten, bei den Betroffenen zu »emotionalen, körperlichen und sozialen Funktionsbeeinträchtigungen«, welche die Fähigkeiten zur Kontrolle der sexuellen Bedürfnisse mindern und so letztlich das Risiko für sexuellen Kindesmissbrauch und die Nutzung von Missbrauchsabbildungen erhöhen können.

Auf diesen Zusammenhang weist der Film hin, wenn Markus seinen Hausarzt um Hilfe im Umgang mit seiner Neigung bittet, von diesem aber der Praxis verwiesen wird. Markus hatte die Bekanntschaft von Jessica (Isabell Gerschke), der neuen Mieterin im Haus, und deren Sohn Arthur (Oskar Netzel) gemacht, in den er sich verliebt. Markus beginnt eine Beziehung mit Jessica, die als alleinerziehende Mutter offenbar sehr froh ist, dass Arthur und Markus schnell Freundschaft schließen. Die beiden spielen im Park, gehen ins Schwimmbad, spielen Schach, gehen zusammen in die Badewanne, bis eines Abends die Milch bei Jessica alle ist, sie welche aus der Wohnung von Markus holen will und dabei Hunderte Fotos von Jungen entdeckt, auch von Arthur. Sie versteht sofort, stellt Markus zur Rede, er versucht sich zu erklären und begeht wenig später einen Selbsttötungsversuch. Zuvor aber wird er einen Therapeuten aufsuchen, der zum Sprachrohr einer Botschaft wird, die der Film dem Publikum etwas zu offensichtlich mit auf den Weg geben will – aber die wahrlich nicht die schlechteste ist: »Niemand kann für seine Neigung etwas.«


Kopfplatzen (Deutschland 2019). Buch und Regie: Savaş Ceviz. Darsteller: Max Riemelt, Oskar Netzel, Isabell Gerschke

Der Kinostart am 2. April wurde aufgrund der Covid-19-Pandemie verschoben. Der Film kann auf der Internetseite des Verleihs Edition Salzgeber gestreamt werden.