Slavo Žižeks neues buch beschäftigt sich mit der Covid-19-Pandemie

Katastrophenkommunismus oder Barbarei

Slavoj Žižek hat mit »Pandemic! Covid-19 Shakes the World« eine der ersten Deutungen der Covid-19-Pandemie in Buchform vorgelegt, und das in einer Geschwindigkeit, die der Dynamik des Gegenstands nur wenig nachsteht.

Die Methode des selbstreferentiellen Cut-ups ist zum Markenzeichen ­Slavoj Žižeks geworden. Gibt sie sonst eher Anlass zum Schmunzeln, erlaubte sie es ihm als einem der wenigen profilierten internationalen Intellektuellen, einigermaßen adäquat auf das atemberaubende Tempo zu reagieren, in dem sich Politik, Wirtschaft und Alltagsleben aufgrund der Covid-19-Pandemie radikal und vermutlich irreversibel verändern. Als etablierte Juste-Milieu-Denker wie Hartmut Rosa noch erbaulich über den Nutzen der Entschleunigung rä­sonierten, brachte Žižek bereits in einem Blogbeitrag (der in »Pandemic!« enthalten ist) den moralischen Abgrund auf den Begriff, den die tödliche Strategie der Durchseuchung darstellt, die unter anderem von Be­ratern der niederländischen und der britischen Regierung erst verkündet und dann recht rasch, als ob man vor der eigenen Kühnheit erschrocken wäre, wieder zurückgenommen worden war. Ein schizophrenes Verhalten, das einer der von Mark Fisher als mentale Signaturen des Neolibera­lismus identifizierten Grundstörungen folgt.

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Diese »Barbarei mit menschlichem Antlitz«, die hierzulande eine bunte, pluralistische Schar an Anhängern im Feuilleton und Kulturbetrieb hat – Juli Zeh, Teile der FDP und viele mehr –, bedeute nicht weniger als das Absinken des zivilisatorischen Niveaus unter das Minimum, das die Militärethik setzt, der zufolge auch dann versucht werden soll, das Leben eines verwundeten gegnerischen Kombattanten zu retten, wenn wenig Aussicht auf Erfolg besteht. Alexander Kekulé, einer der medienaffinen Topvirologen, denen die deutsche Öffentlichkeit gerade so andächtig lauscht, als befände man sich in einer gigantischen Reprise des Milgram-Experiments, stimmte in den Generalbass der »liberalen Eugenik« (Habermas) ein und warnt gar vor der Preisgabe »unserer« Kultur und Identität, sollte man die Bemühungen, Leben zu retten, allzu ernst nehmen; womit er unfreiwillig vielleicht gar nicht so falsch liegt.

Mit dem Militärischen ist auch ein dominantes semantisches Feld an­gesprochen, auf dem sich der politische Diskurs über Covid-19 bewegt. Žižek warnt allerdings davor, die Kriegssemantik allzu wörtlich zu nehmen: Ein Virus ist kein Feind mit Strategien und Plänen, sondern nur ein »dummer«, selbstreplizierender Mechanismus. Genau diese Eigenschaft ist es aber, mit der Žižek, in einer der leider eher raunenden Pas­sagen des Buches, das Virus mit einer typisch hegelianischen Volte zum Weltgeist auf dem Aerosolteilchen adelt: Was sei Geist anderes, als eine Infektion mit Gedanken?

Ironischerweise sei, so Žižek, die Vermeidung von Kontakten bis hin zur Selbstisolation gerade die adäquate Form globaler Solidarität, welche die Pandemie dem Alltagsleben diktiert.

Eine höfliche, aber deutliche Abfuhr erteilt der Philosoph der Querfront derer, welche die Gefahr durch das Virus herunterspielen und sich auf die Warnung vor einem angeblich drohenden globalistischen Supercoup kaprizieren. Vor allem Giorgio Agamben hatte sich in diesem Sinne geäußert, seine Einlassungen zum Thema fielen deutlich hinter das Niveau seiner eigenen Theorie zurück. Solche Überlegungen liegen unübersehbar schief; beispielsweise ist es offensichtlich, dass Staaten infolge der verzögert eingeleiteten, dafür aber einschneidenden Eindämmungsmaßnahmen beispiellose wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen. Žižek hingegen ist sich der medizinischen Notwendigkeit von Isolations- und Quarantänemaßnahmen bewusst. Auch für eine vernünftige Gesellschaft gäbe es angesichts einer Pandemie vermutlich keine wirklichen Alternativen zu diesen oder ähnlichen Maßnahmen, ohne einen großen Teil ihrer Bevölkerung in ­Lebensgefahr zu bringen.

Žižek kommt auf Maurice Blanchot zu sprechen, dessen Überlegungen zur Möglichkeit globaler nuklearer Vernichtung gerade nicht in apoli­tischen Prepper-Phantasien vom nackten Überleben mündeten, sondern in einer erneuerten universa­listischen Vision der Menschheit im Angesicht der Katastrophe. In diesem Geiste breitet Žižek genüsslich die Ironie des social distancing aus: Ausgerechnet die Vermeidung von Kontakten bis hin zur Selbstisolation – deren Klassencharakter er herausstellt, denn dem Proletariat sei sie nicht ohne weiteres möglich – sei gerade die adäquate Form globaler Solidarität, welche die Pandemie dem Alltagsleben diktiert.

Žižek hält die Tage des Kapitalismus, zumindest in seiner neoliberalen Prägung, für gezählt. Covid-19 habe ihm einen Todesstoß versetzt, er habe es nur noch nicht gemerkt – wofür Žižek die blumige Metapher der »Fünf-Punkte-Pressur-Herz­explosionstechnik« aus Quentin Tarantinos Film »Kill Bill« benutzt, die den Kontrahenten zeitverzögert, aber unweigerlich tötet. Nun mangelt es keineswegs an Kollapsphantasien aus unterschiedlichen politischen Richtungen, nicht erst, aber besonders seit Ausbruch der Pandemie. Neonazis, so berichtet Žižek unter Berufung auf das FBI, versuchten die Situation auf ihre Weise zu nutzen und planten, als Feinde identifizierte Gruppen gezielt durch virale Selbst­mordattentäter zu infizieren. Wieder andere berauschen sich an post­apokalyptischer Bukolik, etwa an den fake news, aufgrund des Rückgangs des Massentourismus seien Delphine in die Lagune von Venedig zurück­gekehrt. Auch in der Linken kursieren Phantasien von reinigenden Gewittern. Der britische Literaturwissenschaftler Benjamin Noys hat dafür den Begriff des »terminalen Akzelerationismus« geprägt: Nur durch die Barbarei hindurch könne es zur Regeneration kommen, und was fällt, das müsse man noch stoßen.

Žižeks Gestus hingegen gemahnt an Walter Benjamins Gedanken, Revolutionen seien vielleicht nicht, wie Marx meinte, die Lokomotive der ­Geschichte, sondern ihre Notbremse. Der Ausnahmezustand war sozusagen schon immer die Konsequenz der zerstörerischen Dynamik kapitalis­tischer Beschleunigung, die jetzt allem Anschein nach von einer Vollbremsung abgelöst wird. Und die Non­chalance, mit der neoliberale Doxa quasi über Nacht verworfen wurden (von der temporären Verstaatlichung der britischen Eisenbahn bis zu Diskussionen über ein bedingungsloses Grundeinkommen), verblüfft tatsächlich. Žižek antizipiert den naheliegenden Einwand abgebrühter Gesellschaftskritiker, dass dies eben die Art und Weise sei, in der der Kapitalismus in der Krise sich selbst rette. Dies leugnet Žižek nicht, es komme aber darauf an, wie der Neustart gestaltet wird.

Der Begriff des »neuen Kommunismus«, den Žižek hier verwendet, ist gemessen am klassischen höchst bescheiden und ohne utopischen Überschwang. Er gewinnt ihn allein ex negativo aus den nötigen Transformationen, die die Weltrisikogesellschaft zu ihrer Rettung vor dieser und ähnlichen kommenden Gefahren dringend leisten muss, die aber unter den Maßgaben des kapitalistischen Realismus denkunmöglich waren, etwa der zu einem global koordinierten System allgemeiner Gesundheitsvorsorge. Er wäre nur das Einfache, das schwer zu machen ist.

Slavoj Žižek: Pandemic! Covid-19 Shakes the World. OR Books, New York City 2020, 124 Seiten, ca. 12 Euro