Kindern deutscher IS-Kämpfer

»Wir brauchen Therapie­programme«

Interview Von Marc Neugröschel

Soraya Mentiply, sozialpädagogische Beraterin, über den Umgang mit nach Deutschland gebrachten Kindern deutscher IS-Kämpfer.

In den vergangenen Wochen machte die Flucht Hunderter Kämpfer des »Islamischen Staats« (IS) und ihrer Angehörigen aus Gefangenenlagern in Nordsyrien Schlagzeilen. Darunter waren wohl auch mehrere Deutsche. Deshalb sorgt man sich hierzulande über deren mögliche Rückkehr. Sie betreuen seit vielen Jahren in Deutschland verbliebene Familienangehörige ausgereister Jihadisten. Rechnen diese mit einer baldigen Rückkehr ihrer Verwandten?
Es mag etwas zynisch klingen, aber die schlimmen Entwicklungen in Nordsy­rien verbinden die Eltern deutscher IS-Mitglieder in der Tat auch mit der Hoffnung, ihre Kinder und Enkelkinder bald wiederzusehen. Diese Hoffnung bezieht sich nicht nur auf die bereits aus den kurdischen Lagern entkommenen Gefangenen, über die in den vergangenen Tagen so viel in den Zeitungen zu lesen war, sondern durchaus auch auf Personen, die noch in den Camps interniert sind. Die kurdischen Gefängnisse und Lager, in denen auch die Frauen und die zum Teil noch sehr kleinen Kinder der IS-Kämpfer festgehalten werden, können wegen der kriegerischen Auseinandersetzung nicht mehr so gut bewacht werden wie ­vorher. Die Türkei droht angesichts diplomatischer Spannungen, die Flüchtlinge nach Europa zu lassen. Die Eltern der ausgereisten IS-Anhänger begrei­fen das alles als Chance, ihre Familien wieder zusammenzuführen und ihre vom IS verführten Kinder zu resozialisieren.

Sie glauben also, dass man in Deutschland auch mit der baldigen Rückkehr von IS-Anhängern rechnen muss, die zurzeit noch in den kurdischen Lagern festsitzen?
Zumindest mit den Frauen und Kindern unter ihnen. Erst vor einigen Tagen entschied das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, dass die Bundesregierung eine aus Wolfsburg stammende IS-Anhängerin und ihre Kinder aus Syrien zurückholen müsse. Ich kenne die Familie, um die es geht, persönlich. Allein im Gefangenenlager al-Hul (Jungle World 43/2019) befinden sich zurzeit 68 minderjährige Deutsche. Wir müssen davon ausgehen, dass sie über kurz oder lang mit ihren Eltern oder ohne diese in Deutschland aufschlagen werden. Doch auf die Ankunft dieser Kinder sind wir in Deutschland völlig unvorbereitet.

Warum ist das so?
Es gibt kaum Programme, in denen diese Kinder adäquat und psychosozial betreut werden können. Wir reden hier von vom Krieg traumatisierten Minderjährigen, zum Teil Kleinkindern. Zurzeit befinden sie sich entweder gerade auf der Flucht, in türkischen Gefängnissen oder immer noch in den nordsyrischen Lagern, in denen entsetzliche Bedingungen herrschen. Dort erleben sie nicht nur Armut und Gewalt, sondern auch die Indoktrinierung mit einem islamistischen Weltbild, das den Alltag in diesen Lagern prägt. Die­se Kinder brauchen dringend gezielte professionelle Therapien und eine angemessene psychosoziale Betreuung. Zum einen, damit sie ihre Kriegstraumata verarbeiten können, vor allem aber auch deshalb, weil sie durch ihr Umfeld nach wie vor dem Einfluss der Ideologie des IS ausgesetzt sind. Wir müssen der Radikalisierung dieser ­Kinder entgegenarbeiten, sonst nehmen wir in Kauf, dass auf deutschem Boden die nächste Generation von Jihadisten heranwächst. Zurzeit gibt es aber kaum Maßnahmen, die dem Rechnung tragen.

Die Bundesregierung hat für das laufende Haushaltsjahr 100 Millionen Euro für das nationale Präventionsprogramm gegen islamistischen Extremismus veranschlagt. Beinhaltet das denn nicht solche Maßnahmen?
Nicht im gebotenen Rahmen. Aus meiner konkreten Arbeit kenne ich viele Kinder von IS-Anhängern, die bereits in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen oder zurückgekommen sind. Von denen befindet sich kein einziges in Therapie. Meine Kollegen und ich werden immer wieder von Lehrern und Mitarbeitern der kommunalen Jugendämter angesprochen, die händeringend nach geeigneten Betreuungsprogrammen für die Kinder von IS-Rückkehrern suchen. In der Regel können wir leider keine geeigneten Maßnahmen vermitteln, weil es sie kaum gibt. Ich erkundige mich immer wieder. Zuletzt habe ich nochmal ganz konkret in Berlin, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen nachgeforscht. Zumindest für diese vier Bundesländer kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass es dort keine entsprechenden öffentlich geförderten Therapieangebote gibt. 
Bei den Maßnahmen, die derzeit im Rahmen des nationalen Präventionsprogramms gegen islamistischen Extremismus gefördert werden, handelt es sich vor allem um Projekte der Innenministerien und des Verfassungsschutzes, die sich sehr stark auf sicherheits­politische Aspekte konzentrieren. Was wir aber auch brauchen, sind Programme für kommunale Einrichtungen wie Schulen, Jugendämter und Jugendfreizeiteinrichtungen, in denen die Kinder der IS-Anhänger entsprechend betreut werden müssen.

 

Eine deutsche Tageszeitung titelte Ende Oktober, dass es in Berlin, so wörtlich, eine »gute Betreuung« für IS-Rückkehrer gebe.
Das halte ich, mit Verlaub, für einen Witz. Der Artikel, von dem Sie sprechen, stand am 31. Oktober im Tagesspiegel und berichtete über den konkreten Fall einer IS-Rückkehrerin, die kürzlich mit ihrer Tochter in Berlin eingetroffen ist. In diesem Kontext wird auch der stellvertretende Neuköllner Bezirksbürgermeister und Stadtrat für Jugend und Gesundheit, Falko Liecke (CDU), mit den Worten zitiert, dass es »keine ausreichenden Kapazitäten in der Traumatherapie für Erwachsene und Kinder« gebe. Stattdessen gebe es teils lange Wartelisten, vor allem wenn arabisch sprechende Therapeuten benötigt würden. Diese Einschätzung ist in meinen Augen sogar noch geschönt. Von den IS-Kindern, die ich persönlich kenne, wird, wie gesagt, kein einziges konsequent therapiert.

Können Sie konkrete Fälle schildern, in denen Kindern eine notwendige Therapie verwehrt bleibt?
Ich kenne zum Beispiel einen achtjährigen Jungen, der noch vor zweieinhalb Jahren mit seinem mittlerweile gefallenen Vater, einem IS-Kämpfer, in Syrien an der Waffe trainiert hat. Inzwischen ist er mit seiner Mutter und seinen vier Geschwistern nach Deutschland zurückgekehrt. Er geht auf eine Grundschule in Niedersachsen. Eine besondere Betreuung oder Therapie, die ihm dabei helfen könnte, seine Kriegserlebnisse zu verarbeiten, bekommt er nicht. Dasselbe gilt für seine Geschwister, die gemeinsam mit ihm in Syrien unter IS-Kämpfern gelebt haben und hier nun in die Grundschule oder in den Kindergarten gehen. Sie alle haben als Kleinkinder Krieg, Gewalt, Flucht und das Leben in einer hochideologischen und radikalisier­ten Gemeinschaft erlebt. Das kann ein regulärer schulischer Rahmen oder normaler Kindergarten nicht auf­fangen.

In den Medien konnte man in den vergangenen Monaten von vergleichbaren Fällen hören.
Richtig. Einer der prominentesten Fälle ist wohl der von Omaima Abdi, der ­Witwe des berüchtigten deutschen IS-Kämpfers und Rappers Denis Cuspert alias Deso Dogg. Die renommierte libanesische Journalistin Jenan Moussa hat für den Dubaier Fernsehkanal al-Aan eine bemerkenswerte Investigativreportage über Abdi gedreht. Diese, eine gebürtige Hamburgerin, ließ sich 2015 in Syrien mit Burka und umgehängtem Maschinengewehr ablichten. Sie lebt mittlerweile wieder mit ihren Kindern in Hamburg. Es gibt Fotos, die Abdis Kinder in Syrien mit Waffen und IS-Fahnen in der Hand zeigen. Nachdem ich Moussas Reportage gesehen hatte, habe ich mich bei den Hamburger Behörden umgehört und in Erfahrung gebracht, dass sich keines von Abdis Kindern in einem Therapieprogramm befindet.

Was muss geschehen?
Ich denke, das liegt auf der Hand. Wir brauchen psychosoziale Betreuungs- und Therapieprogramme für die Kinder von deutschen IS-Rückkehrern, insbesondere für die jüngsten unter ihnen. Diese müssen auf kommunaler Ebene mit Schulen, Kindergärten, Kindertagesstätten und Jugendfreizeiteinrichtungen koordiniert werden.