Vorschläge für eine dauerhafte Männlichkeitskritik

Organisiert Männlichkeitskritik

Männer müssen bei der Bekämpfung sexualisierter Gewalt Verantwortung übernehmen und zur Verantwortung gezogen werden.
Disko Von

diskoWie gehen Linke mit sexualisierter Gewalt um? Bilke Schnibbe kritisierte die ­Täterarbeit in linken Gruppen (Nutzlose Täterarbeit in linken Gruppen - Jungle World 24/2020), die Gruppe ff forderte eine Reflexion linker Männlichkeit ein (Cis-Typen, macht euch verletzlich! - Jungle World 25/2020) und die Gruppe e*space plädierte für langfristige Konzepte für den Umgang mit Gewalt und Übergriffen (Unterschiedliche Bedürfnisse anerkennen - Jungle World 26/2020).

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Cis-Männer beim Thema sexualisierte Gewalt als bewusste, politische Sub­jekte ernst zu nehmen, muss heißen, sie damit zu konfrontieren, dass sie meistens keine sind. Die patriarchale Gesellschaftsordnung schafft und erhält sich über strukturell männlich geprägte Formen und Institutionen, die das Nichtmännliche in einen vorgeblich ungesellschaftlichen, privaten Raum abspalten. Das männliche Subjekt dieser Ordnung findet diesen Zustand wie selbstverständlich vor, kann in ihm seine Interessen und Anliegen als ­allgemeine platzieren und darauf vertrauen, dass ihm das abgespaltene ­Private widerspruchsfrei zur Verfügung steht. Diese Selbstverständlichkeit macht auch vor der linken Szene nicht halt.

Wie Bettina Wilpert in ihrem Beitrag (Jungle World 23/2020) gezeigt hat, werden von sexualisierter Gewalt Betroffene in dieser Konstellation von ­Öffentlichem und Privatem aufgerieben. Die Gewalt, die meistens im Privaten (Familie, Beziehungen, Umfeld) stattfindet und dort verborgen wird, wird von der Öffentlichkeit (Polizei, Justiz und Presse) zugelassen, selten aufgeklärt und über victim blaming, Rassismus und Repression externalisiert. Wilpert betont, dass die radikale Linke einen politischen Umgang und eigene Organisationsformen gegen diesen Zustand braucht, wenn sie ihr Heil nicht im Staat oder ihrer eigenen Szene­moral suchen will.

Heterosexuelle Cis-Männer, die das männliche Subjekt idealtypisch verkörpern, tragen besondere Verantwortung dafür, diesen Zustand zu ändern, weil sie ihn am aktivsten aufrechterhalten und am meisten von ihm profitieren. Antisexismus braucht eine organisierte Männlichkeitskritik, denn die meisten haben weder ein bewusstes noch ein politisches Verhältnis zu ­sexualisierter und sexueller Gewalt. Stellenweise bringt sie zwar der femi­nistische common sense der radikalen Linken dazu, die Existenz dieser Gewalt anzuerkennen und sie zu verurteilen, wirkliche Konsequenzen ziehen sie daraus aber selten.

Die kopflosen Reaktionen und die demonstrative Hilflosigkeit vieler Männer nach den unkonsensualen ­Videoaufnahmen auf den Festivals Fusion und »Monis Rache« sind das Pendant zu dieser Bewusstlosigkeit. Sie treten immer dann auf, wenn Männer von außen mit der patriarchalen Realität konfrontiert werden, die sie doch angeblich längst kritisch reflektiert haben. Dass dieses Aufgescheuchtsein wenig mit antisexistischer Praxis und mehr mit Ersatzhandlung zu tun hat, zeigte sich jüngst in Leipzig: Eine von FLINT* (Frauen, Lesben, ­intergeschlechtliche, geschlechtlich nichtbinäre und transgeschlechtliche Personen, Anm. d. Red.) vorbereitete Veranstaltung, die sich auch an Männer richtete, wurde von diesen regelrecht überrannt, weil sie ­erwarteten, dort ­organisiert zu werden. Eigene Organisationsversuche, die nicht auf so ­einem Service basiert hätten, versandeten dagegen schnell.

Das Konzept der allyship weist Männern nur eine passive Unterstützungsrolle zu. Die feministische Kritik an diesem Konzept, wie sie die Gruppe ff ­geübt hat (Jungle World 25/2020), muss um Kritik an Männlichkeit erweitert werden. Denn Männer haben, wie Bilke Schnibbe in Bezug auf Täter festgestellt hat (Jungle World 24/2020), ein Interesse daran, bei feministischen Themen im Allgemeinen und bei sexueller Gewalt im Besonderen keine bewussten, aktiven Subjekte zu sein.

Sie bleiben passiv und überlassen den Feministinnen und den Betroffenen die Aufgabe, ihnen zu sagen, was sie zu tun haben. Dabei profitieren sie von dem fehlenden Vertrauen in sie, das sie sich in der Regel auch hart erarbeitet haben. Wenn sie nur oft genug zeigen, dass sie keine Verantwortung übernehmen wollen oder können, so die (unbewusste) Strategie, verschwindet der Anspruch von ganz allein – je weniger man tut, desto weniger muss man tun.

Das ungeklärte, apolitische Verhältnis zu rape culture und die fehlende antisexistische Praxis vieler Männer sind deshalb nicht neutral, sondern struktureller Täterschutz: Wenn Männer dafür sorgen, dass sie sich nicht ­bewusst, organisiert und beständig mit Männlichkeit und rape culture aus­einandersetzen müssen, schützen sie sich auch selbst und ihr eigenes Verhalten vor Kritik und zementieren die patriarchale Abspaltung ins Private.

Die Ignoranz und Passivität von Männern in feministischen Belangen und ihre aktive Komplizenschaft im Patriarchat sollen mit »Kritischer Männlichkeit« reflektiert und bekämpft werden. Doch allzu oft geschieht dies individualisiert und abseits von realen Konflikten. Wenn ­Männer in Workshops und offenen Runden über Männlichkeit reden, bleibt die Auseinandersetzung oft selbstzentriert und konsequenzlos. Das diffuse Herumstochern in »Männlichkeit an sich« fördert eher Selbstmitleid und die Suche nach einer alternativ-männlichen Identität statt die ernsthafte Konfrontation mit sich und ­anderen Männern. Die Grenzen einer solchen Auseinandersetzung zeigen sich nicht zufällig immer wieder bei Täterschaft und rape culture, die selbst bei profeministischen Gruppen und Aktionen selten konkret thematisiert und auf die Beteiligten bezogen werden. Der Autor dieser Zeilen war in gleich zwei Zusammenhängen aktiv, die selbst dann keine Konsequenzen zogen, als klar wurde, dass Mitglieder der beider Gruppe in der Vergangenheit über­griffig gewesen waren – es wurde weiter über Männlichkeit geredet, als wäre nichts gewesen.

Was aber konkret tun? Die Gruppe e*space Dresden hat dafür plädiert, dass antisexistische Praxis verstetigt, organisiert und institutionalisiert sein muss, wenn sie nicht ausgelagerte Elendsverwaltung oder Feuerwehrreaktion sein will (Jungle World 26/2020). Für Männer heißt das, dass sie diese Strukturen aktiv aufbauen und an ihnen teilnehmen müssten. Dabei würde Männlichkeit von einem bloßen Thema unter anderen zum konkreten Problem. Andererseits, das hat auch die Gruppe ff betont, bringen Männer selten die Voraussetzungen mit, um in solidarischen Bündnissen mit Feministinnen zu wirken. Wenn die Unterstützung von Betroffenen ständig vom Kampf gegen männliche Kränkungen, Abwehr und Täterschutz in der eigenen Gruppe überschattet wird, sind es wieder vor allem Frauen, die dafür sorgen, dass Männer aktive Subjekte sein können. Deshalb zu fordern, Männer sollten individuell »ihre Hausaufgaben« machen und eine »Kritische Männlichkeit« entwickeln, greift aber auch zu kurz. Stattdessen müssen auch hier stetige, organisierte und institutionalisierte Formen gefunden ­werden, die sicht- und ansprechbar sind, so dass man sich auf sie beziehen kann.

Die Männer jeder politischen Organisation, jedes Kneipenkollektivs und ­jeder Betriebsgruppe müssten sich die Aufgabe stellen, ein Plenum oder ­einen Rat zur Reflexion und Kritik von männerbündischen Dynamiken und dem damit einhergehenden Täterschutz in der eigenen Gruppe und ihrer poli­tischen Arbeit einzurichten. An diesem mindestens müssten alle Männer teilnehmen. Auch hier würde Männlichkeit konkret zum Problem, zu dem sich Männer abseits vom kontemplativen »Privilegienchecken« verhalten müssen. Da diese Räte stetig sicht- und ansprechbar wären, könnte hier auch (anonyme) Kritik von außen oder von den FLINT* der eigenen Gruppe geäußert werden. Autonome feministische Macht würde so gestärkt, statt sie wie sonst in marginale Schutzräume zu verdrängen, weil Mann die »allgemeinen« politischen Räume dominiert. Bei Veranstaltungsgruppen wäre zudem vorstellbar, dass der männlichkeits­kritische Rat einen beständigen Umgang mit gewaltausübenden Männern abseits von Duldung oder Hausverbot anbietet.

Spätestens hier wird aber deutlich, dass diese Räte zwar autonom, aber nicht souverän sein dürfen. Denn es ist empirisch und theoretisch gut ­begründbar, Männern bei der Auseinandersetzung mit Männlichkeit zu misstrauen und die Gefahr von erneuten Männerbünden und Täterschutz ernst zu nehmen. Deshalb müssten sich solche Räte dazu verpflichten, dem Rest ihrer Gruppe, dem FLINT*-Plenum oder einer verpartnerten feministischen Gruppe Transparenz und ­Rechenschaft über die eigenen Methoden und Arbeitsergebnisse abzulegen. So wäre vorausgesetzt, dass profeministische Vernetzung zwischen diesen ­Räten stattfände und nicht zwischen einzelnen Männern, die sich oft nur gegenseitig in ihrer Passivität und Orientierungslosigkeit bestätigen. Das ­Potential, eine Wirkung auch über die eigene Gruppe hinaus zu entfalten, würde damit erhöht.

Dies ist auch nicht der ultimative Lösungsvorschlag, aber es wäre angesichts der verbreiteten Passivität ­wenigstens ein Anfang, wenn der antisexistische Anspruch linker Männer mehr als ein Lippenbekenntnis sein soll.