Die Serie »The Midnight Gospel« lässt den Abgesang auf den Sozialtypus Nerd erkennen.

Ein Buttplug für das Arschloch des Bewusstseins

Die Animationsserie »The Midnight Gospel« dreht sich um Clancy und seinen Podcast »Spacecast«. In der Serie drückt sich der Niedergangs des Nerdigen aus.

Das Weiße Haus wird von Zombies belagert. Der Präsident der ­Vereinigten Staaten steht auf dem Dach und wehrt die Horden von Untoten mit einer Schrotflinte ab, lässt fleißig Köpfe explodieren und hat ­dabei trotzdem noch Zeit für ein Interview mit einem pinken Männchen namens Clancy für dessen Podcast »Spacecast«. Sie sprechen nicht über die Zombie-Apokalypse, sondern über das Für und Wider einer möglichen Legalisierung von Marihuana und darüber, wie ein verantwortungsvoller Drogenkonsum ­aussehen könnte.

»The Midnight Gospel« erscheint in einer Zeit, in der die Generation der smarten Lösungssucher, die in den nuller Jahren gemobbt und dann langsam cool wurde, endgültig erwachsen ist – und depressiv.

Clancy ist so etwas wie der Protagonist der Animationsserie »The Midnight Gospel«, die im April bei Netflix angelaufen ist: ein Millen­nial-Slacker, der in einem Wohnwagen auf einem nicht näher benannten Planeten haust und von dort ­mittels eines »multiverse simulator« in unerforschte Universen reist, wo er Interviewpartner für seinen »Space­cast« sucht. Nach der von ­Untoten überrannten Erde folgt ein Planet voller Clowns, wo Clancy ­gemeinsam mit einer Gruppe von Hirschhunden gefangen genommen und in einer gigantischen grell­bunten Fleischfabrik zu einem Hack­fleischmonster verarbeitet wird. Da er zu Beginn der Prozedur mit ­einem Sedativum namens Namastex ruhiggestellt wurde, hat er auch hier Muße, um mit einer der Hirsch­hündinnen ein Gespräch über das Akzeptieren der eigenen Sterblichkeit zu führen. Während auf dem Bildschirm ein im besten Sinne wahnsinniger und absurder psychedelischer Bilderreigen flackert, laufen die ­Interviews betont gelassen und sanft ab. Die Gesprächsteilnehmer sprechen, losgelöst vom Geschehen um sie herum, mit sanfter Stimme über Meditationstechniken und Wege zu mehr Achtsamkeit.

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Diese Kluft zwischen visueller Überforderung und auditiver Beruhigung liegt nicht zuletzt an den Ingredienzen von »The Midnight Gospel«. Denn die Interviewpartner von Clancys »Spacecast« sind die mehr oder weniger prominenten Gäste des tatsächlich existierenden Podcasts »The Duncan Trussell Family Hour«. Trussell ist einer der Macher von »The Midnight Gospel«, der andere ist Pendleton Ward. Dieser wurde bekannt als Schöpfer von »Adventure Time«, einer Animationsserie, die vielleicht einmal für Kinder gedacht war, aber während der Zeit ihrer Ausstrahlung von 2010 bis 2018 ein millionenstarkes erwachsenes Publikum fand.

Was »Adventure Time« so interessant machte, war vor allem die liebevolle schräg-surreale Ästhetik, in der die Abenteuer von Finn the Human und seinem polymorphen gelben Hund Jake erzählt wurden, die gemeinsam das postapokalyptische Land Ooo durchstreifen, gegen den bösen (oder vielleicht doch nur missverstandenen) Ice King kämpfen, in Füße verwandelt werden und zwischendurch mit durch Autotune verstärkten Stimmen singen. Weil der Anspruch, letzten Endes eine Serie für Kinder zu sein, weiterbestand, konnte die Erzählung scheinbar mühelos zwischen Nonsens und ernsten Themen hin- und herwechseln, eine im besten Sinne zärtliche Haltung zu ihren Gegenständen einnehmen.

Der große Erfolg von »Adventure Time« wurde noch von etwas anderem begünstigt: Die Serie fiel zusammen mit dem endgültigen popkul­turellen Aufstieg des Nerd als Sozialcharakter, der aus dem Keller des ­Elternhauses hinauf in die Zentralen der Internetfirmen gelangte. Die zehner Jahre, in denen »Adventure Time« bekannt wurde, markierten den Höhepunkt der Konjunktur »smarter Lösungen« in der Ökonomie und sie waren auch das Jahrzehnt, in dem der Nerd plötzlich aus der Nebenrolle in die Hauptrolle wechselte. »Adventure Time« war eben nicht trotz der obskuren Referenzen auf »Dungeons & Dragons« und Fan­tasy-Klischees erfolgreich, sondern wegen dieser. Jeder wollte Nerd sein.

»The Midnight Gospel« erscheint am Ende dieses Jahrzehnts. Die Generation der smarten Lösungssucher, die in den nuller Jahren gemobbt und dann langsam cool wurde und davon träumte, die Welt von morgen zu designen, ist nun endgültig erwachsen – und depressiv. Die smarten Techno­logien haben niemanden befreit, flexible Arbeitsstrukturen unzählige Angestellte in Dauerstress und Angststörungen gestürzt. In diesem Zusammenhang gewinnt psychische Gesundheit eine neue Relevanz, die Therapiesitzung wird noch mehr als bislang fester Bestandteil der Handlung US-amerikanischer Serien. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man den »Spacecast«-Interviews bei »The Midnight Gospel« lauscht.

Denn was in den Interviewpassagen der Folgen verhandelt wird, könnte sehr leicht als esoterischer Unfug abgetan werden: elaborierte Versionen einer Ideologie, welche die Verantwortung für das psychische Leid an den gegenwärtigen Verhältnissen den Einzelnen ­zuschiebt. Individualisierung statt Solidarität, jede Krise eine Chance und immer positiv denken: die ganze Brutalität der self-care als Ideal.

Die Auswahl der Interviewten ­bildet ein umfassendes Sammelsurium an solchen Positionen ab: Von Dr. Drew Pinsky, bekannt geworden durch die Reality-TV-Show »Celebrity Rehab with Dr. Drew«, der ganz den abgeklärten Ton des erleuchteten Entrepreneurs trifft, bis hin zu der Schriftstellerin Anne Lamott, die über ihren Weg aus dem Alkoholismus spricht und dabei selbstbewusst ihre Verletzlichkeit betont.

Doch weil diese Gespräche in keiner Verbindung zur äußeren Handlung mit ihren zerfallenden Welten und ihrer bizarren Gewalt stehen, stellt sich die Frage: Wie ernst nimmt sich die Serie überhaupt selbst? Die einfache und am nächsten liegende Vermutung wäre die, dass der gesamte Achtsamkeitsdiskurs hier ins Lächerliche gezogen werden soll. Und tatsächlich erscheinen die individuelle Suche nach Ausgeglichenheit und die Aufforderung, alles erst einmal zu akzeptieren, zynisch – in den bunten Animationswelten von »The Midnight Gospel« ebenso wie im ­gegenwärtigen Alltag des zukunftslosen »kapitalistischen Realismus«, wie Mark Fisher ihn nannte.

Das gibt die Serie aber nicht her, man muss davon ausgehen, dass sie tatsächlich sehr ernst gemeint ist. »Meditieren, während die Welt auseinanderfällt«, ist genau das Programm von »The Midnight Gospel«. Das wird am deutlichsten und auch unangenehmsten in der letzten Folge der Staffel: Dort tritt Trussells mittlerweile verstorbene Mutter auf, die zum Zeitpunkt des Interviews schon eine Krebsdiagnose hatte. Die Folge mutet Zuschauern einiges zu, gerade weil sie hier um Versöhnung mit dem Sterben bemüht ist.

Nicht erst in dieser Folge kann hinter den sanften Gesprächen tiefe Not vermutet werden. Jeder Gast tritt mit dem Versprechen auf, Antworten parat zu haben, und verliert sich dann letztendlich doch in leeren Begriffen, die für niemanden verbindliche Bedeutung haben können. Widerstand oder sogar so etwas wie Solidarität tauchen nirgendwo auf. Es bleibt bei einer Suche ohne Ende, die nicht enden kann, weil die Suchenden vereinzelt bleiben.

Denn dass der Weg individueller Achtsamkeit, wo er als absolutes Ideal gesetzt wird, in die Affirmation des Bestehenden mündet, zeigt sich unbeabsichtigt in einer Folge, in der Clancy mit dem Autor Jason Louv (in Form eines sprechenden Vogels) in einem »Gefängnis der existentiellen Angst« festsitzt, wo die Insassen sich in einem endlosen Kreislauf immer wieder gegenseitig umbringen. Erst, jegliche Hoffnung aufzu­geben, ermöglicht die Flucht aus der Gefangenschaft, was Clancy zu der Feststellung bringt: »Hope tortures your fucking ass!« Und wieder könnte man sich über die augenzwinkernde Nonchalance der digitalen Elite echauffieren, die solchen Unsinn predigt, würde die Serie dies auch ästhetisch stützen. Doch der befreite Häftling singt im Abspann ein Lied über seine bahnbrechende Erkenntnis: Ja, am liebsten habe er seinen Mithäftlingen die Augen ausgekratzt und in die Höhlen gepisst. Doch jetzt habe er festgestellt, er selbst sei das Gefängnis gewesen und die Höhlen, in die er gepisst habe, seien seine ­eigenen gewesen. Es fällt einigermaßen schwer, das Interview davor noch ernst zu nehmen.

Die Ironie und die visuelle Anarchie retten »The Midnight Gospel« inhaltlich nicht. Aber dass die Widersprüche der Serie eben nicht auf­gelöst werden, ist ihre Stärke. Dieser Umstand erlaubt es, die verhandelten Positionen als Ausdruck eines Mangels zu sehen, als Symptom einer Zeit, in der die Menschen im Zeichen ihrer Überforderung nach etwas suchen, was Clancy in der sechsten Folge als einen »butt plug for the asshole of your mind« bezeichnet. ­Etwas, um all die Negativität der Welt draußen zu halten. Das ist nicht richtig, aber nachvollziehbar in einer Zeit, in der Solidarität nicht besonders hoch im Kurs steht.

Die Serie »The Midnight Gospel« (»Enthüllungen zu Mitternacht«) kann bei ­Netflix gestreamt werden.