Ein Biokonzernchef fällt als Impfgegner auf

Biologisch-dynamisch gegen die Impfpflicht

Joseph Wilhelm, der Gründer und Geschäftsführer des Biolebensmittel­unternehmens Rapunzel, fiel jüngst als Impfgegner und Covid-19-Verharmloser auf. Verschwörungsdenken und der Hang zur Esoterik sind nicht die einzigen Probleme in der Biobranche.

Weiterhin kaufen oder boykottieren? Darüber diskutieren zurzeit Käuferinnen und Käufer der Biolebensmittelmarken Rapunzel und Zwergenwiese. Denn Joseph Wilhelm, der Gründer und Geschäftsführer der Rapunzel Naturkost GmbH, zu der auch die Marke Zwergenwiese gehört, schrieb in einer am 20. April auf der Website des Unternehmens veröffentlichten »Wochenendbotschaft« unter anderem, Viren seien »Teil des biologischen Lebens auf unserer Erde und leisten ihren Beitrag zur Weiterentwicklung desselbigen und der menschlichen Anatomie und Psyche«. In einer weiteren »Wochenendbotschaft« bezeichnete Wilhelm die zur Eindämmung der Pandemie nötigen Mund- und Nasenmasken als »Maulkorb« und benutzte damit eine Bezeichnung, die zurzeit auch im Milieu der Verschwörungsgläubigen gängig ist. Impfen? »Nur über meine Leiche«, schrieb Wilhelm, und warnte vor »Jagdkommandos, die widerstrebige Impfgegner einfangen und zwangsimpfen«.

Impfen? »Nur über meine Leiche«, schrieb Wilhelm, und warnte vor »Jagdkommandos, die widerstrebige Impfgegner einfangen und zwangsimpfen«.

Inzwischen behauptet der Geschäftsführer, seine Aussagen seien »aus dem Zusammenhang gerissen« worden. Seine »Aussage vom 27. 4. im Zusammenhang mit dem in Aussicht stehenden Impfzwang« erkläre sich aus persönlicher Betroffenheit und Angst. Ein »Impfzwang« steht allerdings gar nicht zur Debatte. »Betroffenheit und Traurigkeit« löse bei ihm außerdem die Unterstellung aus, dass »es eine persönliche oder firmenbezogene Nähe zur rechten ›Szene‹ gäbe«. Die Schweizer Apothekenkette Coop Vitality nahm die Produkte von Rapunzel dennoch aus dem Sortiment.

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Eine mindestens naive Toleranz für extrem rechte Ansichten bewies ­Rapunzel bereits im Juli 2018, als Ralf Otterpohl von der TU Hamburg im Rahmen einer Veranstaltung des Unternehmens einen öffentlichen Vortrag halten durfte, in dem er zahlreiche Verschwörungslegenden verbreitete. ­Otterpohls Werbung für die völkisch-antisemitische Anastasia-Bewegung aus Russland erschien dem Unternehmen Rapunzel offenbar unproblematisch.

Anschließend hatte der Allgäuer Landwirt Robert Briechle Gelegenheit, einen Werbefilm über seinen »Mutterhof« in Unterthingau zu zeigen und »tiefe Einblicke in sein Projekt« zu gewähren. Briechle steht der Bewegung der Reichsbürger nahe. In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) wollte der braune Ökobauer nichts vom Antisemitismus in den Anastasia-Büchern des Fantasy-Schriftstellers Wladimir Megre bemerkt haben, aus denen die Anastasia-Bewegung ihre Ideologie bezieht. Spätere Recherchen des BR ergaben, dass Briechle eine Veranstaltung organisiert hatte, auf der unter anderem die Mär der Reichs­bürger verbreitet wurde, Deutschland sei weiterhin von den Alliierten besetzt. Die Veranstaltung mit Otterpohl sei ein »erfrischender Aufruf zu Optimismus und dem Mut, das Leben in die eigene Hand zu nehmen« gewesen, hieß es auf der Website von Rapunzel. Später distanzierte der Konzern sich von Otterpohl.

Der jüngste Eklat um Joseph Wilhelm mag einige Besseresser wieder einmal mit der Frage konfrontieren, was man denn noch mit gutem Gewissen kaufen kann, darf oder soll. Wer es wissen will, weiß es allerdings schon lange: In der Biobranche herrscht Kapitalismus in grün. Es toben die gleichen Kämpfe um Marktanteile wie anderswo und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden genauso ausgebeutet wie überall in der Lebensmittelindustrie. Der anthroposophisch inspirierte Biosupermarktriese Alnatura wehrt sich beispielsweise seit Jahren erfolgreich gegen Betriebsräte (Jungle World 45/2015) und beschäftigte einen der AfD nahestehenden Anwalt zur Durchsetzung der Firmenpolitik.

Die Berliner Landproduktegemeinschaft (LPG), eine Biosupermarktkette, die erfolgreich das Konzept der Lebensmittelkooperative vermarktet und ­deren größte Filiale etwa 18 000 Produkte auf zwei Stockwerken anbietet, hatte zumindest einmal einen Betriebsrat. Der habe sich allerdings nach einiger Zeit selbst aufgelöst, so der amtierende Geschäftsführer Werner Schauerte. Immerhin untermauert er sein Geschäftskonzept in Interviews nicht mit Ganzheitlichkeitsgerede. Auch bei der Biokette Denn’s sieht es finster aus. Mitarbeiterinnen berichten auf Arbeitgeberbewertungsportalen, Arbeitsschutzgesetze würden regelmäßig gebrochen. Am häufigsten nennt das Personal die Missachtung von Ruhezeiten, hinzu kämen untertarifliche Bezahlung und sadistische Führungskräfte. Ein frappierender Widerspruch: In der Selbstdarstellung gibt sich das Unternehmen nachhaltig, sozial engagiert, verantwortungs- und umweltbewusst. Mitarbeiterinnen berichten hingegen, sie seien nicht einmal in der Mülltrennung geschult worden und am Ende des Tages lande einfach alles, was nicht mehr verkaufsfähig sei, in einer Abfalltonne.

Den ganz großen Reibach im Biosegment machen inzwischen allerdings die alteingesessenen Discounter und Supermärkte. Aldi und andere versorgen den Markt mit billigen Bioprodukten und betreiben sogenanntes Greenwashing, da sie vom Gesundheits- und Nachhaltigkeitsimage profitieren. Zugleich rekrutieren konventionelle Supermärkte mit dieser Masche mehr Kundinnen und Kunden aus der kaufkräftigen Mittelschicht.

Deren politischer Konsum diente schon immer in erster Linie als Distinktionsmittel gegenüber dem verachteten Prekariat, das ihn sich gar nicht leisten kann. Die Besseresser sind häufig Besserverdiener, die sich den Einkauf im Biosupermarkt gönnen. Der »bewusste Konsum«, dank dem es auf der Welt vermeintlich ökologischer und gerechter zugeht, wird zum Distinktionsmerkmal in Abgrenzung zu den Abgehängten, die sich das nicht leisten können.

Dieser Ablasshandel mit dem Kassenzettel führt nicht zu einer radikalen Veränderung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse. Die Frage, ob man die vegane »Nirwana-Schokolade« von Rapunzel noch kaufen darf, ob Spargel und Erdbeeren wegen der skandalösen Arbeitsbedingungen der »Ernte­helfer« vom Speiseplan entfernt werden müssen, geht nicht ans Eingemachte. Kontrollieren, was wo und wie produziert wird, kann man nur, wenn man sich die Produktionsmittel aneignet und eben nicht, wenn man vor dem ­Regal steht und sich freut, dass es endlich auch veganen Kuchen zu kaufen gibt.