Französische Sportler kämpften in der Résistance gegen die Nazis

Freie Sportler im Widerstand

Unter maßgeblicher Mitwirkung der heutzutage fast vergessenen Basketballspielerin Denise Briday kämpften während des Zweiten Weltkriegs französische Sportlerinnen und Sportler gegen die deutsche Besatzung und gegen Kollaborateure.

September 1943, Le Mans, Frankreich. Die Gestapo hatte in Zusammenarbeit mit der französischen Polizei den Widerstandskämpfer Auguste Delaune gestellt. Er landete in einem Verhörkeller der Nazis nahe Le Mans. Die Gestapo folterte Delaune zwei Wochen lang. Immer wieder fragten die Deutschen nach dem Aufenthaltsort zweier Menschen: Robert Mension und Denise Briday. Die ­beiden gehörten wie Delaune zum Führungszirkel von »Sport Libre«, einer von Sportlern gegründeten Untergrundorganisation, die gegen die Nazis und deren Kollaborateure kämpfte. Delaune schwieg und starb schließlich an den Folgen der Misshandlungen. Heutzutage erinnert in Reims das Stade Auguste-Delaune an ihn, ein Fußballstadion mit 21 000 Plätzen, Heimat des einst gefeierten Clubs Stade de Reims.

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1940 erließ die französische Kollaborationsregierung unter Marschall Philippe Pétain im Eiltempo Gesetze und Dekrete, die Juden diskriminierten. Nazideutschland musste Pétain und seinen Gefolgsleuten den Antisemitismus nicht einmal aufzwingen. Die Vichy-Regierung handelte in vorauseilendem Gehorsam und aus Überzeugung. Aus Diskriminierung wurde bald Verfolgung und aus Verfolgung die Beihilfe zum Genozid. Zudem versuchte die rechtse­xtreme Regierung, jegliche politische Opposition auszuschalten. Sehr rasch traf dies die 1934 gegründete »Fédération sportive et gymnique du travail« (FSGT), den von Kommunisten und Sozialdemokraten ge­leiteten Arbeitersportverband Frankreichs. Der Sportminister des Vichy-Regimes, Joseph Pascot, löste die FSGT auf und wollte die Sportler zwingen, der neuen »Union sportive et gymnique du travail« beizutreten, die den Idealen faschistischer Körperertüchtigung sowie dem Mili­tarismus verpflichtet und »judenfrei« war.

Die FSGT war den Rechten schon lange ein Dorn im Auge gewesen. Sie hatte sich gegen die Teilnahme Frankreichs an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin ausgesprochen und stattdessen eine Delegation zur »Volksolympiade« geschickt, die die demokratische spanische Regierung als Gegenveranstaltung zu Hitlers Propagandaspielen ausrichten wollte. Diese antifaschistische Gegenolympiade, zu der mehr als 6 000 Athleten aus aller Welt anreisen wollten, fand jedoch nicht statt, da am Tag der Eröffnungsfeier General Francisco Franco putschte und der spanische Bürgerkrieg begann.

Die Mission der Sportler bestand darin, Juden und politisch Verfolgte zu retten, französische Arbeiter vor der Zwangsarbeit in Deutschland zu schützen, Sabotageakte zu verüben und zu spionieren.

Dezember 1940, Paris. In einer Wohnung im 18. Bezirk trafen sich heimlich drei Menschen: der Leichtathlet und ehemalige Präsident des FSGT, Auguste Delaune, der Rugbyspieler und Sportjournalist Robert Men­sion und die Basketballspielerin und vormalige Schatzmeisterin des FSGT, Denise Briday. Alle drei waren erklärte Gegner der deutschen Besatzung und der Zusammenarbeit mit den Nazis. Briday verabscheute vor allem den Antisemitismus und den Rassismus, die sowohl von der deutschen Besatzungsmacht als auch vom Vichy-Regime forciert wurden. Die junge Frau hatte stets für eine Welt gekämpft, in der niemand wegen seiner Herkunft, Religion oder des Geschlechts benachteiligt würde. Diesen Kampf setzte sie auch gegen die Nazis fort. Das Trio beschloss, eine Widerstandsgruppe für Sportler zu gründen. Delaune, Mension und Briday nannten ihre Organisation »Sport Libre« – freier Sport.

Sport Libre schloss sich mit vornehmlich kommunistischen Widerstandszellen zusammen und fand vor allem nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion mehr Mitstreiter, als die Gründer der Gruppe erwartet hatten. Sogar ein Ableger in Belgien wurde bald gegründet. Die Mission der Sportler im Widerstand bestand darin, Juden und politisch Verfolgte zu retten, französische Arbeiter vor der Zwangsarbeit in Deutschland zu schützen, Sabotage­akte gegen die Besatzer und Kollaborateure zu verüben, zu spionieren und militärische Aktionen in Abstimmung mit den Alliierten auszuführen.

Wie andere Frauen im Widerstand übernahm Briday vor allem Kurierdienste, da für Frauen die Wahrscheinlichkeit höher war, unbehelligt durch Kontrollen zu kommen. Es war dennoch höchst gefährlich. Jedes Mal, wenn Briday unterwegs war, um Dokumente zu transportieren oder Lebensmittel in Verstecke zu bringen, riskierte sie ihr Leben. Briday, die vor dem Krieg auch Artikel für die Sportzeitung Le Sport ouvrier verfasst hatte, war angesichts eines Anfang der vierziger Jahre nicht aus­zuschließenden weltweiten Siegs des Faschismus wie ihre Gefährten ­bereit, im Kampf für die Freiheit ihr Leben zu geben.

Einige Mitglieder von Sport Libre zahlten für ihren Einsatz diesen höchsten Preis. Auguste Delaune starb in den Fängen der Gestapo. Auch Tola Vologe, ein Tischtennismeister und dreifacher französischer Sieger im 400-Meter-Lauf, ließ im Kampf gegen die Nazis sein Leben. Der Sohn einer nach Frankreich emigrierten litauischen Jüdin hatte sich 1942 dem Widerstand angeschlossen und half Sport Libre dabei, das zwischen Nazideutschland und Vichy-Frankreich ausgehandelte Zwangs­arbeiterprogramm zu sabotieren. Vologe organisierte sichere Häuser für untergetauchte Facharbeiter. 1944 wurde er verraten und verhaftet. Beim Versuch, aus einem Internierungslager der Gestapo zu fliehen, wurde er erschossen.

Denise Briday konnte mit knapper Not den Nachstellungen der Nazis und französischer Kollaborateure entkommen. Als die Alliierten nach der Landung in der Normandie Frankreich Stück für Stück befreiten, fuhr sie mit dem Fahrrad durch die befreiten Gebiete und gründete in jeder Stadt Ableger des neugegründeten FSGT. Nach Kriegsende gehörte Briday zu jenen ehemaligen Widerstandskämpferinnen und -kämpfern, die sich gegen eine Aussöhnung mit ehemaligen Kollaborateuren einsetzten. Solange sie im FSGT etwas zu sagen hatte, durften Personen, denen eine Zusammenarbeit mit der Vichy-Regierung in welcher Form auch immer nachgewiesen werden konnte, keine Funktion mehr in einem Verein der FSGT ausüben.