Cocolumne

Den Hund lüften

Sollte ich nach dieser Corona-Sache noch leben, möchte ich doch zumindest gelernt haben, was dieses Wort »Langeweile« bedeutet. Für einen Moment neulich dachte ich, ich bekäme eine Ahnung, aber dann fielen mir sofort 73 Dinge ein, die ich eigentlich dringend machen müsste oder wollte und auch tun könnte, vom Fensterputzen bis zum Schreiben eines Buchs war da alles dabei. Da wurde mir klar: Das Thema ist nicht Langeweile, sondern Faulheit. Gegen die ist selbstverständlich nichts einzuwenden. Aber ich bewundere Leute, die jetzt lauter Dinge tun, die sie ohne Quarantäne nicht einmal vorgehabt hätten. Ich verkehre ja nicht in vielen Facebook- oder Social-Media-Gruppen, hauptsächlich in zweien, und in denen habe ich vor allem mit Italienern zu tun. Aus der einen kann ich Ihnen verraten, dass nach dem Ende der Ausgangssperre die italienischen Straßen voll mit schrecklich aufgemotzten, getunten, gepimpten und hanebüchen umdesignten Fiats sein werden. In der anderen geht es um Hunde. Da sieht man nun ständig Bilder erschöpfter Artgenossen Cocos mit Zeilen wie: »Ich brauche dringend mal eine Pause!« Lachsmiley. Denn zum Beispiel in Italien und Spanien ist das Gassigehen mit dem Hund eine der wenigen Ausnahmen vom Ausgehverbot, weshalb Spaziergänge mit dem Vierbeiner auf einmal ungeheuer beliebt sind und die armen Hündchen, kaum sind sie mit Papa zurück vom Gassigehen, schon wieder mit Mama los müssen; danach warten schon die Kinder und Cousinen und Nachbarn, was ein Stress!

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Übrigens, der dänische Begriff für »Gassigehen« lautet übersetzt: »den Hund lüften«. Das finde ich sehr charmant. Anders als ich kennt so ein Hund sehr wohl Langeweile. In der Natur, also als Wolf, wäre Coco ja den ganzen Tag mit ihrem Rudel unterwegs und würde Rehe reißen und anderen Unfug anstellen. Gut, als Wolf kann man sie sich eigentlich schwer vorstellen und einen anderen Naturzustand hat sie nicht. Aber Bewegung muss sein. Auf den üblichen Gassi-Strecken drängeln sich allerdings derzeit die Jogger, die nicht in ihr Fitnessstudio können; zum ersten Mal wird mir klar, wie segensreich die Erfindung des Laufbands war. Mit dem Hund muss man also gelegentlich ins menschenleere Umland fahren, aber davon hat Berlin zum Glück reichlich. Einmal die Woche fährt Coco mit einer professionellen Dogwalkerin und weiteren Hunden raus ins Grüne. Dogwalker dürfen weiterarbeiten in Coronazeiten, weil sie systemrelevant sind. Ja, wirklich. Also nicht sie selbst, genaugenommen, aber die Besitzer der Hunde könnten es ja sein. Und zu ihrer Entlastung sind also auch die Dogwalker unverzichtbar. Allerdings stellt sich die Frage, ob bei anhaltender Ausgangssperre nicht irgendwann die Dogwalker dafür bezahlen müssen, dass sie mit dem Hund raus dürfen. Ob nun so oder so: Relevant ist in diesem System eigentlich nur einer – der Hund.