Didier Eribons »Betrachtungen zur Schwulenfrage« sind veraltet

Homosexuell in Anführungszeichen

In seinem mittlerweile 20 Jahre alten Buch »Betrachtungen zur Schwulenfrage«, das Ende 2019 erstmals auf Deutsch erschien, zeigt sich Didier Eribon zwischen der Queer Theory, der Schwulenbewegung, der Soziologie und Michel Foucault so sehr hin- und hergerissen, dass ihm kaum ein folgerichtiger Gedanke gelingt.

Als Didier Eribons »Rückkehr nach Reims« in Deutschland 2016 erschien, interessierten sich die meisten Rezensenten vorrangig dafür, das Buch des Soziologen als Thesenpapier zu den Wahlsiegen der AfD zu interpretieren. Dass die politische Ausgangslage in Frankreich nicht so leicht mit der in Deutschland zu vergleichen ist sowie die Tatsache, dass es in großen Strecken des Buchs darum ging, wie es für Eribon war, als Schwuler in der Provinz aufzuwachsen, wurde beides kaum zur Kenntnis genommen. Bei der jüngst erschienenen deutschen Übersetzung seines Buches »Betrachtungen zur Schwulenfrage«, erhielten die Rezensenten dann doch noch die Gelegenheit, auf Eribons Homosexualität einzugehen, taucht diese doch hier sogar schon im Titel auf. Das Buch wurde vorrangig und oberflächlich als eines gelesen, in dem Eribon Schwulenfeindlichkeit erklärt und verdammt, wofür es entsprechend gelobt wurde. Doch tatsächlich ist dieses Buch aus anderen Gründen interessant, und nicht etwa, weil Eribon die banale Tatsache erläutert, dass es Hass auf Schwule und Lesben gibt. »Betrachtungen zur Schwulenfrage« erschien in Frankreich bereits 1999, gerade in der Zeit, als Judith Butlers 1989 erschienenes »Gender Trouble« heftig diskutiert wurde und sich die Queer Studies etablierten. Über die Konflikte dieser Zeit kann man bei Eribon zwischen den Zeilen und manchmal auch ganz direkt und offen Aufschlussreiches lesen.

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Das Buch beginnt mit einem Kapitel über die Beleidigung, die laut Eribon Schwulen und Lesben allesamt am stärksten erfahren haben. Eribon grast verschiedene Stationen des schwulen Lebens ab: den Umzug vom kleinen Ort in die Stadt, Treffpunkte von Schwulen wie Bars und Restaurants, den Arbeitsplatz. Dass das Schweigen und die Scham über das eigene Liebesleben an vielen dieser Plätze und Gelegenheiten und damit die Tendenz zum Alleinsein und zur Innerlichkeit das Leben eines jungen Schwulen auszeichnen, führe laut Eribon dazu, dass sich Schwule zu Büchern und Kunst hingezogen fühlten. Er belegt dies mit Auszügen aus Texten von Marcel Proust, der neben Oscar Wilde und André Gide in Eribons Buch am häufigsten herangezogen wird (sieht man mal von Foucault ab).

Interessant ist das mittlere Kapitel, das auch ein eigenes Buch hätte werden können. In diesem widmet Eribon sich den Schriftstellern des ausgehenden 19. Jahrhunderts unter der an Derrida denken lassenden Überschrift »Oscar Wildes Gespenster« (der, wie Eribon ausführt, nicht Identitäten anhing, sondern dem es um »Rollen« und »Positionen« ging und über den er dann auch abschätzig unterteilt, nichts sei »abstoßender als seine elitäre Haltung, sein aristokratischer Ästhetizismus«). Diese Autoren versuchten intellektuell, ihre Homosexualität zu legitimieren. Im viktorianischen Zeitalter in Großbritannien waren das beispielsweise Männer wie John Addington Symonds und George Cecil Ives, die im akademischen Umfeld von Oxford und Cambridge verkehrten. Die als Diskursgeschichte verfasste Studie hebt vor allem hervor, auf welche Texte man sich dort bezog, am liebsten auf das »Gastmahl« von Platon und die darin erörterte »griechische Liebe«, die Päderastie, Knabenliebe war. Die Homosexualität im antiken Griechenland faszinierte auch André Gide, der allerdings, und das war keine Einzelmeinung, die Penetration radikal ablehnte und von Männerbünden träumte, in denen es kein weibisches Gehabe zu geben hatte.

Dass der kleinste gemeinsame Nenner von homosexuellen Männern und Frauen derjenige ist, dass sie Sex mit Menschen des gleichen Geschlechts haben, ist Eribon im Buch aber nur eine Randnotiz wert. Dennoch windet er sich, wenn er dem heute gängigen queeren Erklärungsmuster, es gäbe keine homosexuellen Personen, sondern nur homosexuelle Handlungen (der damit auch den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Sexualität verleugnet), zustimmen soll. Er spricht gar von einem »Queer-Katechismus« bei denen, die ihm Essentialismus vorwerfen würden, weil er die damals noch weit ausgeprägtere Ablehnung von Identität nicht teilen mochte. Sogar eine Spitze gegen Michel Foucault kann er sich nicht verkneifen, wenn er im gleichen Teil des Buches davon spricht, dass es naiv sei, zu behaupten, dass »alle Identität von der Macht produziert wurde«, immerhin eine Kernthese Foucaults.

Homosexualität ist bei Eribon immer und ausschließlich »Identität« (die er, wie das Wort homosexuell, ebenfalls andauernd in anscheinend dann doch distanzierende Anführungszeichen setzt) und nie Triebschicksal, ein schlichter Zufall. Was Identität laut Eribon aber genau ist beziehungsweise was er mit dem Wort bezeichnen will, bleibt unklar. Mal gebraucht Eribon Identität synonym mit »Persönlichkeit«, mal mit »Lebensstil«, mal meint er damit die »Selbstdarstellung gegenüber anderen«, die »Lebensweise«, die »Praktizierung kultureller Gewohnheiten, sexueller Wünsche und affektiver Neigungen« oder vielleicht auch alles zusammen. Dieses Durcheinander an ganz unterschiedlichen Aspekten des Lebens, die schwammig unter einen Begriff subsumiert werden, demonstriert die herrschende Beliebigkeit, wenn es um den Begriff Identität geht, und zeigt vor allem dessen eingeschränkten Nutzen für die Soziologie an. Interessanterweise oder eher schon absurderweise ist aber Eribon mit seinem positiven Bezug auf Identität im Jahr 1999 ein Verfechter des wiederum derzeit angesagten queeren Aktivismus avant la lettre, der die Identitätsaversion seiner Vorläufer aus den Neunzigern wendete und jetzt Identitätspolitik macht.

Nicht nur damit ist er ein Vorreiter für heutiges Denken, denn auch mit der derzeit wieder einmal viel gescholtenen Psychoanalyse geht Eribon hart ins Gericht. Eines seiner Bücher, erstmals 2005 in Frankreich erschienen, trägt sogar den Titel »Der Psychoanalyse entkommen«; der Ankündigungstext verkündet, dass das Buch »die Suche nach einem Ausweg aus dem übermächtigen Einfluss der Psychoanalyse« darstelle. Man ist kurz davor, Eribon paranoide Züge zu unterstellen, denn für diesen erwähnten »übermächtigen Einfluss der Psychoanalyse« findet sich wirklich nirgends ein Beweis. Auch in »Betrachtungen zur Schwulenfrage« kriegt die Psychoanalyse ihr Fett weg: Selbst Judith Butler, wahrlich keine prominente Fürsprecherin der Thesen Freuds, wird von Eribon dafür gescholten, sich überhaupt nur auf die theoretischen Schemata von Freud bezogen zu haben, denn diese sollten »wir«, so Eribon, »unbedingt und baldmöglichst hinter uns lassen«. In einem Halbsatz vergleicht er sogar eine Psychoanalyse mit einer Konversionstherapie oder spricht gar von der »psychoanalytischen Ideologie«, obwohl er ironischerweise ein paar Kapitel vorher dem Begriff Ideologie vorhielt, zu »massig« zu sein und empfiehlt, ihn lieber fallenzulassen. Wirklich begründet wird diese Abneigung nicht, dabei gäbe es durchaus Beispiele für Homophobie in der Psychoanalyse, die man anführen könnte, beispielsweise die Tatsache, dass Homosexuelle in den USA erst ab 1992 zur psychoanalytischen Ausbildung zugelassen wurden, in Deutschland sogar erst ab 2002. Aber solch handfeste Diskriminierung interessiert Eribon nicht. Die Schriften Freuds allerdings augenscheinlich auch nicht, denn hätte er sie gelesen, wäre er dort auf Passagen gestoßen, die ihm seine platte Ablehnung erschwert hätten und ihn dazu gezwungen hätten, diese überhaupt erst zu erklären. Freud schreibt: »Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert, erfährt sie, dass alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben.« Und weiter heißt es in den »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«: »Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit.«

Das dritte Kapitel des Buches widmet sich dann explizit Michel Foucault, der allerdings im gesamten Buch ohnehin sehr häufig auftaucht. Eigentlich könnte man meinen, dass Eribon zu diesem Zeitpunkt genug zu ihm geschrieben hatte, immerhin war schon 1989 seine Biographie über Foucault in Frankreich erschienen, gefolgt von einer Art zweitem Teil (»Michel Foucault und seine Zeitgenossen«, 1994). Doch ist Foucault mit seiner proklamierten »Freundschaft als Lebensweise » und vor allem mit seinem ersten Band von »Sexualität und Wahrheit« zu wichtig, um sich ihm nicht auch in diesem Buch zu widmen. Doch auch Eribon kommt nicht drumherum, einer schon beinahe ans Wahnhafte grenzenden Falschaussage Foucaults zu widersprechen. Foucaults Frontalangriff auf den Diskurs über Homosexualität, vor allem geführt gegen den der Psychiatrie und Psychoanalyse, brachte ihn dazu, zu behaupten, »Homosexualität« sei geradezu von eben diesen Institutionen »produziert« worden, um Schwule »in diesem Begriff einzusperren« und damit einhergehend als Rechtssubjekte juristisch sowie medizinisch verfolgen zu können. Tatsächlich aber stammt die erste Erwähnung des Wortes im Jahr 1868 vom Schriftsteller Karl Maria Kertbeny, der in Flugblättern und Schriften ganz im Gegenteil die Homosexuellen mit dieser Bezeichnung nicht verdammen, sondern als Kollektivsubjekt ansprechen und gesetzlich gleichstellen wollte, wie sein Zeitgenosse Karl Heinrich Ulrichs oder ein paar Jahrzehnte später der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld.

Tatsächlich kann man Foucaults Werk als eine Art Exorzismus seiner selbst lesen. Gerade seine harsche Ablehnung des Freudomarxismus scheint eher schlechten Erfahrungen mit Anhängern von Wilhelm Reich geschuldet zu sein, als einer Auseinandersetzung mit Theoretikern seiner Zeit. Der ungenannte Kontrahent Foucaults ist Herbert Marcuse, mit dem sich Foucault in seinem Werk noch nicht einmal oberflächlich beschäftigt hat, obwohl Marcuse doch gerade derjenige war, der zumindest mit der von Foucault so gescholtenen Idee der Befreiung des Sexus assoziiert wurde, die aber ohne Marcuses Theorie der »repressiven Entsublimierung« nicht zu haben ist. Dass Marcuse keine Erwähnung findet, ist Kalkül, denn dessen Programm im Werk »Triebstruktur und Gesellschaft« (erschienen 1955 als »Eros and Civilisation«) bestand darin, Freuds Texte nicht als die eines Psychologen, sondern die eines Kulturtheoretikers zu lesen; darüber hinaus lehnte Marcuse die kruden Thesen von Wilhelm Reich ab. Wohl um sein Feindbild eines dominanten Marxismus aufrechtzuerhalten, so kann man mutmaßen, verzichtete Foucault auf die Erwähnung Marcuses und anderer.

Das, was Eribon dann von Foucault zitiert, liest sich auch nicht wie Theorie, sondern wie ein Lebensratgeber. Dauernd sollen oder »müssen« Schwule »an sich selbst arbeiten«, »neue Subjektivitäten« erschaffen, sich selbst verändern. Eribon spricht daran anknüpfend von der »Umformulierung seiner selbst« und versteigt sich zu einer Formulierung, die schon fast wie eine Drohung klingt: »Die Identität ist erst noch zu schaffen. Und zwar permanent zu schaffen.« Dass Homosexuelle als per se bessere Menschen mit einer irgendwie besseren Identität phantasiert werden, an der sie auch noch die ganze Zeit arbeiten müssen, widerspricht nicht nur jeder soziologischen Erkenntnis, sondern trägt auch paternalistische Züge.

Streut er doch immer wieder Kritik an seinem intellektuellen Vorbild Foucault ein, teilt Eribon dessen »Hermeneutik der Subjektivität«, die er aber natürlich nicht so nennen will. Dass Foucault überhaupt immer noch als ein solch brillanter Denker gilt, obwohl die Inkonsistenz seiner Gedanken augenscheinlich ist und gerade seine Gedanken zu Homosexualität im Resultat nicht anders als esoterisch genannt werden können, auch dafür nennt Eribon einen Grund: Als eine »persönliche Erfahrung und Selbstverwandlung« wurde das Lesen von Foucaults Texten oft beschrieben, ein Verhältnis zu Theorie, das schlicht überdacht werden sollte.

Dass dieses Buch erst jetzt ins Deutsche übertragen wurde, scheint mehr damit zu tun zu haben, dass Eribon prominent geworden ist. Inhaltlich sind viele Stellen veraltet, sprechen die großen Konflikte eben nicht als solche an, sondern vermitteln nur über Umwege und eher unwillentlich ein Bild vom Streit über Identität vor 20 Jahren. Um Aids geht es mehr oder weniger gar nicht. Eribons Buch hätte besser »Diskursgeschichten zur Schwulenfrage« heißen können. Ein Buch aber, das heute erscheint und »Betrachtungen zur Schwulenfrage« heißt, müsste sich mit den Veränderungen durch Prep-Medikamente beschäftigen, die die Übertragung des HI-Virus verhindern. Es müsste untersuchen, wie neue Formen von Homophobie nach der gesellschaftlichen Liberalisierung funktionieren und wie autoritäre und islamistische Staaten Schwulenhass propagieren. Und es wäre wünschenswert, wenn ein solches Buch unter der Prämisse geschrieben wäre, dass man kein Anhänger von Identitätsdenken und auch kein Anhänger der Queer Theory sein muss, um ein Ende der Diskriminierung von nichtheterosexuellen Menschen zu wollen.

Didier Eribon: Betrachtungen zur Schwulenfrage. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Suhrkamp, Berlin 2019, 622 Seiten, 38 Euro