Die Ultras haben Fußball­stadien in Deutschland zu besseren Orten gemacht

Rebellen im Stadion

Eine kurze Geschichte der deutschen Ultras.

Von Verbandsfunktionären immer noch gerne als das »hässliche Gesicht des Fußballs« verurteilt, hat die Ultraszene beim allgemeinen Fußballpublikum längst einen Imagewandel erfahren. Gerade in diesen Wochen und Monaten loben viele Medien sie für ihre Solidaritätsaktionen in der Coronakrise. Es lässt sich nicht mehr ignorieren, dass Ultragruppen überall im Land soziale Projekte betreiben, in manchen Fällen gemeinsam mit den Clubs. Steven Mähler von der Mönchengladbacher »Nordkurve Aktiv« sagte der Deutschen Welle am 18. April, das alles sei nichts wirklich Neues: »Wahrscheinlich hat längst jede Ultraszene in Deutschland ein karitatives Bündnis.«

Zugleich gehören die Ultras zu den Verlierern, sollten die neuen Pläne der Deutschen Fußballliga (DFL) für Spiele während der Pandemie verwirklicht werden. Das Konzept für die Mitte September beginnende Bundesligasaison sieht die Wiederzulassung sogenannter Teilzuschauermengen vor. Der Infektionsschutz geht dabei auf Kosten bestimmter Zuschauergruppen: keine Stehplätze, keine Fans der Gastmannschaften. Die Ultras sollen draußen bleiben und es werden in den fast leeren Stadien vornehmlich gutsituierte Dauerkartenbesitzer sitzen, in den Logen und auf den Ehrenplätzen zudem Sponsorenvertreter. Das kommt dem langjährigen Präsidenten des FC Bayern München, Uli Hoeneß, durchaus gelegen, der sich heftig über den Protest vieler Ultragruppen gegen die sogenannten Geisterspiele empörte und in der Sendung »Stammtisch« des Bayerischen Rundfunks am 18. Juli sagte, die ­Ultras müssten wissen, »dass der Fußball auch ohne Ultras möglich ist«.

Offenbar ist das ein Herzenswunsch vieler Funktionäre. Interessanterweise erinnerte Hoeneß aus­gerechnet an das Bundesligaspiel Ende Februar zwischen 1899 Hoffenheim und dem FC Bayern; die Partie wäre wegen ausufernder Proteste der Bayern-Ultras gegen den Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp fast abgebrochen worden. Es sei bezeichnend, so Hoeneß, dass vor allem die Protestierenden von damals auch die Geisterspiele der Gegenwart und Zukunft strikt ablehnten.

»Große Teile der Ultra-Gruppierungen bei uns sind dafür verantwortlich, dass wir zum Beispiel hinterm Tor nicht braunverseucht sind.«
Michael Zorc, Manager bei Borussia Dortmund

Eine Fortsetzung der Bundesliga in fast leeren Stadien stößt bei den organisierten Fans generell auf heftige Ablehnung – nicht primär aus Protest gegen den Ausschluss von Fans, sondern weil die Ausrichtung der Spiele allein vom Geld getrieben sei. »Dass diese Diskussion überhaupt geführt wird, ist ein Ausdruck der völlig falschen Entwicklung im Fußball, die seit langem von aktiven Fans kritisiert wird«, schreibt die Organisation »Fanszenen Deutschlands«, die den Ultras nahesteht, in einer Stellungnahme für die ARD-Sportschau. Der Politikwissenschaftler Jonas Gabler forscht seit Jahren zu Fan-Themen. »Die organisierten Fans wünschen sich ein Innehalten«, sagte er im Gespräch mit Sportschau.de. »Der Fußball soll sich ihrer Ansicht nach durch die Krise gesundschrumpfen.«

Die Proteste von Ultras Ende Februar, auf die Hoeneß anspielte, waren für viele DFB- und Vereinsfunktionäre ein Schock. Sie brachten nicht nur das Spiel im Stadion der Hoffenheimer fast zum Kippen, sondern fanden gleichzeitig in fast allen großen Stadien der Republik statt. Sie richteten sich auch nicht nur gegen Dietmar Hopp, der für das Modell des allmächtigen Clubbesitzers steht, sondern gegen das Fußball-Establishment von DFB und DFL, das den Fußball immer mehr in eine zu verwertende Ware verwandelt. Die Ultras sind meist die einzigen, die gegen den Kommerzapparat Einspruch erheben, die stören und sich einmischen. Viele Funktionäre in Verband und Vereinen stören sie so sehr, dass sie sie in den Rang einer semikriminellen Vereinigung erheben, ge­gen die man mit der ganzen Härte des Gesetzes vorzugehen habe.

So reagierte man auf die Proteste im Februar mit der Forderung, die Ultrabewegung ganz aus den Stadien herauszuhalten. DFB-Vizepräsident Rainer Koch sagte im Interview mit Legal Tribune Online vom 3. März: »Sind Vereine und Kurve nicht in der Lage, die Täter an ihrem Handeln zu hindern, bleibt in letzter Konsequenz als letztes Mittel nichts anderes übrig, als den Block in Gänze auszuschließen.« Der Vorstandsvorsitzende von Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge, sagte zum Protest der Ultragruppe »Schickeria« im Hoffenheimer Stadion: »Das ist das ganz hässliche Gesicht von Bayern München. Wir wollen mit diesen Leuten in unserem FC Bayern nichts zu tun haben.«
Dass es die Ultragruppe »Schickeria« besonders hart treffen soll, ist eine Ironie der Bayern-Geschichte. Die Fan-Gruppe ist spätestens seit dem Umzug vom Olympiastadion in die Allianz-Arena mächtig geworden. Sie darf sich zuschreiben, die Stimmung in der Arena deutlich verbessert zu haben. Darüber hinaus setzt sie sich für politische Belange und für das Bewusstsein für die jüdisch geprägte Vereinsgeschichte ein: Mitglieder der »Schickeria« erhielten 2014 den Julius-Hirsch-Preis des DFB für ihren Einsatz gegen Diskriminierung und Rassismus im Stadion.

Die »Schickeria« gehört zu einer europaweiten Ultrabewegung, die es in Deutschland seit 30 Jahren gibt. Sie entstand bereits Mitte der sechziger Jahre in Norditalien, wo die ersten Ultragruppen ihre autonomen Symbole und Werkzeuge der Achtundsechziger-Rebellion entlehnten: Outfit, Spruchbänder, Fahnen, Megaphone, Rauchbomben und anderes Feuerwerk. Jonas Gabler hat diese Historie ausführlich in seinem Buch »Die Ultras – Fußballfans und Fußballkulturen« (Köln 2013) beschrieben. Nach Deutschland gelangte die Ultrabewegung zu einem Zeitpunkt, als man von Krisenjahren der Fan-Szene sprach. Die Zuschauerzahlen waren gegen Ende der achtziger Jahre unter anderem wegen der Gewaltexzesse von Hooligans stark zurückgegangen. Die Stimmung in den Stadien war auf dem Nullpunkt. Supporterclubs und Fan-Gruppen suchten nach einer Verbesserung der Stadionatmosphäre, nicht wenige auch nach Antworten auf das riesige Rassismusproblem.

Zuerst entstanden auf St. Pauli, in der Kölner Südstadt und im Ruhrpott junge Ultragruppen, die nicht länger akzeptieren wollten, dass ihre Vereine sich in der Öffentlichkeit nur noch wie Wirtschaftsunternehmen präsentierten. Hier liegt weiterhin der Kern der Ultrabewegung, die zudem immer eine selbstorganisierte Jugendkultur geblieben ist. Marcus Sommerey beschreibt in seinem Buch »Die Jugendkultur der Ultras« (Stuttgart 2010) eindrucksvoll, wie die Ultras das Faszinosum des Spiels mit starkem Gruppengefühl verbinden, das vor der Gesellschaft und Repressalien durch die Polizei schützt und die Provokation – sei es des Gegners, des Vereins oder der Erwachsenenwelt – erleichtert. Mit der Digitalisierung eröffnen sich immer bessere Möglichkeiten, mit Choreographien, Plakaten und Sprechchören die eigene Sicht kundzutun und die Selbst­organisation zu stärken.

Der größte Erfolg der Ultras ist die Veränderung des Supports in den Stadien. Die berühmten Fan-Gesänge finden permanent statt, sie folgen einer bestimmten Dramaturgie und in ihnen spiegelt sich die Historie der Vereine wieder. Zugleich erfinden die Ultras eigene Lieder und Texte, die an Zusammenhalt, Fairness, Leidenschaft und teils auch an Diversität appellieren. Das Publikum in den Stadien reagiert darauf meist aufgeschlossen. In den vergangenen 30 Jahren ist die Szene der Fußballfans durch die Ultras bunter und offener geworden. Für diese zählt allein das Engagement in der Gruppe, nicht die Herkunft. Mit ihrem Einfluss hat sowohl die rechtsextreme Pöbelei als auch die Gewalt im Stadion deutlich abgenommen. Michael Zorc, Manager bei Borussia Dortmund, der sich im Stadion mit einer zwar kleinen, aber gut organisierten Naziszene auseinandersetzen muss, sagt dazu: »Große Teile der Ultragruppierungen bei uns sind dafür verantwortlich, dass wir zum Beispiel hinterm Tor nicht braunverseucht sind.«

Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass große Traditionsvereine wie der FC Schalke 04 und der Hamburger SV der Ultrabewegung nicht nur gesprächsbereit begegnet sind, sondern sie in ihre Strukturen eingebunden haben. Jedoch ist dies teils schon wieder Vergangenheit und insgesamt die Ausnahme geblieben – auch, weil die meisten Ultragruppen keinen größeren Wert auf interne Vereinsarbeit legen oder diese ablehnen. Sie pflegen lieber ihre »rebellische Leidenschaft« (Gabler). Viele Vereine suchen ihrerseits keine geregelte Kooperation mit Ultragruppen, weil die Fronten oft verhärtet sind.

Die Situation vieler Ultragruppen ist paradox. Sie betonen ihre große Nähe zu »ihrem« Verein und dessen Tradition, die sie gegen den Kommerz verteidigen wollen. Aber oft wollen sie dann, weil sie um ihre Selbstorganisation fürchten, mit dem Club, um den es geht, nicht viel zu tun haben. Einen anderen gibt es aber nicht. In dieser Lage besteht die Gefahr, dass die rebellische Autonomie ins Leere läuft und zum Ritual erstarrt.

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